Bildung ist ein Menschenrecht und eine zentrale Voraussetzung für die Überwindung von Armut, für menschenwürdige Beschäftigung, verantwortungsvolles Konsumverhalten und ein selbstbestimmtes Leben. Kriege und gewaltsame Konflikte, zunehmende Armut, Einschränkungen von Frauenrechten sowie Kürzungen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit treffen Frauen und Mädchen besonders hart.

Besorgniserregende Zahlen

Das vierte der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele, kurz SDG 4, lautet: „Inklu­sive, gleich­be­rech­tigte und hoch­wer­tige Bil­dung ge­währ­leis­ten und Mög­lich­kei­ten lebens­lan­gen Ler­nens für alle för­dern.“ Der SDG-Report der Vereinten Nationen hat jedoch 2023 gewarnt, dass die Fortschritte beim SDG 4 deutlich langsamer erfolgten, als es notwendig gewesen wäre. Ohne zusätzliche Maßnahmen könne nur eines von sechs Ländern die Sekundarschul-Ziele bis 2030 erreichen. Schätzungsweise 84 Millionen Kinder und junge Menschen würden weiterhin keine Schule besuchen können und ungefähr 300 Millionen Schüler*innen würden die Basics im Rechnen und Lesen verfehlen.

Im „Global Education Monitoring Report“ der Unesco wird festgestellt, dass 56 Prozent aller Kinder im Grundschulalter nicht über grundlegende Lesekompetenzen verfügen. Betroffen sind davon 81 Prozent der Kinder in Zentral- und Südasien und 87 Prozent in Subsahara-Afrika, aber nur sieben Prozent der Kinder in Europa und Nordamerika.

Neue Zahlen der Vereinten Nationen verdeutlichen: In den letzten sieben Jahren ist die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen, jedes Jahr gestiegen. Derzeit können 273 Millionen Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gehen – das ist jedes sechste Kind weltweit. Und nach neuesten Prognosen wird diese Zahl weiter steigen. Sollten die angekündigten weiteren Kürzungen der offiziellen Entwicklungszusammenarbeit in vielen Staaten Realität werden, könnte die Zahl laut Unicef bis Ende des Jahres um weitere sechs Millionen Kinder wachsen. Das entspricht der Anzahl aller Grundschulkinder in Deutschland und Italien zusammen.

Aber auch in Deutschland hängt der Bildungserfolg für viele Kinder immer noch von ihrer sozialen Herkunft ab. Laut dem OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2025“ hat die Bundesrepublik eines der ungerechtesten Bildungssysteme im internationalen Vergleich.

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Ein besonders wichtiges Ziel ist das Unterziel 4.7: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kennt­nisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschaft und die Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung.“

Genau dies ist der Anspruch von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Wesentliche Inhalte davon sind Umwelt-, Natur- und Klimabildung, aber auch Themen der sozialen Gestaltung der Gesellschaft, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Wirtschaften unter Beachtung der ökologischen Grenzen und zum Wohlergehen der Menschen.

Gelernt werden kann dabei vieles, was heute dringend gebraucht wird: Urteilsfähigkeit, Empathie, das Aushalten von Mehrdeutigkeiten und Unsicherheiten, Kompetenzen zur Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, demokratische Teilhabe. Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt auch dazu, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, weil Perspektivwechsel, Teilhabe und demokratische Urteilskraft zu den grundlegenden Methoden in den Bildungsmodulen gehören.

Die Vereinten Nationen haben eine „BNE-Roadmap 2030“ auf den Weg gebracht, in der das Konzept erweitert wird zur transformativen Bildung, die Selbstwirksamkeit stärken und die Menschen befähigen soll, die Gesellschaft und die wirtschaftlichen Aktivitäten in den Dimensionen Ökologie, Soziales und Ökonomie weiterzuentwickeln – zum Wohlergehen aller. In Deutschland wird BNE vor allem über das Bildungsministerium und die „Nationale Plattform BNE“ mit ihren Partnernetzwerken und Foren vorangebracht.

... in Deutschlands Entwicklungspolitik

Das Bundesentwicklungsministerium unterstützt Bildungsprojekte, die zum Erreichen von SDG 4 beitragen. Der Grundansatz dabei ist, dass die Bekämpfung von Armut (SDG 1) und Bildungsarmut eng miteinander verknüpft sind: Mangelnde Bildung ist eine der Hauptursachen für materielle Verarmung, und ohne Bildung wird Armut häufig von einer Generation auf die nächste übertragen. Neben Armut gehören Hunger, Flucht und politische Instabilität zu den zentralen Ursachen von Bildungsmangel.

Bildung darf nicht davon abhängen, woher Menschen kommen, Herkunft darf nicht über Chancen entscheiden, Geschlecht darf nicht über Einkommen bestimmen. Anders gesagt: SDG 4 ist nur erreichbar zusammen mit SDG 10 – weniger Ungleichheit – und SDG 5 – Geschlechtergerechtigkeit.

In Berlin gibt es das Projekt „Spiel mit Ziel“ des Vereins Berlin 21 mit transformativen Bildungsmodulen zum achtsamen Umgang mit Ressourcen als Anstoß zur Kreislaufwirtschaft an Schulen und in Sportvereinen. Gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Stiftung Naturschutz Berlin und in Kooperation mit dem Bezirksamt Mitte werden Bildungsmodule und spielerische Konzepte zum Natur- und Ressourcenschutz, für Müllvermeidung und Wiederverwertung entwickelt.


Leserbrief

Lebenslanges Lernen wird verweigert

Was ist unter „hochwertiger Bildung“ zu verstehen? Wonach wird dieser Wert bemessen? Bildung erfordert eine Lernbereitschaft, die intrinsisch oder extrinsisch motiviert ist. Nicht jeder Mensch bringt die notwendigen Anlagen mit, um der Standardausbildung folgen zu können. Die Fremdbildung, also die extrinsische, muss letztlich in den Grundanlagen individuell zugeschnitten sein. Diese Aufgabe kommt der Primärfamilie beziehungsweise einer Ersatzfamilie zu. Und da versagt das gesellschaftliche System.

„Lebenslanges Lernen“, wie es im Subtitel heißt, wird mit zunehmendem Alter aus materiellen und/oder persönlichen Motiven verweigert. Dabei ist Lernen – komplexes Denken, nicht Auswendiglernen und Informationen sammeln/anhäufen – eine gute Vorbedingung, wahrscheinlich nicht an Seniler Demenz zu erkranken. Warum „verdummt“ unsere Gesellschaft?

Was ist wirklich notwendig? Antwort: Wir müssen unser fragmentiertes mechanistisch-analytisch-kapitalistisches Fühlen, Denken und Handeln durch ein ganzheitliches ersetzen. „Wir haben zweihundert Jahre damit vertan, ein falsches Bild von uns selbst anzuschauen: den homo oeconomicus, jene solitäre Gestalt mit Geld in der Hand, einem Rechner im Kopf, der Natur zu ihren Füßen und unersättlichem Verlangen in ihrem Herzen“, schreibt die britische Ökonomin Kate Raworth in ihrem Buch „Die Donut-Ökonomie“.

Raimar Ocken, Berlin-Lichtenberg