Die schmutzigen Geschäfte hinter der weißen Weste der Entsorgungsindustrie
Mülltrennung: Ein Thema, dem sich die Deutschen mit größter Begeisterung verschrieben haben. Mit penibler Genauigkeit trennen wir alles, was irgend möglich ist, und bei Gelegenheit wird auch gerne mal ein abschätziger Blick in die Nachbarländer geworfen, die bedenkenlos alles in eine Tonne schmeißen. Für die große Mehrheit im Land steht fest: Wenn der selbsternannte Recycling-Weltmeister eins nicht hat, dann ist es ein Müllproblem. Das System der Kreislaufwirtschaft sorgt für traumhafte Verwertungsquoten – 95 Prozent des sogenannten Siedlungsmülls werden „verwertet“ –und lediglich ein kleiner, unverwertbarer Rest landet auf Deponien.
Skrupellose Schattenwirtschaft
Doch bereits auf den ersten Seiten des Buches von Michael Billig wird die Leserin mit der bitteren Realität konfrontiert und muss erkennen, dass sich hinter der scheinbar perfekten Kreislaufökonomie eine Schattenwirtschaft etabliert hat, die auf skrupellose Art und Weise ihre Vorteile aus den Massen an Müll zieht.
Der Startschuss für die schmutzigen Geschäfte der deutschen Müllmafia war das Deponieverbot im Jahr 2005, das die Deponierung unbehandelter, biologisch abbaubarer Siedlungsabfälle ohne Einschränkungen untersagt. Deutschland investierte Milliarden in die Modernisierung von Abfallbehandlungsanlagen und rühmte sich mal wieder seiner internationalen Vorreiterrolle, während die Entsorgungsunternehmen im Hintergrund schon in den Startlöchern standen.
Der Journalist Michael Billig folgt der Spur des Mülls, die von den Mülltonnen vor unserer Haustür einmal quer durch die gesamte Republik führt, bevor der Abfall schließlich auf illegalen Deponien abgekippt wird. Hunderte „Einzelfälle“ – mit dieser Erklärung versuchen die Behörden im Nachhinein ihr Versagen zu rechtfertigen. Dass bei den Geschäften immer wieder die gleichen Namen auftauchen, lässt ein deutschlandweites Netzwerk mit kriminellen Strukturen vermuten, das die Geschäfte kontrolliert und das die Behörden nicht durchschauen können (oder wollen). Von den fatalen Auswirkungen, die die Mischung aus Giftmüll, Plastik und Schwermetallen auf unsere Umwelt hat, überhaupt nicht zu reden.
Illegale Müllexporte
Der Autor beleuchtet weitere Probleme, die mit den Überresten unseres maßlosen Konsums in Verbindung stehen, wie die illegalen Müllexporte in Entwicklungsländer, die nach und nach in unseren Plastikverpackungen ertrinken.
Am Ende präsentiert Billig auch konstruktive Veränderungsvorschläge, die das Müllproblem als solches zwar nicht lösen, aber ein erster, wichtiger Schritt im Kampf gegen die illegalen Praktiken wären.
Michael Billig:
Schwarz. Rot. Müll.
Die schmutzigen Deals der deutschen Müllmafia
Verlag Herder, Freiburg 2019
239 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-451-39494-2
Weitere Informationen: www.muellrausch.de
Wo Kinder Natur erfahren können
Ein Leitfaden lädt dazu ein, Naturerfahrungsräume in der Großstadt einzurichten
Flächen zum Rennen, Buddeln, Matschen und Klettern, um Tiere zu beobachten oder Früchte zu naschen – Erfahrungen in der Natur haben für Kinder einen besonderen Wert. Gerade in Großstädten fehlt es aber häufig an Möglichkeiten für ein unbeobachtetes, selbstbestimmtes Spiel in der Natur.
Dabei zeigen wissenschaftliche Studien, dass dies für die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern unverzichtbar ist. Positive Naturerfahrungen „stärken das Lebensgefühl, vermindern Aggressivität“ und „fördern Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmungsfähigkeit sowie die Ausbildung motorischer Fähigkeiten“, heißt es in der Strategie zur biologischen Vielfalt der Bundesregierung. Vor zehn Jahren wurden „Naturerfahrungsräume“ ins Bundesnaturschutzgesetz aufgenommen.
Viele Städte und Gemeinden haben inzwischen erkannt, wie wichtig es ist, dass Menschen Natur erfahren und begreifen können. Wie sie Naturerfahrungsräume planen, einrichten und dauerhaft betreiben können, beschreibt am Beispiel Berlins ein neuer Leitfaden der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz.
Frei spielen und toben
Naturerfahrungsräume sind naturnahe Freiflächen, auf denen vor allem Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren ohne Begleitung Erwachsener und ohne vorgegebene Spielelemente frei spielen und toben können, zum Beispiel mit Erdhügeln, Matschlöchern oder losen Materialien. Dabei ist das Erfahren und Entdecken der Natur genauso wichtig wie der Erholungseffekt.
Ein Naturerfahrungsraum sollte ein bis zwei Hektar groß sein, wobei die eine Hälfte extensiv gepflegt und die andere der Strukturierung durch die Natur überlassen wird. Damit die Kinder den Naturerfahrungsraum selbständig aufsuchen können, sollte er in unmittelbarer Wohnumgebung liegen.
Die Kinder sollen schon in der Planungs- und Einrichtungsphase einbezogen werden und auch später den Raum immer wieder neu mitgestalten, zum Beispiel durch Hüttenbau oder Pflanzaktionen.
Gut strukturierte Arbeitshilfe
Wer mit der Idee spielt, einen Naturerfahrungsraum zu eröffnen, findet eine gute Arbeitshilfe in diesem Leitfaden. Er hat vier Kapitel: Projektvorbereitung, Planung, Einrichtung und Betrieb. Am Ende gibt es jeweils eine kurze Zusammenfassung und eine Art Checkliste.
Es gibt Register zur schnellen Orientierung, Kästen mit Beispielen aus der Praxis und Seitenspalten mit weiterführenden Informationen, Verweisen und Lesetipps. Da ich als Pädagogin und Mutter eher eine Nutzerin bin, habe ich mich entschieden, den Leitfaden auch aus dieser Sicht zu lesen und zu bewerten.
Besonders interessant fand ich die vielfältigen Beteiligungsmöglichkeiten für die Kinder vom Beginn der Planung bis zum eigentlichen Betrieb. So können sie in Workshops oder bei Aufräumaktionen an der Gestaltung der Naturerfahrungsräume teilhaben und gemeinsam Regeln festlegen, die dann auch eher eingehalten werden. Ist der Naturerfahrungsraum in Betrieb, können die Kinder sich an Pflegeeinsätzen und Instandhaltungen beteiligen oder bei Reparaturen helfen.
„Wilde Welten“ in Berlin
Besonders gut gefällt mir die Idee, dass Kinder Patenschaften für Bäume und Sträucher übernehmen und so die Möglichkeit bekommen, Verantwortung zu zeigen. Das stärkt das Selbstwertgefühl und die Wertschätzung für die Natur. Kinder können sich auch für Ämter und Aufgaben wählen lassen, die sie dann für einen bestimmten Zeitraum ausführen. Und sie können und sollen jederzeit den Raum in ihrem Spiel umgestalten! In einer Welt, in der stets und ständig über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, ist das besonders wichtig.
Das alles fördert die Identifikation der Kinder mit „ihrem“ Naturerfahrungsraum und bewirkt, dass sie mit den Flächen, den Materialien, der vorhandenen Natur sorgfältig umgehen.
Der Leitfaden beruht auf einer mehrjährigen Erprobung zu Naturerfahrungsräumen in Berlin. Dabei wurden drei „Wilde Welten“ errichtet: am Spieroweg in Spandau, am Kienberg in Marzahn und an der Moorwiese in Buch. Letztere habe ich mit meinen Kindern schon besucht.
Grundprinzip der Naturerfahrungsräume ist, dass das freie Spiel immer Vorrang hat. Freies Spiel heißt, dass die Kinder den Ort, die Dauer und die Art und Weise des Spiels bestimmen und nichts durch Erwachsene vorgegeben wird. Inspiriert werden sie vor allem durch Wetter, Jahreszeiten, Fundstücke und ihre eigene Stimmung.
Pädagogische Ausbildung nicht nötig?
Jeder Naturerfahrungsraum soll einen sogenannten Kümmerer oder eine Kümmerin haben, die für Pflege, Wartung, Sicherheit, Information und Netzwerkarbeit sowie Partizipation im Betrieb zuständig ist und auch Spielaktionen organisiert. Diese sollen aber nur eine Hilfestellung bieten, um Kindern, die sich schwertun, den Einstieg ins selbstständige Spiel zu erleichtern.
Laut Leitfaden haben die Kümmerer keine Aufsichtspflicht und müssen nicht unbedingt eine pädagogische Ausbildung haben. Diesen Punkt sehe ich kritisch. Ich finde, Kümmerer sollten immer pädagogische Fachkräfte sein oder zumindest eine Sozialarbeiterin oder einen Erzieher an ihrer Seite haben. Denn viele Kinder erfahren zu Hause wenig Ansprache und Förderung. Nicht wenige leben in beengten Wohnverhältnissen und erleben dort ein Klima aus Gewalt und Vernachlässigung. Oft haben sie nicht gelernt, wie sie auf gute und angemessene Weise mit anderen Kindern in Kontakt kommen können, und suchen den Kontakt eher über aggressive Auseinandersetzungen. Wer nicht in Konfliktlösung geschult ist, kann hier leicht an die eigenen Grenzen kommen und muss dann Kinder des Platzes verweisen – was für diese eine bekannte Erfahrung reproduziert, die ihr negatives Selbstbild festigt.
Auch für Gespräche mit Eltern ist eine Ausbildung in Gesprächsführung mitunter sehr wichtig. Denn die Eltern müssen das Vertrauen aufbringen, ihre Kinder in dem Naturerfahrungsraum spielen zu lassen.
Viele Großstadtkinder brauchen aktive Angebote
Und wenn Spielangebote lediglich eine „Hilfestellung“ sein sollen, muss ich an die vielen Kinder denken, die zu Hause mit Technik regelrecht ruhiggestellt werden. Ich kann mir vorstellen, dass sie viel mehr Anleitung brauchen, als es das Konzept vorsieht. Da es in Ballungsräumen wenig unberührte Natur gibt, sind selbst Kinder, die draußen spielen, Spielplätze mit Spielgeräten gewohnt, die ihnen ziemlich genau vorgeben, was sie spielen können.
Es bräuchte für die Kinder in den Naturerfahrungsräumen also mehr aktive Angebote durch Pädagog:innen. Im Leitfaden findet man auch einige gute Anregungen wie Bewegungsspiele, Spurenlesen, Begegnungen mit einem Baum oder Lauschen nach Vögeln, die unter pädagogischer Anleitung großzügig eingesetzt werden sollten.
In meiner langjährigen Arbeit in der Familienhilfe habe ich immer wieder beobachtet, wie Kinder, die sich hauptsächlich drinnen aufhielten, in ihren natürlichen Eigenschaften wie Neugier, Experimentierfreude, Kreativität und Phantasie verkümmerten und immer unruhiger und aggressiver wurden. Tatsächlich wiesen sie häufig Stresssymptome auf, die denen Erwachsener ähneln.
Naturerfahrungsräume für alle!
Ich bin sicher, dass ein regelmäßiger Besuch eines Naturerfahrungsraums dem entgegenwirken kann. Dort können Kinder zur Ruhe kommen, sich erholen, Stress abbauen und positive Erfahrungen sammeln – mit der Natur, mit sich selbst und mit anderen Kindern.
Es bräuchte sehr viel mehr solcher Naturerfahrungsräume in Großstädten. Meine Idee wäre, dass zu Anfang eines Schuljahres jede Grundschulklasse den nächstgelegenen Naturerfahrungsraum aufsuchen sollte, damit ihn die Kinder kennenlernen, für sich annehmen und in ihrer Freizeit nutzen können. Sicher würden viele Kinder diese Möglichkeit begeistert nutzen.
Auch mir haben allein schon die Bilder in dem Leitfaden richtig Lust gemacht, so schnell wie möglich mit meinen Kindern wieder rauszugehen!
Sandra Göttsche
Die Autorin ist Koordinatorin für Natur- und Umweltbildung in Berlin-Lichtenberg.
Maren Pretzsch u.a.:
Leitfaden Naturerfahrungsräume in Großstädten
Eine Arbeitshilfe für Vorbereitung, Planung, Einrichtung und Betrieb
BfN, Bonn 2020
238 Seiten, kostenlos
Bezug: BfN-Bibliothek, Alte Messe 6, 04013 Leipzig
E-Mail:
Kostenloser Download:
www.bfn.de (Suchbegriff: Naturerfahrungsräume)
Weitere Informationen:
www.stiftung-naturschutz.de/ner
Eine dreifache Krise
Wie Artensterben, Klimawandel und Pandemien zusammenhängen
Schon als Schüler erforschte und sammelte Josef Settele Schmetterlinge. Mittlerweile ist der Agrarökologe Professor und sitzt im Sachverständigenrat für Umweltfragen, der die Bundesregierung berät. Er war einer von drei Vorsitzenden des Weltbiodiversitätsberichts. In seinem Buch „Die Triple-Krise“ beschreibt Settele, wie der Rückgang der Schmetterlinge und der gesamten Artenvielfalt mit dem Klimawandel zusammenhängt. Und weiter, wie menschliches Handeln darüber hinaus für die Entstehung von Infektionskrankheiten wie Covid-19 verantwortlich ist, die von Tieren auf den Menschen überspringen.
Pandemien sind menschengemacht
Wie es derzeit – Anfang 2021 – aussieht, wird uns die aktuelle Corona-Pandemie noch eine ganze Weile im Griff haben – länger, als es die meisten Menschen im vergangenen Frühjahr wohl gehofft hatten. Und die Pandemie gibt Anlass zu neuem Denken.
Josef Settele, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle, prägt in seinem neuen Buch den Begriff „Triple-Krise“. Das beschreibt die Tatsache, dass die menschliche Gesellschaft sich gleichzeitig drei nie dagewesenen Herausforderungen gegenüber sieht: dem Rückgang der Artenvielfalt, dem Klimawandel und der steigenden Gefahr weltweiter Epidemien.
Der Autor zitiert dazu den Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen (IPBES): „So, wie die Klima- und die Biodiversitätskrise, sind die jüngsten Pandemien eine direkte Folge menschlichen Handelns.“ Setteles Arbeit an maßgeblicher Stelle in diesem Rat ermöglicht es ihm, Disziplinen-übergreifende Zusammenhänge zu erschließen und für Leserin und Leser gut nachvollziehbar darzustellen. Die Beschreibung des Ausmaßes und der Folgen der Dreifach-Krise stützt sich auf Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien rund um den Globus.
Leidenschaft für Insekten
Der erste Teil des Buches widmet sich der Vielfalt der Insekten und ihrer unersetzlichen Funktion in den Nahrungsketten fast sämtlicher Ökosysteme und für die Bestäubung zahlloser Wild- und Nutzpflanzen. Da Josef Settele seit seiner Schulzeit passionierter Schmetterlingsforscher ist, verwundert das nicht. Mit Leidenschaft lässt er sich über Nutzen wie auch Schaden von Insekten für Natur und Mensch aus.
Der komplette Ausfall der Insektenbestäubung in Deutschland würde mit einer Milliarde Euro Verlust pro Jahr zu Buche schlagen. Die Honigbienen eines einzigen Stockes bestäuben täglich zwischen 20 und 80 Millionen Blüten. Kein Wunder also, dass die Honigbiene als drittwichtigstes Nutztier der Erde gilt. Wenn über Bienenschutz debattiert wird, ist oft nicht klar, ob von der Honigbiene die Rede ist oder von den 570 heimischen Wildbienenarten, zu denen auch die Hummeln zählen, oder von beiden. Der Autor erläutert, in welcher Beziehung die Honigbiene und ihre wilden Schwestern zueinander stehen und wie sie sich mal die Bestäubungsarbeit teilen, mal aber auch um Pollen und Nektar konkurrieren.
Insekten können aber auch Hungerkatastrophen oder Epidemien auslösen. Settele beschreibt die jüngste Invasion von Wüstenheuschrecken in Afrika, bei der ein Schwarm täglich die Nahrung von bis zu 35.000 Menschen vernichten kann. Sintflutartige Regenfälle in sonst trockenen Wüstengebieten hatten die Massenentwicklung erst möglich gemacht.
Fatale Abwärtsspiralen
Insekten übertragen auch die Erreger von Zika-, Dengue- und Gelbfieber. Der Autor führt eine aktuelle Studie an, nach der in verschiedenen Insektenarten über 20 neue Virusgattungen gefunden wurden. Globalisierung und Lebensraumzerstörung erhöhen die Gefahr von Zoonosen, also von Erkrankungen, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden oder auf ihn überspringen wie im Fall von Covid-19.
Geht die Zahl der Insekten zurück – sei es wegen des großflächigen Anbaus von Mais und Raps für die Energiegewinnung, sei es wegen des übermäßigen Einsatzes von Pestiziden und Düngern –, dann verlieren auch insektenfressende Vogel-, Fisch- und Amphibienarten ihre Lebensgrundlage. Wie an vielen anderen Stellen des Buches beschreibt Settele auch hier Wirkzusammenhänge, die eine fatale Abwärtsspirale darstellen: Pestizide töten neben den Schädlingen auch deren natürliche Gegenspieler. Die Schädlinge erholen sich dann in der Regel schneller als die Nützlinge oder entwickeln Resistenzen – was zu noch mehr Pestizideinsatz führt.
Den wohl verhängnisvollsten dieser Teufelskreise macht Settele an den Polen aus. Die Arktis heizt sich auf, weil die Kaltluftzufuhr gestört ist und weil es in Sibirien, Grönland und Alaska weniger Schnee gibt, der die Sonnenstrahlung reflektiert. Permafrostböden tauen auf und setzen Klimagase in nie gekanntem Umfang frei. Der Rückgang der Eisbären und, in der Antarktis, der Pinguine ist ein beunruhigendes Signal.
Kein Alarmismus
Die Umschlaggestaltung und die düstere Zukunftsvision auf den ersten drei Seiten kommen bewusst alarmistisch daher – der restliche Inhalt des Werkes ist es keineswegs. Josef Settele achtet auf wissenschaftliche Nüchternheit und eine ausgewogene Darstellung. So beleuchtet er auch die Positionen des Bauernverbandes oder des Glyphosat-Herstellers Monsanto – selbst auf die Gefahr hin, sich zwischen alle Stühle zu setzen.
Er kritisiert, dass der größte Teil der EU-Agrarsubventionen noch immer in Großbetriebe fließt, die Jahr für Jahr auf riesigen Schlägen die immer gleichen Pflanzen anbauen. Bauern, die Nutztiere im Freiland halten, bekommen dagegen keine Flächenförderung. Das ist absurd, weil es eine Klima-, Biodiversitäts- und Tierwohl-schädliche Landbewirtschaftung belohnt und das Höfesterben beschleunigt. Auch was die Reduzierung von Pestiziden betrifft, gelingt es der EU bislang nicht, überzeugende Anreize zu schaffen.
Der weite Bogen, den der Autor auf den gut 300 Seiten spannt, wird abgerundet durch Exkurse zur Rolle invasiver Arten, zum Phänomen der „Lichtverschmutzung“, zu den Möglichketen von Gene-Drive-Technologien und zur Rolle von Windrädern beim Rückgang der Insekten-Biomasse.
Askese ist nicht nötig, aber Mäßigung
Dabei hinterfragt Settele durchaus die bestehenden Wirtschaftssysteme und unser Konsumverhalten. Es geht ihm nicht um Askese, wohl aber um Mäßigung, denn die Folgen eines Temperaturanstiegs über zwei Grad hinaus, eines ungebremsten Artenschwundes und der weiteren Überstrapazierung der natürlichen Ressourcen sind so eindrücklich dargestellt, dass ein „Weiter wie bisher“ als Handlungsmöglichkeit ausscheidet. Ursachen und Ausmaß der Bedrohungen sind hinreichend bekannt – die Maßnahmen, um gegenzusteuern, längst auch.
Ein faktenreiches, locker und verständlich geschriebenes Buch, das zu einer neuen – leider beunruhigenden – Sicht der Dinge verhilft und zum Handeln aufruft.
Reinart Feldmann
Josef Settele: Die Triple-Krise
Artensterben, Klimawandel, Pandemien
Warum wir dringend handeln müssen
Edel Books, Hamburg 2020
320 Seiten, 22,95 Euro
ISBN 978-3-8419-0653-3
