Der bretonische Comiczeichner Hervé Tanquerelle gehört in Frankreich zu den Großen seiner Zunft. Seine Trilogie „Der letzte Atlas“ zählt im Land der neunten Kunst bereits zu den Klassikern, wurde bislang aber nicht ins Deutsche übersetzt. Im Berliner Avant-Verlag sind immerhin seine Alben „Grönland Odyssee“ und „Grönland Vertigo“ erschienen, die auf der Insel im äußersten Norden spielen. Der Rabe Ralf sprach mit dem Zeichner über weiße Weiten, eisige Hybris und Erzählen als Hoffnung.

Der Rabe Ralf: Herr Tanquerelle, nach „Grönland Vertigo“ und „Grönland Odyssee“ haben Sie im vergangenen Jahr mit „La Terre verte“ (die grüne Erde) ein weiteres Comic-Album veröffentlicht, das auf der eisigen Insel spielt. Warum gelingt es Ihnen nicht, sich von Grönland zu lösen?

Hervé Tanquerelle: Es ist Grönland, das sich mir jedes Mal aufdrängt – nicht umgekehrt. Meine Begegnung mit dem „Grünen Land“ geschah eher zufällig. Anfang der 2000er Jahre fragte mich der Comic-Autor Gwen de Bonneval, ob ich Interesse hätte, die Grönland-Geschichten des Dänen Jørn Riel zu adaptieren. Ich sagte zu, und so führte eines zum anderen: Für die beiden Projekte, die Sie erwähnen, setzte ich noch zwei weitere Male meinen Fuß auf grönländischen Boden. Und es ist jedes Mal ein echtes Vergnügen, dorthin zurückzukehren.

Sie haben sogar an einer einmonatigen Expedition nach Grönland teilgenommen. Wie kam es dazu? War diese Erfahrung für Ihre Arbeit wichtig?

Ja, 2011 wurde mir diese Expedition im Zusammenhang mit der Riel-Adaption angeboten. Ich hatte das unglaubliche Glück, auf einem alten Dreimaster in den Nordosten Grönlands zu reisen und die Fjorde um den Kejser Franz Joseph Fjord zu besuchen. Eine einzigartige und vollkommen verrückte Erfahrung. Das i-Tüpfelchen war, dass unter meinen Mitreisenden Jørn Riel selbst war! Auf dem Schiff hatte ich das Gefühl, mich in Hergés Tim-und-Struppi-Klassiker „Der geheimnisvolle Stern“ zu befinden.

Einige Jahre später machte ich aus dieser Reise eine abenteuerliche Comicgeschichte, indem ich die Realität – ganz im Stil von Riels Geschichten – ein wenig verzerrte und zugleich der Welt von Tim und Struppi Tribut zollte. Für mich war das eine magische Zusammenführung verschiedener Themen, die mich bis heute faszinieren. 

Wer die Insel nie besucht hat, stellt sie sich als karg, kalt und überwiegend weiß vor. Welche Anziehungskraft übt diese Landschaft auf einen Zeichner aus? 

Sie ist tatsächlich viel vielfältiger, als man denkt. Schon im Sommer können die Farben extrem leuchtend und unterschiedlich sein. Es gibt unglaubliche Lichtverhältnisse, eine große Vielfalt an grafisch wirkenden Gesteinsnuancen, ebenso beim Eis, bei Eisbergen und so weiter. Ich glaube, ein Maler könnte dort ein ganzes Leben verbringen, ohne die Landschaft auszuschöpfen.

Schwindelerregend ist auch die Schwierigkeit, Entfernungen einzuschätzen. Die Weite ist so immens, dass es schwer zu bestimmen ist, ob ein Punkt nah oder sehr weit entfernt ist. Und es ist so selten, sich an einem Ort außerhalb der menschlichen Gemeinschaft wiederzufinden. Kilometerweit keine Spur von Zivilisation!

Zeichnung: Ein Eisbär läuft vor einem rosafarbenen Eismeer durchs Bild, auf seinem Rücken sitzt ein schlanker Rabe. Auf dem Körper des Eisbären ist die Flagge Grönlands angedeutet.

 
 
Hervé Tanquerelle hat für die Juni/Juli-Ausgabe des Raben Ralf die Titelillustration gestaltet.

Aufgrund von Trumps imperialer Hybris ist Grönland wieder ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit gerückt. Das komplexe Verhältnis der Bewohner zu Dänemark sowie die geopolitischen Interessen Russlands, Chinas und der EU werden intensiv diskutiert. Hat das Ihren Blick auf die Insel verändert? Sehen Sie Ihre Comics heute anders?

In Jørn Riels Geschichten hat sich eine Gemeinschaft von Trappern in Grönland niedergelassen, um möglichst viel Abstand zur „Welt da unten“, wie sie es nennen, zu gewinnen. Leider nimmt diese Welt heute immer mehr Raum ein. Ihr zu entkommen wird immer schwieriger. Was heute geschieht, ist für die Menschen in Grönland nichts völlig Neues, aber alles hat sich in kürzester Zeit dramatisch beschleunigt.

In „La Terre verte“, das ich nach dem Text von Alain Ayroles illustriert habe, erzählen wir vom Aufstieg eines Mannes, der von seiner Hybris zerfressen wird und sich, nachdem er seine Gegner einen nach dem anderen ausgeschaltet hat, selbst zum König von Grönland ausruft. Als Donald Trump erneut von seinem Wunsch sprach, sich Grönland anzueignen, waren wir bestürzt, dass die Realität die Fiktion überholte.

Die Hauptfigur Richard ist viel komplexer als Trump, aber sein lügnerischer Populismus erinnert sehr an ihn. Die verzweifelten Nachfahren der Wikinger glauben ihm, wenn er verspricht „to make Greenland great again“ und die fremden Inuit für ihr Elend verantwortlich macht. Das wirkt tatsächlich sehr aktuell.

Ja, aber wir hätten nicht gedacht, dass es so aktuell werden würde – leider!

Ihre drei Grönland-Comics unterscheiden sich stark in Stil, Ton und Atmosphäre. Während „Grönland Odyssee“ bedrückend und zugleich humorvoll ist, wirkt „Grönland Vertigo“ in der Tradition Hergés leicht und beinahe cartoonhaft. „La Terre verte“ hingegen ist düster und episch. Warum funktioniert diese stilistische Bandbreite in diesem Setting so gut?

Ich glaube nicht, dass das speziell mit Grönland zu tun hat. Jeder Ort eignet sich dafür, Fiktion in all ihren Formen zu beherbergen. Das ist ja gerade die Stärke der Fiktion: Sie ist überall zu Hause. Keine Grenzen! Und Comics wie Literatur haben den Vorteil, dass sie nicht viele Mittel benötigen, um eine Welt zu erschaffen. Papier und Stift genügen. 

Comic-Szene: Ein junger und ein alter Mann sitzen an der Küste Grönlands vor einem Zelt und rauchen Pfeife. Der junge Mann hört ein Geräusch wie Kanonendonner. Der alte sagt: Das ist ganz einfach die unberührte Natur, mein lieber Hansen.

Seite aus „Grönland Odyssee“

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Avant-Verlags

Die ökologische Dimension ist im Hintergrund Ihrer Alben stets präsent. „La Terre verte“ enthält Anklänge an Jared Diamonds Buch „Kollaps“, in dem er die Gründe für das Scheitern der Wikingerkolonien in Grönland analysiert. Welche Bedeutung haben ökologische Fragen für Ihr Werk? 

Ich fürchte, das Thema Ökologie lässt sich heute kaum noch umgehen. Allerdings habe ich es nie frontal in meinen Werken behandelt. „La Terre verte“ ist die Geschichte einer Wikingerkolonie am Rand des Zusammenbruchs, die unbeirrt weiter gegen die Wand läuft, ohne ihr Paradigma zu ändern – das ist eindeutig eine Parabel auf unsere heutige Situation.

Trotz aller Dunkelheit in „La Terre verte“ gibt es auch positive Figuren: Ingmar, dessen Gesicht an den Schauspieler Max von Sydow erinnert, die stolze Ingeborg oder den weisen Trunt-Trunt, der den Wikingern rät, wie die Inuit zu leben. Sind Sie ein von Hoffnung getragener Künstler?

Ich glaube nicht, dass Kunst den Lauf der Welt wesentlich verändern kann. Aber ich selbst brauche das Erzählen von Geschichten, um mich besser zu fühlen. Es ist eine notwendige Katharsis. Und wenn es auch anderen guttut, umso besser! Vor Kurzem habe ich einen Satz des Künstlers Robert Filliou entdeckt: „Kunst ist das, was das Leben interessanter macht als die Kunst.“ Diese schelmische Definition gefällt mir sehr.

Ich denke auch an Ingeborgs großartigen Monolog. Sie beschreibt die grönländische Landschaft zunächst als zu weit und zu majestätisch für den Menschen, fügt dann aber hinzu, dass man sich unendlich frei fühlen könne, wenn man diese Größe in sich aufnimmt – in einem Land ohne Könige. Haben Sie das auch empfunden?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ingeborgs Weisheit schon ganz erreicht habe – leider! Aber ich arbeite daran, ohne dafür erneut nach Grönland reisen zu müssen. (Meine CO₂-Bilanz wäre sonst katastrophal!) Ich versuche es zum Beispiel mit Meditation – wobei das Zeichnen an sich schon eine Form davon ist.

In „La Communauté“ (die Kommune) haben Sie sich mit der Geschichte einer alternativen Gemeinschaft beschäftigt, in der Ihr Schwiegervater lebte. Das Buch ist als Gespräch angelegt und erzählt mit Sympathie, aber ohne Idealisierung. Wie würden Sie das Verhältnis Ihrer Kunst zur Utopie beschreiben?

In diesem Buch haben mein Schwiegervater und ich ein Zitat des Zeichners Gébé vorangestellt: „Utopie schrumpft beim Kochen, deshalb braucht man am Anfang sehr viel davon.“ Mein Problem ist, dass ich nicht weiß, auf welcher Garstufe ich inzwischen angelangt bin. Aber ich nähre mich von der Utopie der heutigen Generation – der Generation meiner Kinder.

Planen Sie in naher Zukunft einen weiteren Grönland-Comic?

Im Moment ist nichts Nördliches geplant. Aber wer weiß – ich würde sehr gern zurückkehren.

Vielen Dank.

Die Alben „Grönland Odyssee“ und „Grönland Vertigo“ können für 39 und 24,95 Euro beim Avant-Verlag bestellt werden. Übersetzungen von „La terre verte“ und „La Communauté“ sollten dringend folgen.