Wir kamen am frühen Abend aus dem Pub und ein Freund von T. und P. rief, kurz nachdem er in den Himmel gesehen hatte, aus dem es natürlich noch immer regnete: „Focking hell!“ Er rief „focking“, weil man das in Irland so macht und damit es sich noch schlimmer anhört, als es ohnehin schon ist. Und dann zeigte er an sich herunter, erst auf seine Jacke, dann die Hose und dann noch auf seine Schuhe und sagte: „It’s all rainproof.“ Der Sturm „Dave“ hatte sich für den nächsten Tag ab dem frühen Nachmittag mit 100 km/h angekündigt – P. hatte uns am Tag zuvor eine Gegend gezeigt, in der die entwurzelten Bäume von einem der letzten Stürme noch herumlagen – und T., die am nächsten Tag eine sehr wichtige und große Ausstellung in einem der wichtigsten Museen Irlands hatte, machte sich Sorgen, ob überhaupt ein paar Leute zur Vernissage kommen würden, weil sich niemand bei dem Wetter ins Auto setzen würde. Auch die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu dem Museum seien nicht die besten. Wir waren seit ein paar Tagen bei T. und P., die in der Nähe von Sligo ziemlich im Norden von Irland leben. Fast täglich fuhren wir ein paar Kilometer zum Atlantik und sahen hinaus – in die Weite, ins Offene, nach Westnordwest, und genau von dort kam der Wind und machte aus unseren Frisuren Haare, die wild durcheinander wehten, und weiter hinten, ganz weit hinten lag Amerika und weiter nordwestlich Grönland. Auf Grönland haben auch wir Besitzansprüche angemeldet, was man ja ohne Weiteres tun kann. Führt zwar nirgendwohin, aber man hat es getan. Bei der im Berliner Stadtteil Steglitz gelegenen Kuhligkshofstraße steht ja immerhin schon mein Name drauf. Führt aber auch nirgendwohin, schließlich gibt es Regeln. Eine andere Regel, die wirklich gut zu merken ist: Es ist Frühling, wenn die Zeugen Jehovas wieder am S-Bahnhof stehen. So einfach ist das. Und eine weitere: Menschen ohne Elan tanzen auch nicht spontan. Reimt sich sogar. Und eine letzte: Sehen Sie viele Menschen, sehen Sie viele AfD-Wähler. Und weil es so schön ist, doch noch eine allerletzte: Machen Sie niemals Urlaub in Ländern, in denen Sie nicht in einem Bikini – und es ist völlig egal, ob Mann oder Frau oder etwas dazwischen – am Strand sitzen können. Na gut, Schluss damit. Aber wo fahren jetzt eigentlich diese Vollidioten hin, die, umgeben von Autokratie, Unterdrückung und zivilisatorischem Elend, Pauschaltourismus auf Ölblasen machten? Wo sind die jetzt? In Irland jedenfalls nicht. Ist vielleicht auch besser, für Irland, für uns und die Vollidioten. Die Vollidioten würden sich hier auch nicht wohlfühlen, weil sie ja Vollidiotenwünsche für Vollidiotenurlaube haben, und hier bekämen sie jede Menge Regen auf die Vollidiotenköpfe. Führt auch nirgendwohin. T. kam am nächsten Morgen in die Küche, ungefrühstückt, mit nassen Haaren, sah mich an und sagte „Fucking Dave“, aber Dave wurde dann doch eine herbe Enttäuschung. Weder gab es Böen mit 100 km/h noch entwurzelte Bäume noch wurde der fußballfeldgroße Garten von T. und P. überschwemmt, der auf einer Seite von einem kleinen Fluss begrenzt ist, der sich bei starkem Regen erhebt. Das Gute war natürlich, dass die Vernissage am Nachmittag gut besucht war und T. sehr glücklich aussah. Regen gab es natürlich trotzdem, aber Regen ist in Irland so etwas wie Folkloremusik, die immerwährend läuft. Am Abend sagte T., nachdem P. erst den Biomüll in den Garten gebracht und dann den Ofen angemacht hatte: „Klimawandel! Unser Bach will uns immer wieder überschwemmen und bei euch regnets nicht mehr.“ Und P., im linken Mundwinkel eine Selbstgedrehte, imitierte einen irischen Musiker, der auf seiner Tin Whistle spielte. Als ich an einem Abend erzählte, dass ich ein Faible für Dokumentationen über tage-, aber am liebsten wochen- oder monatelange Bikepacking-Touren und Ultra-Races hätte, sahen mich T. und P. für einen Moment an, als hätte ich nicht mehr alle Latten am Zaun, und dann lachten sie los, was wirklich eine Schweinerei war. Jaja, schon klar, wie das wirkt. Da sitzt abends ein mittelalter Mann und sieht im Internet jüngeren Menschen dabei zu, wie sie Sport machen, und eigentlich, ja eigentlich – er gibt es offen zu – wäre er gerne an ihrer Stelle und führe auch am liebsten vom Gardasee ans Nordkap und einen Monat später auch von Freiburg ans Kap der Guten Hoffnung. Während die jungen Menschen diese Touren fahren, filmen sie sich, und die Männer, die eigentlich alle tätowiert sind und einen längeren Bart tragen, quatschen was von Mindset, immer wieder Mindset, als wäre die Psyche nichts anderes als ein Besteckkasten, und dass Schmerzen einfach dazugehören würden. Doch dann denkt der mittelalte Mann, och, Schmerzen, nein, lieber nicht. Und ehrlich gesagt sieht er lieber Frauen zu. Sie reden weniger Blödsinn und müssen auch nicht auf Teufel komm raus in 37 Stunden Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. Sie fahren keine Rennen, sie fahren Fahrrad und sprechen auch nicht von Freiheit, wenn sie eine Landschaft schön finden. Aber mein Fahrrad mit gerade mal sieben Gängen stand in Berlin, der Ofen heizte, es war schön warm und wir plauderten wie jeden Abend bis tief in die Nacht. Ich treffe mich alle paar Monate mit alten Schulfreunden unweit unserer ehemaligen Schule und neulich, als wir so beisammensaßen, erzählte ich von unserer Irland-Reise, von T. und P., der Vernissage und natürlich dem Regen und dem Atlantik. Dann fragte A. plötzlich quer über den Tisch in Richtung von B., die gerade erst gekommen war und sich hingesetzt hatte: „Und? Wie geht es dir?“, und B. sah sie kurz aufmerksam an und sagte dann: „Ich bin 50 und möchte mich ausruhen.“ Na ja, warum denn auch nicht, endlich mal keine Ziele, kein Mindset, keine Regeln, und ich lasse es mir noch mal durch den Kopf gehen, ob ich tatsächlich mit dem Fahrrad von Berlin bis zur Zugspitze fahren will, zwar nicht in 37 Stunden, nur irgendwie ankommen möchte ich. Aber vielleicht möchte ich mich auch einfach nur ausruhen.
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