Irgendwie alles Müll: Früher, als alles früher war, bestand der Gipfel progressiven Denkens und Handels in Eigenurinbehandlung und emotionaler Intelligenz. Gestern, als alles gestern war, war der Hausmeister plötzlich Facility Manager und Menschen, die in der Personalplanung arbeiteten, hatten plötzlich Human Resources im Namen, als gelte es, einen Kriegseinsatz zu planen, weil eh schon klar war, dass die Hälfte des Personals bald verbraucht sein würde. Neulich, als alles neulich war, sagte die Arbeitsministerin Bärbel Bas in einem Interview, dass sie Rentner kennen würde, die Pfandflaschen sammeln. Und später sagte sie noch den tollen Satz: „Das macht mich so emotional.“ Nun wissen wir also auch, dass unsere Arbeitsministerin so ähnlich redet wie Fußballspieler, denn bei denen scheint es auch nur Emotionen zu geben und niemals Gefühle. Wenn Sie in der Abfolge der letzten Sätze einen Zusammenhang suchen, bitte sehr, es spricht für Sie. Und kurz vor Weihnachten war kurz vor Weihnachten und hier gehts los: „Hier hinten gehts leider nicht“, sagte die Wirtin, „hier kommen gleich die Leute hin, die auf dem Weihnachtsmarkt gearbeitet haben. Ist reserviert. Kommt mal mit. Also, entweder quetscht ihr euch hier an den Tresen oder ihr geht gleich an den Tisch da. Die zwei gehen bestimmt gleich oder vögeln unterm Tisch. Wir werden beobachten, wie sich das entwickelt.“ Die zwei standen engumschlungen an einem Bar-Tisch, die linken Hände am Rücken des anderen, die rechten am Hintern des anderen, und doch schien nicht richtig Bewegung in die Sache zu kommen. Wir setzten uns an den Tresen, sahen auf das Ensemble aus Flaschen und Fotos, und N., die aus München angereist war für ihre Lesung, die wir besucht hatten, sagte nach einem Moment: „Wie toll, dass es solche Kneipen noch gibt.“ Wir plauderten eine Weile und irgendwann beugte ich mich über den Tresen und sagte der Wirtin, die hier noch eine Wirtin ist: „Sieht toll aus mit den Fotos!“ „Hab ick allet selbst zusamm'jehängt, is jut, oda?“ Ein weiteres Mal lobte ich ihre Hängung, die sich wirklich hervorragend zum Rest der Kneipe fügte. Ich hätte ihr nun sagen können, dass sie also ihre eigene kleine Ausstellung kuratiert hat. Aber das wäre auch etwas blöd gewesen. Früher, liebe Heranwachsende, als alles früher war – ich muss etwas ausholen –, gab es Menschen, die hatten einen Raum, und andere, die wollten darin etwas machen. Kunst hinhängen, Texte vorlesen, Musik spielen. Man einigte sich meistens nach wenigen Minuten. Termine wurde vereinbart und los gings. Gibts alles immer noch, dauert aber alles viel länger, weil vorher der Brandschutz noch mal durchmuss, dann wird der Alle-müssen-sich-wohlfühlen-können-Manager bestimmt und ganz zum Schluss passiert das Wichtigste: Alle geben ihren Kram ab oder melden ihn an und der Kurator beginnt zu arbeiten. Kann man sogar mittlerweile studieren. Nur so als heißer Tipp: Wenn Sie irgendwas in Kunst machen und möchten, dass aus Ihrem Hobby niemals ein Beruf wird oder aus ihrem Beruf wieder ein Hobby, dann pöbeln Sie doch einfach ein bisschen gegen Kuratoren. Dann erledigt sich alles von allein. Nimmt wirklich Druck aus der ganzen Sache, ungeheuer befreiend. Dasselbe können Sie übrigens, wenn Sie Kunst herstellen oder Gedichte schreiben, auch bei Menschen machen, die in Kunst machen und gleichzeitig auch in Kunstkritik machen, oder bei Menschen, die Gedichte schreiben und gleichzeitig Lyrikkritik schreiben. Denen muss man nur mitteilen, dass man ihre Kunst oder Gedichte so blutleer findet, dass man davon ausgeht, dass das von ihnen Geschaffene nicht mal selbstständig den Weg in die Küche finden würde. Ich schreibe übrigens „Menschen“, obgleich ich mir angewöhnt habe, von „Personen“ zu sprechen, auch wenn ich finde, dass ich mich jedes Mal anhöre, als würde ich gleich ein Inkassounternehmen vorbeischicken. Und jedes Mal, auch wenn ich es höre, erinnere ich mich auch an früher, als alles noch früher war, und niemand mit dem Wort „Person“ in Verbindung gebracht werden wollte, weil man dann entweder bei etwas erwischt wurde oder als etwas bezeichnet wurde, mit dem der Rest der Menschheit wenig zu tun haben wollte. Man war der Gipfel der Empörung. Ich habe gestern – damit Sie Bescheid wissen – mein Frühstück kuratiert und danach die Tulpen in der Vase. Die Kuration der Tulpen sieht vor, dass ein wöchentlicher Wechsel stattfindet, was ich bei meinem Frühstück, so schnöde, wie es ist, nicht behaupten könnte. Aber vielleicht ist die Wiederkehr des Gleichen auch einfach der Clou. Man kann sich auch einfach merken: Dort, wo um Aufmerksamkeit und Bedeutung gerungen wird, dort, wo kein gesellschaftlicher Nutzen existiert, der sich sogleich monetär niederschlägt, dort, wo Hochkultur auf Hochkultur trifft und sie einander wertschätzen, weil es sonst niemand tut, dort wird kuratiert. „Entschuldigen Sie mal, das Foto da hinten, ich komme nicht drauf, wer ist das?“ Die Frau hinter dem Tresen sah mich eine Weile an, als hätte ich sie in einer Sprache angesprochen, die ausschließlich aus Schimpfwörtern besteht, und rief dann: „Dit is David Bowie, Mann, Mann, dit jibts ja wohl nicht, David Bowie, wer denn sonst?“ Gegen Ende des Satzes wurde sie lauter. Dann machte sie eine kurze Pause und rief dann noch mal sehr laut „Oh Mann!“, damit auch der Rest der Kneipe mitbekommt, dass ich irgendwie gerade Scheiß gebaut habe. Sie sah mich voller Verachtung an. Ich war bei ihr durch, komplett, für den Rest des Abends, für den Rest ihres Lebens. Es half auch nicht weiter, dass ich mich formvollendet entschuldigte, sagte, dass ich aus diesem Winkel nicht gut erkennen konnte, wer da auf dem Foto abgebildet sei, denn es war ja ganz eindeutig David Bowie, ob Winkel oder kein Winkel. Sie winkte nur noch ab. N. und ich redeten über die Bücher, die wir zuletzt gelesen hatten. Als ich für eine Bestellung wieder Kontakt zu der Wirtin und Kuratorin aufnahm, sagte ich: „Und was ist mit Mick Jagger? Hängt der hier auch irgendwo?“ Fand sie nicht lustig. 

"Dort, wo Hochkultur auf Hochkultur trifft und sie einander wertschätzen, weil es sonst niemand tut, dort wird kuratiert."