Ein bisschen Zombie-Apokalypse spielen. Es gab Momente, in denen diese Stimmung tatsächlich aufkam und all die Klischees zu bestätigen schien, die im Vorfeld des „Kollapscamps“ kursierten. Etwa wenn beim Mittagessen solche Gesprächsfetzen vom Nachbartisch herüberdrangen: „Du musst zwei Finger in die Wunde drücken. Eine Kugel bewegt sich halt anders im Fleisch als Schrapnell.“

Oder wenn man sich nichtsahnend auf den Weg zum nächsten Workshop-Zelt machte und sich plötzlich einer Horde pöbelnder Dorf-Nazis gegenüber sah, nur um Augenblicke später – der Puls war schon in die Höhe geschnellt – von einer anderen Gruppe überholt zu werden, die die Macker mit Regenschirmen zurückdrängte. Ach so, das war der Workshop zur kollektiven Verteidigung.

Und überhaupt das ganze Setting: Ein abgelegener Wohnplatz mitten in der brandenburgischen Landschaft, in dem sich eine zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft von knapp tausend „Prepper*innen“ verschanzte, um der Klimakatastrophe zu trotzen ...

Aber eigentlich war alles ganz anders. Beim ersten Kollapscamp, das Ende August in Kuhlmühle bei Wittstock stattfand, wurde endlich greifbar – nach monatelangem Mutmaßen über diese neuartige Bewegung –, was „Kollaps“ und „solidarisches Preppen“ für unseren Kontext bedeuten könnten. Eine beeindruckende Menge an Know-how war hier versammelt: zum großen Teil erfahrungsbasiertes Wissen darüber, wie Gemeinschaften Krisensituationen meistern können.

Mit dabei waren etwa die Organisation Cadus, die Nothilfeeinsätze in Palästina und der Ukraine leistet, oder Zeitzeuginnen des George-Floyd-Aufstands 2020 in Minneapolis, wo sich Nachbarschaften selbst verteidigten und eine autonome Feuerwehr aufstellten. Oder ein Vertreter der indigenen Mapuche aus Argentinien, die sich seit Jahrzehnten gegen Raubbau-Industrien zur Wehr setzen. Oder Menschen, die queerfeministische Kämpfe im Kleinen wie im Großen führen.

Notstrom und gegenseitige Hilfe 

Es gab im Camp einen „technischen“ Strang, in dem Expert*innen beispielsweise die Grundlagen des Funkens erklärten oder zeigten, wie sich eine lokale Notstromversorgung einrichten lässt. Es gab einen „organisatorischen“ Strang, der sich mit Einsatzplänen und gegenseitiger Hilfe befasste.

Eine Erkenntnis aus diesen Workshops: Wo immer sich ein Stadtteil während einer Katastrophe besonders gut selbst organisiert, bestanden mit hoher Wahrscheinlichkeit schon vorher starke Community-Strukturen. So empfiehlt es sich, Leute beim Elektrizitätswerk zu kennen oder allgemein mit der Nachbarschaft vertraut zu sein.

Kommunitäre Gemeinschaften sind in diesem Zusammenhang mehr als nur alternative Wohnprojekte für einen exklusiven Kreis. In vielen Fällen sind sie ein lebendiges Praxisbeispiel für „solidarisches Preppen“ – mit Betonung auf „solidarisch“: Beispielsweise stellt eine politische Kommune in der Nähe von Kassel ihre Care-Strukturen der ganzen Dorfbevölkerung zur Verfügung.

Emotionale Arbeit gehört dazu

Ein weiterer Strang widmete sich der emotionalen Arbeit, hier ging es um „Radikale Therapie“, um „tiefe Anpassung“, um Trauma, um Zweifel am Aktivismus. Tränen und aufgelöste Menschen waren keine Seltenheit, mehrere berichteten während oder nach dem Camp, dass sie einen emotionalen Prozess durchgemacht hatten.

Dabei war das Emotionale nicht nur ein Nebenaspekt, sondern gehörte grundlegend zum Konzept des Kollapscamps. Schließlich müssen diejenigen, die die „Kollapsakzeptanz“ hinter sich haben, immer noch lernen, mit Angst, Trauer und Wut umzugehen. Kollaps-Akzeptanz meint hier die Erkenntnis, dass ein Zurück zu den alltäglichen Sicherheiten, in denen wir uns immer gewiegt haben, nicht mehr möglich sein wird – wobei das Ausmaß des Kollapses je nach Region sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Trotz der warmen und familiären Stimmung in dem altersmäßig gemischten Camp gab es auch Kritik, etwa dass Antirassismus und Internationalismus vernachlässigt wurden und dass eine umfassende politische Vision fehlte. Die hyper-spezifischen Workshops hätten im luftleeren Raum gehangen, meinte ein Campbesucher. Zwar gab es revolutionäre Perspektiven, etwa vonseiten der Initiative Grüne Gewerke oder in den Degrowth-Workshops, aber die wurden nicht in einem Plenum behandelt.

Utopischer Anspruch? 

Kontroversen gab und gibt es auch um die Rolle von Tadzio Müller, der die Kollaps-Debatte angestoßen und viele theoretische Beiträge geliefert hat. Bei der Eröffnungszeremonie gab er zwar symbolisch das Heft an die Bewegung ab, doch in den Diskussionen, die jetzt unter anderem in Signal-Chats weitergeführt werden, sind noch viele Fragen rund um „Leadership“ offen.

Immerhin kam auf einem Camp-Podium zum Ausdruck, dass in der Bewegung nicht alle derselben Meinung sind. Die resignative Haltung von Tadzio Müller, der die Klimabewegung als gescheitert bezeichnet (Rabe Ralf Februar 2025, S. 27), geht manchen zu weit. Es gibt Stimmen, die stattdessen den Aufbau von solidarischen Netzwerken betonen und damit vielleicht auch den utopischen Anspruch reklamieren, die Gesellschaft verändern zu wollen. Eine gemäßigte Kollaps-Position könnte beispielsweise anerkennen, dass Appelle an die Klimapolitik nichts mehr bringen, aber dass Klimakämpfe außerhalb von staatlichen Institutionen sehr wohl noch geführt werden können.

Mehr Infos: 
kollapscamp.de

So oder so stellt das Kollapscamp einen historischen Moment dar: die Geburt einer Bewegung. Die erst noch mit Inhalt gefüllt werden und zu sich selbst finden muss. Und die herausfinden muss, ob sie nun die neue Klimabewegung ist oder eine Abspaltung davon – oder etwas ganz anderes.