Im Deutschunterricht haben wir gelernt, dass Dichtung nichts mit Erfahrung zu tun hat.

Weder sah ein Knab' wirklich mal ein Röslein stehn noch wurde ein anderer Knabe wirklich vom Erlkönig abgemurkst. Gedichte entstehen im Kopf des Dichters, und der Dichter kann mitsamt seinem Kopf auch sein ganzes Leben in einem dunklen Kellerloch sitzen und trotzdem ein gutes Gedicht über einen Rosenbusch schreiben. Die Natur dient ihm höchstens durchs kleine Kellerfenster als Stichwortgeber, und die wilde Muse hat er sich zur Sekretärin gemacht.

Hans Børlis Werk spricht dagegen.

Lebenslang Holzfäller

Hans Georg Nilsen Børli wurde 1918 im südlichen Norwegen, unweit der Grenze zu Schweden, geboren. „Es ist eine Verpflichtung für einen norwegischen Autor, eine schwere und unglückliche Kindheit erlebt zu haben“, schrieb er einmal, fügte aber gleich hinzu: „Da kann ich nicht mithalten.“ Die Familie war zwar arm und lebte auf einem Hof im Abseits, aber der aufgeweckte Junge entdeckte, dass ihm die Natur und die Bücher, die gelegentlich von Hof zu Hof gereicht wurden, genügten, um glücklich zu sein. Die streng pietistische Erziehung seiner Eltern machte ihm mehr zu schaffen.

Der vielversprechende Hans wurde auf eine weiterführende Schule geschickt, aber der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhinderte einen akademischen Abschluss. Børli kämpfte gegen die angreifenden Nazis und war später im Widerstand gegen die Besatzer aktiv.

1945 erschien sein erster Gedichtband. Bis an sein Lebensende arbeitete er als Holzfäller und brachte etwa jedes Jahr einen Band mit Lyrik oder Prosa heraus. 1989 starb er mit 70 Jahren in jenem norwegischen Landzipfel, in dem er aufgewachsen war: „Ich bin ein verlassener Häuslerhof / im Randgebiet des Lebens.“

Stoffwechseldichtung

Was man heute „Nature Writing“ nennt, hat selten etwas mit Natur zu tun, weil die betreffenden Autoren die Natur einfach nur durchwandern, anschauen und dann abschreiben. Sie bleiben ihr bei aller beschworenen Nähe entfremdet, denn schon der olle Marx wusste, dass man durch Arbeit einen Stoffwechsel mit der Natur eingehen muss, um ein echtes Verhältnis zu ihr zu gewinnen (und damit ist mehr gemeint, als bei der Wanderung mal kurz in den Wald zu pinkeln).

Dass die Arbeit mit der Natur aber wiederum zu ihrer Zerstörung führen kann, wusste der Waldarbeiter Børli besser als der Trierer Stubenhocker: „Ich bin ein alter Baumtöter. Ich habe / über vierzig Jahre lang Bäume ermordet.“

Børlis Gedichte haben trotzdem nichts mit proletarischer „Greif zur Feder, Kumpel“-Propaganda zu tun, dafür sind sie zu subjektiv und eigenwillig. Die Form der Gemeinschaft, die er in ihnen beschreibt und ersehnt, hat mehr mit Gustav Landauers „durch Absonderung zur Gemeinschaft“ zu tun als mit Klassenkampf oder gar mit nationalistischer Nestwärme: „Durch diese Dinge dir nah sein, Bruder! / Uns treffen wo in dem zeitlosen Licht / von tausend verschwiegenen Worten.“

Einfaches Glück

Børlis Gedichte wollen die Welt nicht erfassen oder begreifen. Meistens verweisen sie nur auf das Geheimnis, das außerhalb von ihnen zu suchen ist – in der Welt. Manchmal sind sie eine reine Feier des Sehens: „Ich sehe. / Und weiß, dass ich sehe. / So einfach ist das Glück.“

Dann schlagen sie wieder einen grüblerischen, melancholischen Ton an: „Einsam sind wir / wie der Wind einsam ist ...“ Gelegentlich erinnern sie an buddhistische Texte, aber das Subjekt ist nie ganz ausgeklammert, es spricht offen über sein eigenes Leid und seinen eigenen Schmerz. Am schönsten sind trotzdem die Gedichte, in denen gar kein „Ich“ vorkommt, etwa das Amsel-Gedicht, das so beginnt: „Kurzbeinig, / schwarz wie ein Köhler, / doch der Schnabel leuchtet gelb wie / ein Sonnensplitter.“

Vollständig zitieren muss man das: „Auch Gedichte haben ihre Rückseite, / ihre erdige Feldseite, / wo zottige Tausendfüßler herumkriechen / zwischen weißen Ameiseneiern, und wo / ein tiefes Stummsein / das lichtscheue Gesicht / von der Sonne wegdreht.“

Man kann sich gut vorstellen, wie der Dichter manchmal in die Einsamkeit zu versinken drohte, aber dann wieder zur Axt griff und konkret wurde. Anders als schwurbelnden Esoterikern glaubt man Børli, wenn er schreibt: „Nein, ich schreibe nicht über den Wald, / ich bin eins mit dem Wald und der Natur / als organischer Teil des Ganzen.“

Wenn der Dichter/Holzfäller das Glück erfuhr und wir es auch erfahren können, dann einfach deshalb: „Es gibt große Wälder, noch. / Und weiches Gras. / Und Wind in der Welt.“

Mehr Infos: 
offenesfeld.de

Børli lesen

Leider liegt bisher nur ein schmaler Band mit auf Deutsch übersetzten Gedichten Børlis vor. „Der Wind schaut nicht auf die Wegweiser“ kann für 18,50 Euro beim Verlag mit dem schönen Namen „Edition offenes Feld“ bestellt werden. Die Übersetzung durch den Gärtner und Dichter Klaus Anders passt hervorragend. Auch das lakonische Nachwort gefällt. Es lohnt sich, durch das Gesamtprogramm des Verlags zu stöbern.