Genderisierung leider nun auch hier
Betrifft: DER RABE RALF April/Mai 2021
Wie immer habe ich sehr viel Lesenswertes aus der jüngsten Ausgabe geschöpft. (...) Eines allerdings hat mir das Lesen und Verstehen erschwert und vergällt: Nun verwendet auch der Rabe Ralf die genderisierten Formen bei Personen, Personengruppen, Subjekten und Objekten. Schade, dass Sie glauben, diesen – pardon – Unfug mitmachen zu müssen. Er unterbricht und erschwert die Rezeption von Texten, stört bildlich und hat, so meine feste Überzeugung, keinerlei Potenzial für emanzipatorische Veränderungen im Problembereich der Anerkennung, Gleichstellung, Gerechtigkeit etc. von Gruppen und Minderheiten – mehr noch, er bringt auseinander und spaltet.
Glauben Sie wirklich, dass Rabe- Ralf-Leser in dieser Art agitiert werden müssen? Glauben Sie wirklich, dass alle Leser so darauf hingewiesen werden müssen, dass das Feld der gesellschaftlichen Emanzipationsarbeit noch stark beackert werden muss? Denken Sie nicht, dass gerade die Leser einer für ökologische und Gerechtigkeitsfragen sensibilisierten Zeitung Haltungen mitbringen, die das Bewusstmachen mit der Keule überflüssig werden lassen? Wen wollen Sie erreichen, wer ist Ihre Zielgruppe, welcher Art sind die Leute, die belehrt werden müssen? Und glauben Sie darüber hinaus, dass durch bloße Zeichenänderung in der Schrift(sprache) emanzipatorischer Wandel erfolgt?
Ich glaube das ganz und gar nicht, halte die ganze Genderisierung der Sprache für ein untaugliches und überflüssiges Mittel im Kampf um Emanzipation und Sichtbarwerden und hoffe, dass diese Art Voodoo-Zauber (Beschwörung der Geister) bald wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet.
Thomas Kunze, Berlin-Friedrichshain
Sprachlich sichtbar werden
Betrifft: „Genderisierung leider nun auch hier“, Leserbrief von Thomas Kunze, DER RABE RALF Juni/Juli 2021, S. 22
Der Leser:innenbrief in der letztenAusgabe hat mich geärgert, daher von mir nur kurz: Ich freue mich, dass der Rabe sich einer Sprachregelung nähert, die alle einbezieht, egal welches Geschlecht sie haben. Meine Vermutung ist, dass Thomas Kunze einer jener weißen Cis-Männer ist, um die sich bislang die sprachliche Welt drehte und die es schwer aushalten können, dass plötzlich alle anderen sichtbar werden.
Als Person, die nicht zu diesem Kreis gehört, kann ich mich nur freuen, auch sprachlich sichtbar werden zu können, und sage daher: Bitte weiter so.
„LeserInnen“ seit der ersten Ausgabe
Betrifft: „Genderisierung leider nun auch hier“, Leserbrief von Thomas Kunze, DER RABE RALF Juni/Juli 2021, S. 22
Ich habe einige alte und sehr alte Rabe-Ralf-Ausgaben aufgehoben, und so kann und muss ich Thomas Kunze widersprechen: „Liebe LeserInnen“, hieß es schon in der ersten Nummer vor über 30 Jahren, und in den Heften meiner lückenhaften Sammlung, die ich heute durchgeblättert habe, kommen immer wieder „BürgerInnen“, „Radfahrer_innen“ usw. vor.
Allerdings nicht überall, und das würde ich dann tatsächlich als „Bewusstmachen mit der Keule“ empfinden, wie es Thomas Kunze aber schon beim gelegentlichen Anblick eines Gendersternchens oder Doppelpunktes tut. Der Rabe Ralf ist jedenfalls weit entfernt vom verpflichtenden „Durchgendern“, wie es in radikaleren Gruppen der Klima- oder Tierrechtsbewegung heute praktiziert wird. Ich kann die meist jüngeren Leute zwar verstehen, dass sie vom Mackertum die Nase voll haben, glaube aber nicht, dass wir das Patriarchat so loswerden. Es kommt durch die Hintertür zurück, zum Beispiel in Gestalt von agilen Figuren vom „Sprecher*innenteam“, die trotzdem die alten Herrschaftstechniken anwenden.
Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen
Betrifft: „Sprachlich sichtbar werden“, „‚LeserInnen‘ seit der ersten Ausgabe“, Leser:innenbriefe von Jol Rosenberg und Cora Wiedemann, DER RABE RALF August/September 2021, S. 30
Die Kritik am Gendern ist nicht gleichzusetzen mit der Ablehnung von Vielfalt, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit. Diese Werte sind mittlerweile über ein breites politisches Spektrum konsensfähig in einer aufgeklärten Gesellschaft. Die Gender-Befürworter sind nicht die einzigen, die sie vertreten.
Die Gegner des Genderns sollen vorwiegend männliche, konservative Privilegierte sein. Im Umkehrschluss müssten die Befürworter tendenziell weiblich oder divers, progressiv und unterprivilegiert sein. Zumindest Letzteres ist unwahrscheinlich. Gendern kostet Zeit und Hirnschmalz. Demnach scheinen gendernde Menschen hochgebildet und unterbeschäftigt zu sein, also durchaus privilegiert. Dazu passt, dass die treibenden Kräfte vor allem an Universitäten und in Behörden zu finden sind. Sie geben Leitfäden zur geschlechtergerechten, diskriminierungsfreien Sprache heraus, die einen angemessenen Umgang empfehlen, in der Konsequenz aber aufgrund ihrer Vormachtstellung anordnen. Es hat in der Geschichte sowohl fiktive als auch reale Versuche gegeben, Sprache von oben zu steuern, um dadurch Menschen zu beeinflussen und ihre Eigenständigkeit zu unterdrücken. Es verwundert, wie bedenkenlos sich angeblich progressive Institutionen hier einreihen. Der bürokratische Umgang mit der Sprache beim Thema Gendern erzeugt Unbehagen. Die Sprachentwicklung im Deutschen ist partizipativ, sie vollzieht sich unkontrolliert im lebendigen Dialog der Sprachgemeinschaft. Das ist ein hoher freiheitlicher Wert.
Studien belegen, dass mit der geschlechtsübergreifenden Standardform im Deutschen, dem generischen Maskulinum („die Leser“), eher Männer als Frauen assoziiert werden. Doch Bedeutung entsteht im Kontext, und zwar nicht nur im Satzzusammenhang, sondern auch im außersprachlichen Kontext unserer Erfahrungen und Denkmuster. So zeigen Vergleichsstudien nur geringfügig verbesserte Quoten beim Gebrauch geschlechtsneutraler Ersatzbegriffe – Studenten durch Studierende und Mitarbeiter durch Mitarbeitende zu ersetzen löst das Problem nicht. Doppelnennung der männlichen und weiblichen Form (Radfahrerinnen und Radfahrer) verschiebt unsere Wahrnehmung zugunsten der übersehenen weiblichen Protagonisten, neutrale Bezeichnungen heben den Effekt auf. Insofern ist der Gebrauch neutraler Ersatzbegriffe durchaus antifeministisch.
Aber das ist noch nicht alles: Die angeblich diskriminierungsfreie Sprache ist auch diskriminierend. Die Sprache absichtlich zu verkomplizieren bedeutet zwangsläufig auch, die Hürde höher zu legen und Menschen auszuschließen. Schon Durchschnittsleser stolpern durch gegenderte Texte, für Nichtmuttersprachler sowie Menschen mit Leseschwäche, Hörbehinderung oder kognitiver Einschränkung ist die Herausforderung umso größer, denn gendergerechte Sprache und leichte Sprache folgen gegensätzlichen Regeln. Barrierefreiheit sieht anders aus.
Die verfügbaren Statistiken zeigen, dass der Kreis derjenigen, denen das Gendern Verständnisschwierigkeiten bereiten kann, einige Millionen Menschen umfasst, während die Anzahl der nichtbinären oder intergeschlechtlichen Menschen sich prozentual im niedrigen Nachkomma-Bereich bewegt. Zudem ist fraglich, ob ihnen das Gendern überhaupt nützt, während die erschwerte Teilhabe konkrete negative Auswirkungen hat. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist besonders das Sternchen-Gendern problematisch, mit maschineller Lesehilfe klingt das etwa so: „Liebe Leser Stern Innen, unser Autor Stern Innen Team freut sich …“ Etwas weniger holprig ist der Doppelpunkt als Gendermarkierung, er wird als Pause gelesen. Der Deutsche Blinden-und Sehbehindertenverband empfiehlt jedoch, auf das Gendern durch Satz- und Sonderzeichen generell zu verzichten und stattdessen neutrale Begriffe oder Doppelnennung zu verwenden, um die Vorlesbarkeit zu gewährleisten.
Der Widerspruch zwischen der gleichstellungspolitischen Willenserklärung und der tatsächlichen Umsetzung springt ins Auge. Weder neutrale Bezeichnungen wie Abgeordnete noch gewagt gegenderte Vorständ*innen ändern etwas an der anhaltenden Ungleichheit. Der Frauenanteil im Bundestag beträgt 31 Prozent. Im EU-Vergleich liegt Deutschland fast ganz hinten, wenn es um die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern geht. Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen, das ist Augenwischerei. Die spitzenverdienenden männlichen Führungskräfte lehnen sich im Sessel zurück und lachen sich ins Fäustchen, wenn wir für das Gendersternchen kämpfen statt für Macht und Geld.
Entgenderte Sprache diskriminiert trans, inter und nichtbinäre Personen nicht
Betrifft: „Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen“, Leserbrief von D. Stein, DER RABE RALF August/September 2022, S. 30
Erst einmal möchte ich meine Freude darüber ausdrücken, dass hier ein Austausch – über Bande – zustande kommt. Ich finde es bereichernd, mich mit anderen Sichtweisen zum Thema Gendern auseinanderzusetzen, und danke für diese Möglichkeit.
Der Leser*innenbrief von D.Stein enthält meines Erachtens einige Missverständnisse. Zuerst einmal sind wir uns wohl einig, dass die Ablehnung sprachlicher neuer Möglichkeiten und die Einstellung zu „Vielfalt, Gleichstellung und Diskriminierungsfreiheit“ nicht deckungsgleich sind. Trotzdem ist festzuhalten, dass sich manche Personen durch die traditionelle gegenderte Sprache diskriminiert fühlen. Es bleibt also zunächst einmal die Frage offen, warum eine Person, die nicht diskriminieren möchte, sich dann doch entscheidet, es zu tun, selbst wenn sie weiß, dass sie es tut.
Meines Erachtens ist ein Missverständnis schon allein darin gegründet, was als gegendert angesehen wird und was nicht. Meine Sichtweise ist: Traditionelle Sprache mit dem „generischen Maskulinum“ ist gegendert. Sie ist deshalb gegendert, weil sie historisch aus einer Zeit erwachsen ist, in der nur erwachsene Männer als Bürger galten – Frauen waren nicht mitgemeint, andere Geschlechter nicht sichtbar. Irgendwann änderte sich dies, die Sprache änderte sich aber träger. Frauen sollten sich nun mitgemeint fühlen – auch wenn die Sprache immer noch zeigte, dass sie es nicht sind.
Versuche, sprachlich die Geschlechter-Vielfalt sichtbar zu machen, sind daher meines Erachtens Versuche, die Sprache zu entgendern: Also wirklich neutrale oder umfassende Begriffe zu finden.
D. Stein behauptet nun, dass „Gegner des Genderns männlich und konservativ sein sollen“, ohne deutlich zu machen, was das für ein Sollen ist. Stein zieht dann einen logisch meines Erachtens nicht haltbaren Umkehrschluss – nun ist ja schon diese Behauptung des Sollens für mich nicht haltbar. Wer das Entgendern der Sprache warum ablehnt, ist doch wahrscheinlich vielfältig.
Was ich auf jeden Fall sagen kann: Die Annahme, dass die Personen, die sich für das Entgendern (und gegen andere Diskriminierungen von trans*, nichtbinären und inter Personen) einsetzen, alle hochgebildet und privilegiert seien, stimmt meiner Erfahrung nach nicht. Es sind vor allem von dieser Diskriminierung betroffene Personen und andere, die sich mit ihnen solidarisieren, die sich einsetzen, und sie stammen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Ihr Kampf um eine Veränderung nicht nur, aber auch in der Sprache hat Früchte getragen. Stein ist nicht allein mit der Behauptung, dass die Reaktion von Universitäten und staatlichen Einrichtungen eine Anordnung von oben sei – eine Behauptung, die den seit Jahrzehnten andauernden Kampf von marginalisierten Gruppen unsichtbar macht und vom Tisch wischt.
Die Frage, ob eine entgenderte Sprache auch über die Sprache hinaus Diskriminierungen minimiert, kann ich nicht beantworten, weil mir keine ausreichenden Daten dazu vorliegen. Es ist aber naheliegend, dass sich soziale Probleme wirklich nicht sprachlich lösen lassen – und dass daher das Bemühen um diskriminierungsfreie Sprache nur ein Aspekt sein kann, aber keinesfalls die alleinige Lösung. Daraus lässt sich aber meines Erachtens auch nicht ableiten, dass es besser wäre, an der alten, diskriminierenden Sprache festzuhalten. Denn ein Problem löst entgenderte Sprache: Es diskriminiert trans, inter und nichtbinäre Personen nicht. Und das ist ja auch ein nicht zu vernachlässigender Wert.
Was ich immer besonders schwierig finde, ist, eine diskriminierte Gruppe gegen eine andere auszuspielen. Es tut auch so, als gäbe es keine nichtbinären Personen mit Behinderung oder keine inter Personen mit Migrationshintergrund. Noch schwieriger wird es, wenn Stein (nicht zutreffende) Prozentzahlen bemüht und die Argumentation aufstellt, Diskriminierungsfreiheit sei eine Sache der Gruppengröße: Die sind so wenige, die darf man diskriminieren. Es sollte klar sein, dass ich dem deutlich widerspreche. Screenreader beispielsweise sind von Menschen für Menschen programmiert; wie gegenderte Sprache vorgelesen wird, ist veränderbar. Es sollte eine Lösung gefunden werden, wie Sprache inklusiv sein kann – und zwar für alle Personengruppen. Dass der Doppelpunkt für Sehbehinderte immer besser sei, stimmt so auch nicht und Blindenverbände geben hier auch widersprüchliche Empfehlungen ab.
„Der Leser“ ist das Hinterwäldlerischste
Betrifft: „Kein Ring, sie zu knechten“ von Johann Thun, „Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen“, Leserbrief von D. Stein, DER RABE RALF August/September 2022, S. 20, S. 30
Nachdem ich den klugen Leserbrief zum „Gendern“ von D. Stein mit großer Zustimmung gelesen hatte, stieß ich auf Seite 20 im Beitrag von Johann Thun auf „eine erzählerische Tiefe, in die der Leser unwillkürlich hineingezogen wird“. Wer ist wohl dieser namenlose Mann? Das generische Maskulinum im Singular ist nun wirklich das Hinterwäldlerischste, zu dem einige sogar immer noch sagen, die Frau sei „mitgemeint“, dem ich schon lange nirgendwo mehr begegnen möchte.
Und was soll eigentlich, lieber Rabe, LESERINNENBRIEFE über dem größer und dicker gedruckten LESERBRIEFE? Solche zusammengesetzten Begriffe sollte man einfach so belassen, statt wie hier noch mit unterschiedlichen Schriftformaten zu „diskriminieren“.
Sabine Mania, Berlin-Lichterfelde
Überall-Gendern demobilisiert
Betrifft: „Entgenderte Sprache diskriminiert trans, inter und nichtbinäre Personen nicht“, Leser*innenbrief von Jol Rosenberg, DER RABE RALF Oktober/November 2022, S. 30
Gendern ist sehr sinnvoll bei Anreden oder Jobbeschreibungen. Dort hat es einen nachweisbaren Effekt. Aber in gesprochener Sprache und Fließtexten halte ich Sternchen-Gendern für kontraproduktiv und naiv. Inflationär gebraucht in Fließtexten etc. wird es zum bedeutungslosen Hintergrundrauschen und verliert den Nutzen. Dort hilft es eher der AfD beim Wahlkampf. Konservative schalten auf Durchzug, sobald sie es hören oder lesen. Dadurch werden sie kommunikativ unerreichbar, was eine Katastrophe ist.
Es führt hier eben nicht zu mehr Sichtbarkeit oder Anerkennung, sondern fungiert als Pseudo-Beweis für angeblich gelöste Probleme und suggeriert Gruppenzugehörigkeit. Es demobilisiert, weil es eine katastrophal falsche Sicherheit suggeriert. „Für wen wird schon die Grammatik geändert?“
Die Kosten-Nutzen-Rechnung des Überall-Genderns wird vor allem deshalb nicht aufgemacht, weil es eine billige Methode ist, Inklusion und Geschlechtergerechtigkeit zu suggerieren, ohne sie umzusetzen. „Manager*innen“ zu schreiben ist deutlich einfacher als queere Menschen tatsächlich einzustellen. Und das erste hat mit dem zweiten eher wenig zu tun.
Der Genderstern ist häufig zu umständlich
Betrifft: „Entgenderte Sprache diskriminiert trans, inter und nichtbinäre Personen nicht“, Leser*innenbrief von Jol Rosenberg, DER RABE RALF Oktober/November 2022, S. 30
Als nichtbinäre Person ist es mir wichtig, dass geschlechtsneutrale Begriffe für mich verwendet werden. Der Genderstern ist aber in der Einzahl häufig viel zu umständlich, zum Beispiel: Der*die Schüler*in hat eine*n spanische*n Nachbar*in.
Im Laufe der letzten zwei Jahre hat eine Gruppe von Menschen, denen leicht aussprechbare geschlechtsneutrale Sprache wichtig ist, das De-e-System als Lösungsansatz entwickelt. Der genannte Satz lautet in diesem System wie folgt: De Schülere hat ein spanische Nachbare. Ich denke, dass das De-e-system langfristig mehr Chancen als der Genderstern hat, Teil des spontanen mündlichen Sprachgebrauchs zu werden.
Mehr Infos zu dem Vorschlag gibt es hier: www.geschlechtsneutral.net
Nichtbinäre Leser*innen werden ausgeschlossen
Betrifft: DER RABE RALF Dezember 2024/Januar 2025 und Ausgaben davor
Ich lese den Raben gern und seit langem. Daher habe ich mich gefreut, als irgendwann auch im Raben nichtbinäre Personen wie ich mitbedacht waren und es Ansprachen mit * oder _ gab. Seit einigen Ausgaben fällt mir aber auf, dass es wieder nur noch binäre Leser und Leserinnen gibt, ich also ausgeschlossen werde. Da es mal anders war, kommt es mir ziemlich unangenehm vor, denn es ist nicht mehr das täglich erlebte (und trotzdem schmerzhafte) Versehen, sondern fühlt sich wie ein absichtliches Ausschließen an.
Kein Ingenieur, sondern nur Ingenieurin
Betrifft: „Soziale Probleme lassen sich nicht symbolisch lösen“, Leserbrief von D Stein, DER RABE RALF August/September 2022, S. 30
Die weibliche Endung mit -in ist eine Verniedlichungsform, die erst so richtig populär geworden ist, als in den 60er/70er Jahren nach und nach immer mehr Frauen anfingen, damalige Männerberufe zu ergreifen. Sie diente Männern dazu, sich abzugrenzen und die Tätigkeit der Frauen herabzusetzen:
- Arzt = kompetenter Mediziner
- Ärztin = Frau, die Arzt spielt
So war das Weltbild damals. Ich hatte immer gehofft, dass im Rahmen der Emanzipation diese furchtbar despektierliche Form abgeschafft wird und Frauen sich auch einfach als Arzt oder Anwalt oder Handwerker bezeichnen dürfen.
Umso weniger konnte ich den Trend verstehen, dass Frauen explizit darauf bestanden haben, mit dieser Verniedlichung bezeichnet zu werden. Vor allem Doppelnennungen wie „liebe Kolleginnen und Kollegen“ empfinde ich immer noch eher als diskriminierend. Gerade wenn man irgendwo die einzige Frau ist, fühlt
man sich dadurch nur ausgegrenzt.
Wenn ich Männern erzähle, dass ich Ingenieur bin, bekomme ich häufig zu hören, ich sei ja gar kein Ingenieur, sondern (nur) Ingenieurin. Als ob es ein Unterschied wäre.
Ich kann mit dieser ganzen Sichtbarkeitsdebatte persönlich nicht viel anfangen. Ich habe das Gefühl, das einzige, was bei Gendersternchen und so weiter hervorgehoben wird, sind die Unterschiede zwischen Menschen. Deswegen wünsche ich mir die neutrale (männliche) Form für alle
zurück. Oder von mir aus auch eine neue neutrale Form ohne Sonderzeichen.
Patriarchaler Männerclub
Betrifft: „Kein Ingenieur, sondern nur Ingenieurin“, Leserbrief von Hanna Nix; Umweltadressen, DER RABE RAlF April/Mai 2025, S. 30, S. 31
Bei den Umwelt-Adressen erwähnen Sie „Platzgründe“. Da ist es mehr als befremdlich, dass Sie ausgerechnet dem Diözesanrat der Katholiken, nur weil sie sich auch für die „Schöpfung“ „engagieren“, Platz einräumen. Ausgerechnet also einem der immer noch weltweit unangenehmsten, rückschrittlichsten – um es nett zu sagen – patriarchalen, misogynen religiösen Männerclubs. Warum?
Als Redaktion hätten Sie eigentlich die Leserin bzw. die Schreiberin dieses verquasten Briefes – oder, wie sie es wohl lieber hätte, den Leser – Hanna Nix (und andere Raben-Leser) in einer Richtigstellung darauf aufmerksam machen sollen, dass das „-in“ keine „Verniedlichungsform“ ist, wie sie schreibt. Das ist nun etwas ganz anderes. Ist Ihnen das nicht aufgefallen?
Sabine Mania, Berlin-Lichterfelde
Nützliches „-in“
Betrifft: „Kein Ingenieur, sondern nur Ingenieurin“, Leserbrief von Hanna Nix, DER RABE RALF April/Mai 2025, S. 30
Leserbriefschreiberin Hanna Nix hält das Suffix (Nachsilbe) „-in“ fälschlicherweise für eine „Verniedlichungsform“ (Diminutiv). Das Suffix sollte/soll Frauen dazu dienen, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen bzw. erst zu ermöglichen in bestimmten Bereichen. „So war das Weltbild damals“ (Nix). Nicht nur Frauen, die zum Beispiel bevorzugt mit Ärztinnen, Architektinnen usw. zu tun haben möchten, werden bei der Suche nicht „Arzt“ oder „Architekt“ angeben. Das Suffix ist in mehrfacher Hinsicht eine sehr nützliche Angelegenheit und nicht „fürchterlich despektierlich“.
Das Gendersternchen oder „LeserInnenbriefe“ sind eine andere Sache. Die finden viele teils lästig bis lächerlich. Das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem hatte einen Kasten für seine „Besuchendenumfrage“ aufgestellt. In Konsequenz müssten solche „Ausdenkenden“ dann auch sagen: Zuschauendentribüne, Kaufendenverhalten, Verbrauchendenschutz etc. pp. Mit so was und anderen Auswüchsen kann man sich auch mal nett amüsieren.
Frauen, holt euch das Maskulinum!
Betrifft: Leserbriefe zum Thema Gendern, DER RABE RALF August/September 2025, S. 30, u.a.
Das generische Maskulinum galt lange Zeit als geschlechtsneutral. In Wirklichkeit ist es natürlich nicht neutral – es ist eben männlich, und das hat Wirkung. Wer „Ärzte“ oder „Chefs“ hört oder liest, denkt automatisch erst mal an Männer.
Aber warum nicht den Spieß umdrehen? Wenn eine Frau sagt: „Ich bin Arzt“ – dann ist das keine Unterwerfung unter männliche Sprache. Es ist eine Kampfansage, eine Aneignung, ein bewusster Akt der Selbstermächtigung.
Statt Frauen durch sprachliche Sonderformen („Ärzt*innen“) in eine Randposition zu stellen, ist es ein starkes Zeichen, das Maskulinum selbstbewusst zu besetzen. Nicht weil Frauen männlich werden sollen, sondern damit Begriffe wie „Arzt“, „Ingenieur“ oder „Richter“ endlich das ausdrücken können, was sie sein wollen: Berufsbezeichnungen, nicht Geschlechtszuweisungen.
Es geht nicht darum, das Weibliche zu leugnen, sondern das Männliche als das einzig Repräsentative in Frage zu stellen und umzudeuten. Nur wer sprachliche Machtverhältnisse erkennt, kann sie auch verändern. Frauen sollten sich nicht länger aus der Sprache herausdefinieren lassen. Sie sollten sich das Maskulinum holen – denn Gleichstellung entsteht nicht durch höfliches Sichtbarmachen, sondern durch radikale Teilhabe.
