Inklusive Wohnformen

Selbstorganisiertes, gemeinschaftliches Wohnen für alle

Gemeinschaftliches Wohnen liegt im Trend. Es erfordert viel Kommunikation – und oft auch erhebliche finanzielle Mittel. Die Entwicklung solcher Wohnprojekte dauert oft viele Jahre, sie sind daher zumindest zu Beginn nicht geeignet, um kurzfristige Wohnungsnot zu beheben, zeigen jedoch modellhaft Alternativen zum isolierten Leben in Mietwohnungen oder Einfamilienhäusern auf.

Das „id22 Institut für kreative Nachhaltigkeit“ organisiert seit 2003 in Berlin die jährlichen Wohnprojekttage „Experiment Days“. Der id22-Gründer Michael LaFond und seine Kollegin Larisa Tsvetkova möchten mit ihrem Buch „CoHousing Inclusive“ zeigen, wie „alle“ gemeinschaftlich wohnen können: „Definiert wird inklusives Wohnen in diesem Buch durch Zugänglichkeit für alle, unabhängig von Gender, persönlichen Fähigkeiten, finanziellen Ressourcen, Migrationshintergrund, Fluchterfahrung oder Behinderung.“

Vorangestellt ist ein Beitrag von Raúl Aguayo-Krauthausen, der aus seiner persönlichen Perspektive als Rollstuhlfahrer beschreibt, was für ihn Barrierefreiheit bedeutet. Im Buch werden zehn neuere Modelle aus dem deutschsprachigen Raum vorgestellt, welche die Vielfalt inklusiver Wohnformen repräsentieren sollen. An vier weiteren, bisher noch nicht realisierten Projekten und vier regionalen Strategien möchten die HerausgeberInnen zeigen, was darüber hinaus möglich sein könnte. Thematische Beiträge und Kurzstatements von ExpertInnen aus aller Welt runden das Buch ab, dessen Texte durchgängig in deutscher und englischer Sprache vorliegen.

Vielfältige Modellprojekte

Michael LaFond lebt mit etwa 140 weiteren Personen in der Berliner Genossenschaft Spreefeld. Deren Mitglieder müssen durchschnittlich 1.050 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche als Genossenschaftseinlage leisten. Die Genossenschaft kann eine Bürgschaft übernehmen für diejenigen, die weder das Geld haben noch für Banken kreditwürdig sind. Ein Teil der Räume wurde rollstuhlgerecht errichtet.

Im Sharehouse Refugio in Berlin leben Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte in Wohngemeinschaften, allerdings nur befristet für eineinhalb Jahre. Das Grandhotel Cosmopolis in Augsburg wurde von KünstlerInnen in einem Gebäude der Diakonie eingerichtet, in dem sich auch eine staatlich betriebene Flüchtlingsunterkunft befindet. In drei Darmstädter Genossenschafts-Projekten leben fast 240 Menschen, davon einige mit Migrationshintergrund und Behinderungen, in einer Mischung aus Sozialwohnungen, ungeförderten Mietwohnungen und mit eigentumsähnlichen Dauerwohnrechten.

Ein ganzes Quartier für 1.200 Menschen errichtete in Zürich die Genossenschaft Mehr als Wohnen , die wiederum von über 50 einzelnen Genossenschaften getragen wird. Die Gebäude sind barrierefrei und fast die Hälfte der BewohnerInnen sind MigrantInnen. Aus Wien wird QueerBau vorgestellt, ebenso Vinzirast, wo Studierende und ehemals Obdachlose gemeinsam in Wohngemeinschaften leben.

Gemeinschaft fördern

Kleine Wohneinheiten werden mitunter zu Clustern mit Gemeinschaftsbereichen zusammengefasst, auch Begegnungszonen wie Laubengänge oder Wohnflure können gemeinschaftsfördernd wirken. Oft gibt es multifunktionale Räume, die für unterschiedliche Betätigungen genutzt werden können und teils auch für die Nachbarschaft offen sind.

Das Erbbaurecht oder die besondere rechtliche Konstruktion des Mietshäuser-Syndikats sind Ansätze zur Verhinderung der Privatisierung und Verwertung von Immobilien am Markt. Ein entscheidender Faktor für inklusives Wohnen ist die Frage des Eigentums am Boden.

Das Buch gibt einen Einblick in vielfältige Diskussionen und Erfahrungen. Mit dem Schwerpunkt auf Inklusion wird eine der großen Herausforderungen für die zukünftige Wohnraumversorgung umrissen. Gleichzeitig wird deutlich, dass es noch ein weiter Weg ist, das Recht auf Wohnen für alle zu realisieren. Selbstorganisation ist hilfreich und notwendig, kann jedoch politische Unterstützung und entsprechende Finanzierungshilfen nicht ersetzen.

Die HerausgeberInnen benennen die „Zutaten für Inklusion in Wohnprojekten“ folgendermaßen: Teilen statt Besitzen, Vielfalt, Prozesshaftigkeit, Kreativität, Gemeinwohlorientierung, Komplexität, Zugänglichkeit, soziale Mischung, Ökologie, Kooperationen, langfristige Planung, Lernen. Es geht ihnen um gemeinschaftliches Wohnen. Wer einfach nur gut, günstig und langfristig sicher wohnen möchte, ohne sich von vornherein auf Gemeinschaftlichkeit zu orientieren, ist hier – trotz aller Inklusionsansprüche – wohl eher nicht gemeint. Allerdings könnten Elemente des hier Beschriebenen auch Eingang finden in die reine Wohnraumversorgung, denn gute Nachbarschaft und gegenseitige Unterstützung – die es schon immer und auch ganz unabhängig von programmatischer Gemeinschaftsförderung gibt – können durch Partizipationsangebote und bauliche Maßnahmen unterstützt werden.

Elisabeth Voß

Michael LaFond, Larisa Tsvetkova (Hrsg.):
CoHousing Inclusive
Selbstorganisiertes, gemeinschaftliches Wohnen für alle
Jovis Verlag, Berlin 2017
240 Seiten (dt./engl.), 29,80 Euro
ISBN 978-3-86859-462-1
www.cohousing-inclusive.net


Weltrettung als Geschäftsmodell

Nachhaltigkeitsversprechen von Konzernen sind meist nur „grüne Lügen“

Kathrin Hartmann, Journalistin und Autorin, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit fragwürdigen Geschäftspraktiken weltweit agierender Konzerne und mit grünen Kommunikationsstrategien. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“) deckt sie auf, wie Konzerne ihre neoliberalen Geschäftspraktiken und deren verheerende Auswirkungen in ein moralisch einwandfreies Licht rücken, indem sie Fakten aus dem Zusammenhang reißen und Tatsachen verdrehen. Neben einem bildgewaltigen Dokumentarfilm ist ein Buch entstanden, das durch seinen Detailreichtum ebenso besticht wie durch die analytischen Fähigkeiten der Autorin, erschütternde Zahlen und Fakten in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zu stellen.

Greenwashing nennt man heute die Kunst, umweltschädlichen Dingen ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Marke Nespresso von Nestlé. Die Unternehmens-Homepage verkündet: „Bei Nespresso sind wir der Überzeugung, dass jede Tasse Kaffee nicht nur Genussmomente bereiten, sondern auch Gutes für die Umwelt und das Gemeinwohl bewirken kann“. Obendrauf kommt George Clooney, der als Werbebotschafter auftritt und für den 80 Euro pro Kilo teuren Kapselkaffee und das damit einhergehende reine Ökogewissen posiert. Wie ein riesiger Berg Aluminiummüll und die Ausbeutung von Kleinbauern – die südsudanesischen Kaffeebauern bekommen zwei Dollar für das Kilo Exportkaffee – am Ende das versprochene „Gute“ bewirken sollen, erfährt man nicht.

Grüne Helfer der Industrie

In ihrem Werk nimmt Kathrin Hartmann alle Beteiligten in solchen Greenwashing-Fällen unter die Lupe. Sie fragt, warum die Vereinten Nationen Unternehmensmultis wie Nestlé, Unilever und Bayer an der Ausarbeitung der „Agenda 2030“ mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Developement Goals, SDGs) beteiligen und welche Rolle Umweltorganisationen als grüne Helfer der Industrie spielen.

Sie macht darauf aufmerksam, dass jede profitorientierte Branche, die mit problematischen Rohstoffen arbeitet, einen „Runden Tisch“ betreibt, an dem Vertreter von Unternehmen, Umweltverbänden und Regierungen Platz nehmen – das FSC-Label für nachhaltige Fortwirtschaft und der „Global Roundtable on Sustainable Beef“ (GRSB) für Rindfleisch sind nur zwei Beispiele. Dabei arbeitet Hartmann heraus, dass diese Runden Tische nicht an der Verringerung der Rohstoffausbeutung arbeiten, sondern an der Produktionssteigerung.

Auch die deutsche Bundesregierung und ihr Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE) beteiligen sich an dieser Strategie. Mit dem „Deutschen Nachhaltigkeitspreis“ prämiert der RNE Unternehmen, die „wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden und nachhaltiges Handeln zu weiterem Wachstum nutzen“. So wurden Ökogranaten wie BASF, Procter & Gamble, Siemens oder Volkswagen schon für den Preis nominiert oder sogar damit ausgezeichnet.

Den Wandel kann man nicht kaufen

Hartmann mahnt aber auch die Konsumgesellschaft, diese Widersprüche zu benennen und anzuprangern und den Nachhaltigkeitszertifikaten nicht blind zu vertrauen. Denn die geneigte Kundschaft hört gern, dass alles so weitergehen kann wie bisher und der Kauf von „fairen“ und „ökologischen“ Produkten die Welt verbessert. Die Nachhaltigkeitssiegel der Unternehmen dienen sozusagen als Steigbügel für eine intelligente Form des Selbstbetrugs.

Kathrin Hartmanns Buch führt in die neoliberale, globalisierte Konzernwelt ein und zeigt an mannigfachen Beispielen aus der Agrar- und Lebensmittelbranche, der Modeindustrie und dem Energiesektor die Konsequenzen des Kapitalismus für Mensch und Natur auf. Anhand persönlicher Schicksale und verheerender Naturkatastrophen stellt sie die Zusammenhänge zwischen unternehmerischem Handeln und unserem Konsumverhalten her.

In der Hoffnung, dass es sich bei der Lektüre um einen dystopischen Roman handelt, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht heraus und kann das Buch nur schwer aus der Hand legen. Das Happy End bleibt aus, aber der Glaube an einen Wandel stirbt zuletzt. So endet die Autorin mit dem Appell, „eine Utopie des guten Lebens zu entwickeln und diese politisch gegen die Privilegien Weniger durchzusetzen“.

Claudia Kapfer

Kathrin Hartmann:
Die Grüne Lüge
Weltrettung als profitables Geschäftsmodell
Karl Blessing Verlag, München 2018
240 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-89667-609-2
www.thegreenlie.at


Schluss mit lustig

Warum wir mehr Verbote und ein neues Denken brauchen

Der Titel dieses Buches verstört. Und tatsächlich soll es wachrütteln. Hier wird radikal über unsere „Komfortzone“ hinaus gedacht. Ja: viele Vorschläge in diesem Buch sind unbequem und schwer umzusetzen und berühren Dinge, über die nicht geredet wird. Ja: viele Gedankengänge sind rücksichtslos – rücksichtslos gegen Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, Ausflüchte, Lügen, gegen die fortschreitende Zerstörung unserer Lebensbedingungen. Hier schreibt einer, der die herrschenden Verdrängungsmechanismen und Halbheiten satthat. So gut wie in allen zentralen und überlebenswichtigen Fragen wird dies in dem Buch deutlich: von Ökologie über Bevölkerungswachstum, Biodiversität und Ernährung bis hin zu Krieg und Frieden – und vor allem, was unseren bisherigen Umgang mit den bedrohlichen Trends angeht.

Seit vielen Jahrzehnten lebt die Menschheit über die Verhältnisse ihres begrenzten Planeten. Zurzeit brauchen wir dafür 1,6 Erden. So kann es nicht weitergehen, das wissen alle. Aber auf die Flugreise in den Süden, die ausgedehnte Motorradtour und das tägliche Stück Fleisch auf dem Teller wollen die meisten trotzdem nicht verzichten. Deshalb meint der Journalist und Verleger Herbert Lenz: Es wird Zeit, dass uns jemand auf die Finger haut und „Schluss damit!“ sagt.

Freiheit zur Selbstzerstörung?

Zahlreiche ressourcenverschwendende Luxusgüter müssen sofort abgeschafft werden. Große Verschmutzungsfaktoren sind zu begrenzen, zum Beispiel durch ein Limit an Flugmeilen. Das Buch fordert klare Verbote in vielen Bereichen und ein anderes Denken. Die vermeintliche Freiheit des Individuums – genauer: die Freiheit, unsere und künftige Lebensgrundlagen zu zerstören – muss sich für eine enkeltaugliche Welt hinten anstellen. Nur drastische Eingriffe formen eine neue Weltgemeinschaft, eine „Union Erde“, mit der sich Nationalismus überwinden lässt.

Hier und an manch anderer Stelle könnte man dem Autor eine gewisse Naivität vorwerfen. Doch bei genauerem Hinsehen und Hineindenken wird deutlich, dass vor allem die in unseren westlich-kapitalistischen Gesellschaften vorherrschenden Haltungen „naiv“ sind: Wir denken und tun so, als könne es mit Überkonsum, Ausbeutung und Zerstörung so weitergehen, als sei unser „Way of Life“ die richtige und anzustrebende Normalität.

Es heißt, dass dem Autor Herbert Lenz während des Schreibprozesses für sein vorhergehendes Buch „Die Menschheit schafft sich ab“ immer klarer geworden sei: Wir brauchen ganz drastische Einschnitte – sonst fahren wir unser „Raumschiff Erde“ an die Wand. Und so wartet Lenz unter anderem mit einem 11. Gebot auf: „Du sollst die Erde lieben wie Dich selbst.“

Agrarkonzerne auflösen, Rohstoffe verstaatlichen

Der Kern seiner Haltung kommt sehr gut im folgenden Zitat zum Ausdruck: „Da wir Menschen schwach, fehlerhaft und fürchterlich bequeme Querschädel sind, die darüber hinaus uneinsichtig unter latenter Rechthaberei leiden, passt folgende Selbstgeißelung des Zeit-Autors Sebastian Dalkowski: ‚Ich will Verbote!‘“ In einem Interview mit dem Freitag fasste Lenz zusammen: „Es geht auch darum, alle Rohstoffe zu verstaatlichen, alle Waffen zu verbieten, große Agrar- und Lebensmittelkonzerne zu zerschlagen, den Verbrauch von Energie und Wasser zu besteuern und die Gehälter zu begrenzen – der oberste Chef darf nur noch das Zehnfache des kleinsten Angestellten verdienen.“

An einigen Stellen sind Passagen mit Science Fiction (oder „Social Fiction“) eingebaut, um kommende Verhältnisse anschaulich und nachvollziehbar zu beschreiben. Besonders eindrucksvoll und berührend ist der Text von Ray Müller, der ein Gespräch zweier junger Menschen schildert, die sich im Jahr 2070 nach einer großen nuklearen Verwüstung rückblickend über die Fehler und Unterlassungen der vorhergehenden Generationen unterhalten. Sie können überhaupt nicht verstehen, wie die Vernichtung der Zivilisation passieren konnte, wieso nicht genug gegen Klimawandel, Kriege und Artensterben unternommen wurde: „Obwohl man wusste … Sie haben alles gewusst. Aber sie haben es dennoch getan.“ Und weiter: „Die Maxime war: Wir möchten von allem immer mehr. Nicht weil es sinnvoll ist, sondern weil wir es wollen. Das nannten sie ‚Freiheit‘.“ Wie in den anderen Teilen des Buches werden auch in dieser kleinen Zukunftsgeschichte Fakten eingestreut, die provozieren: „Kannst du dir vorstellen, dass im damaligen Amerika den Menschen von Geburt an im Durchschnitt jeden Tag 5.000 Werbespots ins Gehirn gespült wurden?“

Stand der Forschung in klare Worte gefasst

Das Buch kann wegen der teilweise drastischen Gedankengänge wohl kaum in einem Zuge durchgelesen werden. Zu viel Unangenehmes kommt zur Sprache und zu Bewusstsein. Aber trotz unserer recht wirkungsvollen mentalen Abwehrmechanismen und Ausreden dürften doch den meisten Leserinnen und Lesern die Herausforderungen begreiflich werden. Die Lektüre kann die alltäglich reproduzierte Kunst- oder auch Märchenwelt entzaubern und manche Denk- und Verhaltensänderungen anstoßen.

Das Buch beschreibt in höchst offener und schonungsloser Weise die Lage und die erforderlichen Maßnahmen, wie sie auch die moderne Forschung – in anderer Sprache und Form – immer öfter darlegt: Wir benötigen nicht nur eine Effizienzrevolution, die mehr aus demselben herausholt, sondern auch eine „Suffizienzrevolution“, die überhaupt weniger herausholt. Neben immerwährenden Innovationen brauchen wir auch „Exnovationen“, also die Abschaffung von dem, was uns schadet. Es müssen Verbote durchgesetzt werden: von Kohleverbrennung, Verbrennungsmotoren, Waffenproduktion, Einwegprodukten, Verpackungen. Es geht darum, eine einigermaßen geordnete, umfassende und zügige Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung zu steuern, statt Chaos, Dauerkrise und Katastrophen erleiden zu müssen. Die Transformationsforschung unterstreicht immer wieder, wie wichtig staatliches Handeln ist, um das Überleben der Zivilisation zu ermöglichen. Kurzum: Der neue Lenz ist da – ein aufrüttelnder Weckruf.

Edgar Göll

Herbert Lenz:
Zur Hölle mit uns Menschen!
Warum wir mehr Verbote und ein neues Denken brauchen
Komplett-Media, Grünwald 2018
252 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-8312-0458-8
 

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