Die Diskussion um das Mercosur-Abkommen zwischen der Europäischen Union und den südamerikanischen Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay wird für gewöhnlich mit neoliberalen Argumenten geführt: Freihandel bringe allen seinen Teilnehmern Frieden und Freiheit, Fortschritt und Wohlstand. Doch wie wäre es, endlich Lehren aus Geschichte und Zeitgeschichte zu ziehen?
Wenn Neoliberale die Ursprungsfrage stellen
In der letzten Raben-Ausgabe findet sich dazu der Satz: „Die Fahne der Freiheit muss nicht die des Freihandels sein“ (Rabe Ralf Februar 2026, S. 2) – ein Satz, der auch die Frage des neoliberalen lateinamerikanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa beantworten würde, die sein Alter Ego in seinem Roman „Gespräch in der Kathedrale“ sich stellt: „Cuándo se jodió el Perú?“, etwas salopp übersetzt: „Wann ist Peru so abgefuckt geworden?“
Es war die Einführung des Freihandels in Lateinamerika durch seine eigenen Libertadores und Próceres, seine Freiheitskämpfer und Nationalhelden, die Vorhut im Ringen um seine Unabhängigkeit von Spanien und Portugal. Dadurch sind die lateinamerikanischen Republiken bis heute nur ein Zerrbild konstitutioneller Regierungsformen geblieben.
Merkantilismus gestern und heute
Unter der spanischen und portugiesischen Kolonialherrschaft war Lateinamerika dem Merkantilismus dieser beiden europäischen Mächte unterworfen. „Merkantilismus“ wird von modernen Ökonomen als „Wirtschaftsnationalismus“ erklärt und feiert heute in den Vereinigten Staaten Donald Trumps seine Wiederkehr.
Lateinamerika hatte für die spanischen und portugiesischen Merkantilisten eine durch Zölle von der Außenwelt abgeschnittene Kolonie zu sein, deren Produktion sich auf billige (und durch Monopole in ihrem Preis noch weiter gesenkte) Rohstoffe zu beschränken habe, die gegen (durch Monopole in ihrem Preis erhöhte) Fertigwaren aus Spanien und Portugal zu tauschen seien. Dadurch erwirtschafteten die iberischen Könige einen Handelsbilanzüberschuss, der sie nach dieser „Fürstenwohlstandslehre“ (Walter Oncken) reich und mächtig machte – ebenso wie Trump heute mit denselben Mitteln die Vereinigten Staaten wieder industrialisieren und wieder finanziell solvent, also „great again“ machen möchte.
Implosion staatlich reglementierter Reiche
Die lateinamerikanische Unabhängigkeitsbewegung von 1810 bis 1826 ist aus der liberalen und aufgeklärten Kritik am Merkantilismus entstanden. Aber sie beging dabei denselben Denkfehler wie die demokratische Bewegung, die um 1990 zum Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks geführt hat.
Die Libertadores und Próceres dachten: „Da wir wegen des Merkantilismus arm und rückständig sind, wollen wir den Freihandel.“ Einen Freihandel, bei dem es nach den empirisch nicht fundierten Behauptungen der liberalen Ökonomen Adam Smith (1776) und David Ricardo (1817) nur Gewinner und keine Verlierer geben würde – in der Sprache der heutigen Neoliberalen eine „Win-win-Situation“. Ebenso glaubten die Demokraten im Ostblock, der freie Markt würde sie vom sozialistischen Elend befreien.
„Zivilisation“ oder Untergang
Die Folgen dieses Irrglaubens waren in beiden Fällen sehr ähnlich. Die Öffnung der lateinamerikanischen Häfen nach der Vertreibung der Spanier und Portugiesen führte zu einer Überschwemmung der eigenen Märkte mit den Produkten der britischen Textil- und Eisenindustrie und der industrialisierten US-amerikanischen Weizenmehlproduktion und stürzte Lateinamerika in ein noch tieferes Handelsbilanzdefizit als unter der Kolonialherrschaft. Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben das 1848 in ihrem „Kommunistischen Manifest“:
„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d. h. bourgeois zu werden.“
Um das Handelsbilanzdefizit auszugleichen, flossen lateinamerikanisches Gold und Silber nach England und den USA. Das führte in einem Lateinamerika, wo Banknoten noch unbekannt waren, zu Geldknappheit und Preisverfall – und damit zu einer jahrzehntelangen wirtschaftlichen Depression, die jede stabile verfassungskonforme Regierung unmöglich machte und die Caudillos, die Kriegsherren, aufkommen ließ.
Wiederkehr des Gleichen
Eine Fraktion dieser Caudillos, die Liberalen, blieb – auf britische Unterstützung hoffend und sie meistens auch erhaltend – dem Freihandelsprinzip treu. Die andere Fraktion, die Konservativen, propagierte einen Wirtschaftsnationalismus, ohne ihn zu praktizieren außer durch Fremdenfeindlichkeit und Bürgerkriegserklärungen (Pronunciamientos) gegen die Liberalen. Das lässt Erinnerungen an gegenwärtige postsozialistisch-konservative Staatsoberhäupter wie Orbán oder Putin, an den russisch-ukrainischen Krieg und an die Rhetorik von AfD und BSW wach werden. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.
Wieder am Ende der Geschichte?
Am Ende war Lateinamerika jedenfalls ein durch Bürgerkriege ruiniertes Trümmerfeld aus bankrotten Staaten, die sich in Schuldknechtschaft den imperialistischen Mächten unterwerfen mussten, um überhaupt leidlich funktionieren zu können. All dem lag also keine imperialistische Verschwörung zugrunde, wie die Vulgärmarxisten glauben, sondern die im erwähnten Artikel so treffend formulierte Verwechslung von Freihandel mit Freiheit. Wie schrieb bereits 1847 Karl Marx in seinem „Elend der Philosophie“?
„Wenn die Freihändler nicht begreifen können, wie ein Land sich auf Kosten des anderen bereichern kann, so brauchen wir uns darüber nicht zu wundern, da dieselben Herren noch weniger begreifen können, wie innerhalb eines Landes eine Klasse sich auf Kosten der anderen bereichern kann.“
Aber Marx ist ja einer, dessen Lehren in die Unfreiheit geführt haben. Also hören wir lieber nicht auf ihn.
