Was für ein Tag! Mir wurde bei bedecktem Himmel auf offener Straße von einer Kleinfamilie Gottes Segen erteilt, eine Frau erklärte mir hinter vorgehaltener Hand, weil es ja nur für mich, den von ihr Auserwählten, bestimmt war, dass sie haargenau weiß, wer hinter der Impf-Mafia stecke, und dann fiel mir auf dem Fahrrad auch noch ein, dass Friedrich Merz eigentlich alles daransetzen müsste, den Monat Februar zu verlängern, weil 28 oder 29 Tage nicht effizient genug für einen Monat sind. Dann saß ich schließlich mit B. vor seinem neuen Laden „Favoritenpresse & Friends“ am Neuköllner Richardplatz, in dem eine Fotoarbeit von mir ausgestellt war. Auf einem der Fotos weht eine Deutschlandflagge über einem Komposthaufen und ich redete eine Weile mit einem der Besucher darüber, ob das nun individueller Biomüll oder ob auf dem Foto auch Tiermist zu sehen ist. Dann saß ich zwei Stunden später wieder mit B. vor dem Laden und ein grimmig dreinschauender Mann beanspruchte den breiten Bürgersteig für sich. Er lief in strammer Haltung an uns vorbei, von Kopf bis Fuß in Camouflage gekleidet, damit wir auch sehen, dass er es wirklich ernst meint. „Odins Erben“ stand hinten auf seiner Lederjacke, wobei Odin sicherlich kein Mitspracherecht hatte. Eine vierzig Zentimeter lange Stabtaschenlampe, mit der man Robbenbabys erschlagen kann, war an der rechten Außentasche seiner Hose befestigt. Wir hätten ihn natürlich ansprechen können, ob es auch irgendwo Lederjacken mit der Aufschrift „Odins Erbinnen“ gibt, oder wir hätten auch einfach fragen können: „Ey, Odins Erbe, warum ist Erben nicht gegendert?“, aber wir ließen es bleiben, er sah einfach auch etwas gefährlich aus, zumindest zu gefährlich für uns. Außerdem hätten wir dann nur wieder polarisiert und auch noch gleich gespalten, weil die Spaltung ja gerade überall stattfindet, ob man will oder nicht. Täglich bricht die Gesellschaft mehrmals auseinander und wächst gleich wieder zusammen. Spaltung, ach ja. Konflikte oder Demokratie nannte man das früher. Was nicht heißt, dass ich mit Nazis reden möchte, ich möchte sie nicht mal anfassen, auch wenn sie körperlich noch so attraktiv sind, weil die innere Hässlichkeit einfach alles überstülpt. Man muss ja auch nicht gleich alle lieben. Das macht auch nur hässlich. Der Papst ist einer, der die ganze Menschheit liebt. Als ich vor Wochen eine Fahrradtour machte, geriet ich in Werder in das Baumblütenfest. Es war wirklich keine Absicht, ich wusste einfach nicht davon und es ist genauso schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich schob mein Fahrrad durch die bürgerliche Mitte, die bei der letzten Bundestagswahl die AfD auch in Werder zur stärksten Partei machte, und durch die Scharen von Tagestouristen, die sich bereits am Mittag auf ein kollektives Kotzen ab dem frühen Abend vorbereiteten. Der Intellektuellentreff von Werder hatte sich weit außerhalb auf irgendeinen Acker verzogen, gleich neben die Antifa-Ortsgruppe. Ich bog in diesem Schlamassel mittendrin ab und fuhr auf den Parkplatz eines Discounters, um hier mein Mittagessen zu kaufen, und ging auf den Eingang zu. Direkt vor mir lief eine Gruppe Jugendlicher. Einer von ihnen trug ein altes Fußball-Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Es war rosa und die beiden Vieren auf seinem Rücken – eine typografische Meisterleistung – sahen aus wie SS-Runen, und darüber, wo die Spielernamen stehen, stand „Führer“. Dass Deutschland so weit verkommen ist, dass nun der Führer selbständig im Rewe einkaufen gehen muss, ist auch etwas heftig. Der Regisseur Woody Allen lässt in seinem Film „Manhattan Murder Mystery“ sein Alter Ego sagen: „Immer, wenn ich Wagner höre, entwickle ich ein Verlangen, Polen zu erobern.“ Mir geht es so bei dieser Melange aus Fußball und Deutschland, obgleich ich nirgendwo einmarschieren möchte, nein, ich möchte dann Deutschland so schnell wie möglich abgeben. Wochen später bemerkte ich den Beginn der WM daran, dass auf dem Kottbusser Damm mittelalte Männer in Fußballtrikots staunend herumliefen, weil es auf der Schwäbischen Alb oder im Frankenwald weitaus weniger Menschen gibt und Berlin ja eh der Knaller ist und wir hier auch Fernsehempfang haben. Und diese mittelalten Männer wollten sich so gar nicht mit den infantilen Erwachsenen zusammentun, von denen ich nach über einem Jahrzehnt noch immer nicht begriffen habe, wo die eigentlich herkommen und was die mit ihrem Leben machen. Sie haben mehr als 40-mal Geburtstag gefeiert, sie finden alles fucking amazing, sie tragen die Klamotten von Nazi-Opa und Stasi-Mutti, sie haben die Subjektivität erfunden, sie benehmen sich, als seien sie in Disneyland, weil sie keinerlei Interesse daran haben, mit Berlin in Kontakt zu treten, sie wollen es nur fucking amazing konsumieren und gut aussehen, und währenddessen leuchtet über jedem von ihnen dieses Neonschild mit dem Schriftzug: Ich beschäftige mich am liebsten mit mir selbst. Mittlerweile ist Timmy Biodiesel und Deutschland ist raus und irgendein Land wurde Weltmeister, weil das passieren musste. Aber vielleicht hat Donald Trump auch eine Pressekonferenz gegeben und gesagt, dass er das unfair findet und dass das überhaupt nicht sein kann und es gegenüber den Gastgebern absolut unhöflich ist. Und dann wurde jenem Land der Titel aberkannt und den USA zuerkannt, wer weiß. Vor einiger Zeit war ich auf einem Konzert und nachdem A. A. Williams eine Stunde lang gespielt hatte, zeigte sie den Heavy-Metal-Gabelgruß, sagte „Berlin, it was a fucking pleasure!“ und verließ die Bühne. Sollte ich eines lieben Tages aus dieser Stadt wegziehen, werde ich das Gleiche sagen. Und sollten Sie irgendwo AfD-Wählern in Ihrer Verwandtschaft begegnen, zerlegen Sie sie bitte verbal, machen Sie sie kurz und klein. Und noch was: Bei der kommenden Berlin-Wahl wählen Sie bitte ein unbebautes Tempelhofer Feld in den Grenzen von 2008.
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