Fruchtbare und gesunde Böden sichern unsere Ernährung, doch sie geraten immer stärker unter Druck. Voranschreitende Versiegelung, steigende Bodenpreise und die Macht außerlandwirtschaftlicher Investoren verändern die Landwirtschaft dramatisch. Der Rabe Ralf sprach mit Tim Besser von der „Aktion Agrar“ darüber, warum der Zugang zu Land immer schwieriger wird und welche Politik nötig wäre, um Böden besser zu schützen.

Der Rabe Ralf: Was können wir uns unter Aktion Agrar vorstellen? Wer seid ihr, wie arbeitet ihr und welche Ziele habt ihr?

Tim Besser, Aktion Agrar: Wir sind eine Kampagnenorganisation, die sich seit 2014 für eine sozial gerechte und ökologische Agrarwende einsetzt. Unser Ziel ist eine vielfältige bäuerliche Landwirtschaft, die Umwelt, Tiere und Klima schützt und von der die Bäuerinnen und Bauern leben können. Deshalb sind wir auch sehr konzernkritisch unterwegs. Mit bunten Aktionen, Petitionen und politischer Bildungsarbeit versuchen wir Druck auf die Politik zu machen oder Alternativen zu stärken.

Eure Arbeit bewegt sich zwischen Aktivismus, Kampagnen und politischer Bildung. Was unterscheidet euch von klassischen Umweltverbänden oder landwirtschaftlichen Interessenorganisationen?

Wir wollen informieren, uns einmischen und dazu motivieren, dass sich Menschen für eine nachhaltige und faire Landwirtschaft begeistern und engagieren. Auch bringen wir Menschen aus der Stadt und aus der Landwirtschaft, Konsumenten und Produzentinnen zusammen. Mit Formaten wie unserer Aktionsfahrradtour geben wir Menschen Einblicke in die landwirtschaftliche Realität und Praxis. Wir planen auch gemeinsam mit ihnen Aktionen und setzen sie um. Bei einem kleinen Verein mit flachen Hierarchien wie bei uns kann man sich sehr leicht direkt für die Agrarwende einsetzen – zum Beispiel über unsere Aktivenliste, über die wir mobilisieren.

Ihr seid am 7. Juni auf dem Umweltfestival der Grünen Liga Berlin dabei. Dieses Jahr steht der Boden im Mittelpunkt. Warum ist das Thema so grundlegend für die Umwelt- und Landwirtschaftspolitik?

Wir haben schon kurz nach unserer Gründung mit dem Bündnis junge Landwirtschaft für „Zugang zu Land“ gearbeitet und sind seit 2020 intensiv am Thema drangeblieben. Boden ist die Grundlage für Landwirtschaft und Ernährung, und doch ist er weltweit vielfach bedroht – durch Überdüngung, Ackergifte, auslaugende Monokulturen oder Erosion, durch Versiegelung und Bebauung. Für uns ist gerade der faire Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen essenziell, denn hier entscheidet sich, mit welchen Interessen eine Fläche bewirtschaftet wird – Nachhaltigkeit oder Gewinnmaximierung.

Mehr Infos:
aktion-agrar.de

Welche Entwicklungen beobachtet ihr bei landwirtschaftlichen Böden in Deutschland?

Vor allem das Fehlen von Agrarstrukturgesetzen in den neuen Bundesländern ist für uns ein kritischer Punkt und ein Kampagnenthema. Hier brauchen wir Regulierung, um einen fairen Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen zu gewährleisten. Flächen werden für bäuerliche Betriebe immer unerschwinglicher und fallen zunehmend in die Hände außerlandwirtschaftlicher Investoren: Sie können sich über sogenannte Share Deals in Landwirtschaftsbetriebe „einkaufen“ und damit deren Flächen übernehmen – Steuerrecht, Genehmigungspflichten und Vorkaufsrechte von Landwirt:innen werden dadurch ausgehebelt.

Ein großes Problem ist auch der Flächenverbrauch. Wie wirken Bodenversiegelung und Energiewende auf die Landwirtschaft?

Der Verlust landwirtschaftlicher Fläche schreitet, wenn auch langsamer, weiter stark voran. Jeden Tag gehen 51 Hektar Land verloren, etwa 70 Fußballfelder, ein großer Teil davon aus der Landwirtschaft. Versiegelter Boden ist für die Landwirtschaft praktisch verloren und kommt nicht zurück. Auch die notwendige Energiewende setzt den Bodenmarkt zunehmend unter Druck, weil es für Landwirt:innen deutlich wirtschaftlicher sein kann, ihre Flächen für Solarparks zu verpachten. Dadurch steigen Kauf- und Pachtpreise.

Welche Folgen haben die steigenden Bodenpreise und die Landkonzentration für kleinere Betriebe oder für Menschen, die neu in die Landwirtschaft einsteigen wollen?

Kleine Betriebe mit weniger Kapital haben es besonders schwer, an neue Flächen zu kommen oder sie zu pachten. Das erhöht den Druck auf die bäuerliche Landwirtschaft und erschwert es Junglandwirtinnen oder Existenzgründern, neu einzusteigen. So nimmt die Konzentration von Flächen in den Händen größerer Betriebe zu, während kleinere außen vor bleiben.

Welche politischen Instrumente könnten landwirtschaftliche Böden stärker als Gemeingut schützen und Spekulation mit Land eindämmen?

Bestehende Gesetze greifen oft zu kurz oder lassen Schlupflöcher. Beispielsweise können durch Zwischenverkäufe für Landwirt:innen doppelte Grunderwerbssteuern anfallen, während Share Deals es Investoren erlauben, ohne Steuern an landwirtschaftliche Flächen zu gelangen. Solche Praktiken müssen durch starke Agrarstrukturgesetze unmöglich gemacht werden.

Ein Fahrrad an desen Korb ein Schild mit Lokal statt Global ist.

Bei der Aktionsradtour 2024
Foto: Melina Gross

Gibt es Beispiele aus der Praxis, wie nachhaltiger Umgang mit Boden funktionieren kann?

Wir stehen im Kontakt mit starken Vorzeigeprojekten. Zum Beispiel mit einem niedersächsischen Bio-Bauern, der mit seiner digitalen Hacke auch immer mehr konventionelle Kollegen überzeugt, unerwünschten Kräutern mechanisch zu Leibe zu rücken statt mit Chemie. Wir arbeiten auch mit zahlreichen gemeinschaftsgetragenen Solawi-Initiativen in Deutschland zusammen, die einen Gemeinwohl-orientierten Blick auf Bodenbewirtschaftung haben. Und auch mit Betrieben, die mit naturnaher Weidehaltung und flächenangepassten Tierzahlen Landwirtschaft und Naturschutz verbinden.

Können öffentlichkeitswirksame Aktionen ein Thema wie Boden sichtbar machen?

Mit unserer Aktionsradtour besuchen wir im kommenden Juni Höfe und Projekte, die mit naturnaher Weidehaltung Natur- und Umweltschutz praktizieren und auch Böden schützen. Außerdem wollen wir versuchen, das Thema Boden und Bodenpreise mit dem Thema Wohnen zusammenzubringen. Denn große Investoren haben es oft zu leicht, ihre Profite auf Kosten der Allgemeinheit zu maximieren – in der Stadt wie auf dem Land.

Welche Botschaft möchtet ihr den Besucher:innen des Umweltfestivals mitgeben?

Boden ist nicht vermehrbar und viel mehr als Staub unter unseren Füßen – er ist unsere Lebensgrundlage. Gemeinsam können wir uns dafür engagieren, ihn zu nähren – und zu verhindern, dass er uns aus Profitinteressen sprichwörtlich unter den Füßen weggezogen wird.

Vielen Dank!