An dem Ort, an dem ich meine Arbeitskraft gegen Bezahlung verkaufe, gibt es natürlich Auszubildende, damit es auch noch in dreißig Jahren Menschen gibt, die ihre Arbeitskraft gegen Bezahlung verkaufen. Mit der einen sprach ich neulich über die Wahl zum Jugendwort des Jahres, was vielleicht eh etwas merkwürdig ist, und ich rechne es ihr hoch an, denn warum überhaupt sollte sich eine Jugendliche mit einem Menschen, der die 50 geknackt hat, über solchen Quatsch unterhalten. Vögel unterhalten sich ja auch nicht mit Säugetieren über die Wahl zum schönsten Gesang des Jahres. Falls Sie es noch nicht wissen: Auch Sie können zu der Wahl zum Jugendwort des Jahres beitragen und Ihre wertvolle Stimme abgeben. Nur damit Sie Bescheid wissen: Sie brauchen dafür einen Internet-Zugang. Und gleich vorneweg, damit Sie nicht zu lange so hibbelig warten müssen. Das Jugendwort des Jahres – tut mir leid – ist schon wieder nicht „Hurensohn“ geworden, obwohl es bereits vor Jahren eine breitgefächerte Initiative im Internet gab. Nein, der Langenscheidt-Verlag (das sind die gelben Wörterbücher), der 2019 vom Pons-Verlag (das sind die grünen Wörterbücher) gekauft wurde, also alles die gleiche Suppe, derselbe Brühwürfel, wie auch immer, ließ daraufhin verlautbaren, dass er „Begriffe dieser Kategorie nicht unterstützen“ wolle, was ja wirklich eine halbgare Angelegenheit ist, denn wenn sich die Jugend schon mal erhebt und sei es nur, um für ein Wort abzustimmen, sollte man sie nicht gleich wegschubsen. Denn entweder Jugend mit Hurensohn oder gar keine. Dürften Vögel wählen, hätten sie sicherlich auch nicht das Rebhuhn zum Vogel des Jahres gewählt. Und warum dürfen überhaupt Sie und ich und auch die Frau Meier von nebenan, die Kinder noch nie mochte und sie mit bösen Blicken belegte, also wirklich alle, bei der Wahl zu dem Jugendwort des Jahres mitmachen? Mit welcher Berechtigung? Weil wir auch mal jung waren und Worte benutzten, von denen wir überzeugt waren, sie würden nur uns gehören? So was wie cool oder geil oder abgefahren, bei deren Gebrauch ich mit größter Befriedigung ein leichtes Zucken durch die Gesichter meiner Eltern huschen sah. Wie war das toll! Wir hatten die alleinige Befugnis und die biologische Rechtfertigung, die Worte zu benutzen, und wir tragen sie noch immer dicht unterm Herzschlag, wie abgefahren ist das denn! Ein Vorschlag zur Güte, lieber Langenpons-Verlag: Wer als erwachsener Mensch nachweisen kann, dass er in seinem Alltag von Jugendsprache gequält wird und hin und wieder im Internet nachschauen muss, was das denn eigentlich jetzt schon wieder bedeutet, der sozusagen völlig gegenwärtig lebt und dem Wandel der Sprache gänzlich ausgesetzt ist, der darf mit halber Stimme mitmachen. Wäre doch was, oder? Das alles gilt natürlich nicht für vierzigjährige Männer, die Pokémon-Karten sammeln. Immer noch oder schon wieder. Denn wer in diesem Alter noch mit glühenden Wangen an einem Verkaufstresen steht, die Auswahl der zu kaufenden Packungen aus einer Menge an Packungen, die zwar alle gleich aussehen, aber natürlich ganz unterschiedlich gefüllt sind, geradezu studiert und zu Hause sofort die Packungen aufreißt und die bis dato noch nicht vorhandenen Karten irgendwo einsortiert und die, die nun doppelt vorhanden sind, beim nächsten Pokémon-Karten-Sammler-Treff gegen noch nicht vorhandene tauscht, ebenso mit glühenden Wangen, kann ja irgendwie, das steht fest, nicht für voll genommen werden. Das crazy, ja. Sie dürften also mitmachen, mit voller Stimmgewalt. Das Jugendwort des hübschen Jahres 2025 ist „Das crazy“. Als ich also die Auszubildende fragte, was „Das crazy“ für eine Bedeutung habe, und sie mir erklärte, dass da eigentlich nur das Verb weggelassen werde, war ich etwas enttäuscht. Hätte ich wirklich mehr erwartet – von der Jugend, ihrem Aufbruch und überhaupt, aber die meisten, die da abgestimmt haben, zahlen ja eh schon in die Rentenversicherung ein. Mein Opa, wäre er noch am Leben, hätte nun sagen können, früher, in Russland, da haben wir noch in ganzen Sätzen gesprochen. Aber Jugend ist eh gerade schwierig. Die Haut ist unrein wie die ganze Zukunft, Sexualpartner gibt’s nur im Internet, Friedrich Merz ist Kanzler, er wurde von uns, also ihren Eltern, diesen Leuten, die den Planeten kaputt gemacht haben und trotz dessen immerwährend Lebensratschläge geben, gewählt, dann auch noch überall Kriege und Katastrophen, Identitätspolitik hat die Klassenfrage ersetzt, welche Klassenfrage überhaupt, es ist doch alles zum Mäusemelken, ehrlich, das crazy. Und dazu das Übliche: Ich und die Welt, ich in der Welt und die Welt in mir. Ich wünschte, sie könnten einfach wie früher Dosenstechen auf U-Bahnhöfen machen und dann gemeinsam auf die Gleise kotzen. Ist auch ein Erlebnis, ich schwöre! Ginge ja immer noch, alle Grundlagen für diese Form der Freizeitbeschäftigung existieren weiterhin. Die von mir heiß verehrte Postpunk-Band Die Nerven singt: „Ein Hoch auf die Jugend, zum Glück ist sie vorbei.“ Als ich so alt wie die Auszubildende war, sah ich aus wie ein reifes Stück Obst, glatt, voller Farbe, na ja, Sie wissen schon, denken Sie doch einfach auch an sich selbst, an Ihr 20-jähriges Ich beziehungsweise an die Verpackung Ihres Ichs, Sie haben dann schon irgendwie eine Vorstellung davon. Neulich, als ich einen Knollensellerie kaufte, dachte ich, dass ich so rein gar nichts mehr mit frischem Obst zu tun habe. Mein Vergleichslebensmittel ist Sellerie geworden, warum auch nicht, gibt Schlimmeres. Knollensellerie – so kann man es festhalten – ist das ehrlichste Gemüse der Welt. Knollensellerie sieht immer so aus, als würde er wirklich aus der Tiefe der Erde kommen oder wüchse in der Nähe des Erdkerns. Er hat so viel erlebt, dass er gar keine Zeit mehr hatte, sich noch mal zu duschen, und roh schmeckt er auch nicht gut, der verdammte Hurensohn. Wie schön, endlich habe ich mal ein Gemüse beleidigt. Das erste Mal in meinem Leben. Mit 50 Jahren. Abgefahren.
Das könnte dich auch interessieren
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen (Kommentarregeln)
Als Gast
