Der Grafiker und Filmemacher Lutz Dammbeck wurde 1948 in Leipzig geboren. Sein mehrfach preisgekröntes Werk beschäftigt sich mit den Beziehungen von Kunst, Macht und Avantgarde. In seinem bekanntesten Film „Das Netz – Unabomber, LSD und Internet“ geht er den Spuren nach, die zwischen der Gegenbewegung der frühen Computerkultur und dem Militär-Cyber-Komplex verlaufen. Der Rabe Ralf sprach mit ihm über die Pläne der Tech-Giganten sowie über historische wie aktuelle Formen des anti-technologischen Widerstands.

Der Rabe Ralf: Herr Dammbeck, Ihr Film „Das Netz“ beschäftigt sich mit der „kalifornischen Ideologie“. Das Herz der US-amerikanischen Informatikbranche wurde von einer eigenartigen Mischung aus Hippiekultur, Technikgläubigkeit, Anarchismus und Militär geprägt. Können Sie skizzieren, was für Sie die Grundzüge dieser Ideologie sind?

Lutz Dammbeck: Die Frage war für mich Anlass, nochmal in der ersten, 2000 entstandenen Drehbuchfassung für den Film nachzuschauen, ob ich da schon den 1995 veröffentlichten Artikel von Richard Barbrook „The California Ideology“ erwähnt habe, der den Mythos einer „kalifornischen Ideologie“ begründete. Er beschrieb damals den Schaum vieler scheinbar gegensätzlicher und verwirrend unterschiedlicher Ideen, aus denen schließlich das entstand, was heute Wirklichkeit ist. Diesen Ideen und der Frage, welchen Einfluss die damalige Kunst der Moderne dabei hatte, wollte ich bei meinen Recherchen nachgehen.

Zum Beispiel war eines der damaligen großen Themen die sogenannte „Weltregierung des Internets“, die von dem US-Unternehmen ICANN – Internet Corporation for Assigned Names and Numbers – repräsentiert wurde, das vom damaligen Präsidenten Clinton und seinem Berater Ira Magaziner gegründet wurde. Das Unternehmen sollte den USA die Kontrolle über den „Authoritative Root Server“ und die „Top-Level-Domains“ garantieren, das technische Rückgrat des Internets. Ich hatte damals ein Gespräch mit dem Sprecher des Chaos Computer Clubs in Deutschland, und der erzählte mir von den Schwierigkeiten, Zugang zu dem US-dominierten neuen Supermedium zu bekommen und Einfluss darauf zu nehmen.

Der damalige Sitz der Organisation war bei Los Angeles, in Marina del Rey. Ich fuhr hin, die angegebene Adresse war leicht zu finden. Nur, der Doorman hatte noch nie etwas von einer Firma ICANN gehört. So irrte ich durch das große Bürogebäude auf der Suche nach der „Weltregierung des Internets“, bis ich schließlich in einem der unzähligen Flure eine Tür fand, an die ein unscheinbarer Zettel gepinnt war, auf dem mit Edding handschriftlich vermerkt war: „ICANN“. Das ähnelte nun mehr einer Briefkastenfirma als einer „Weltregierung des Internets“.

Und dieser zwiespältige Eindruck setzte sich fort, als ich das kümmerliche Computer-Museum in Mountain View und die das staubige Valley durchquerende Straßenbahn sah oder Vorgespräche führte mit Pionieren des Internets wie Robert Taylor oder Larry Roberts und mit Stars der Counterculture, der Gegenkultur, wie Stewart Brand und John Perry Barlow. In der mir damals zugänglichen Wirklichkeit, vor Ort und mit den Augen des genau hinschauenden Filmemachers schien der Mythos einer „kalifornischen Ideologie“ nur Behauptung zu sein. Diese Differenz von einem behaupteten Mythos und der für mich sichtbaren Wirklichkeit, also von Schein und Sein, fand ich interessant. Dieses Sein war scheinbar Teil des Scheins geworden, und es musste eine neue, für mein Auge zunächst nicht sichtbare Realität geben. Wenn dem so war: Wie konnte ich dieses neue Sein und diese Realität filmisch sichtbar machen?

Aus den Hippies und Nerds von damals sind inzwischen die mächtigsten Männer der Welt geworden. Elon Musk hat mit Trump regiert und möchte jetzt eine eigene Partei gründen. Wie Musk neigt auch der mächtige Tech-Unternehmer Peter Thiel kapitalistisch-libertären Ideen zu. Der Staat gilt beiden als bürokratisches Monster, das ihrem genialen Unternehmertum im Wege steht. Sind das im Grunde nur die narzisstischen und grotesken Ideen einiger viel zu reicher Männer, die einen Ausweg aus ihrem Jet-Set-Nihilismus suchen?

Warum gründen in den USA Neureiche und wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmer damals wie heute Stiftungen? Diese Frage führt in die Geschichte des amerikanischen Unternehmertums und der von diesen Unternehmen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegründeten Stiftungen: Rockefeller Foundation, Josiah Macy Jr. Foundation, Commonwealth Fund, Russell Sage Foundation, Julius Rosenwald Fund oder Ford Foundation, um nur die größeren zu nennen. Die damaligen Stahl- und Ölbarone oder Eisenbahnmagnaten suchten mit ihrem Geld nicht nur Einfluss und Macht, sie wollten auch die Richtung der Politik mitbestimmen. Der Ansporn lag für die Finanziers und Stiftungsgründer also nicht so sehr in der Erlangung von finanziellen Vorteilen durch ein gutes Verhältnis zu den „politisch Mächtigen“, sondern eher im Bedürfnis nach besserer Organisation der gesamten Gesellschaft durch „soziale Technologien“ und „soziale Kontrolle“, sprich: einen effizienteren Kapitalismus.

Berühmt wurden die von der Josiah Macy Jr. Foundation unterstützten Macy-Konferenzen zur Kybernetik, die wichtig waren, um die heutige digitale Gesellschaft vorzubereiten. Hier schließen nun die neuen Digital-Barone wie Musk, Thiel, Bill Gates und andere an und setzen das von ihren Vorgängern Begonnene fort.

Fast interessanter als Peter Thiel ist der Fall seines Freundes und Geschäftspartners Alex Karp. Dessen Firma Palantir beliefert das US-Militär und die Einwanderungsbehörde mit Software zur Datenanalyse. Karp hat unlängst ein Buch geschrieben, in dem er seine Sicht auf die Welt darlegt. Er wirft der eigenen Branche vor, dass sie nur noch technische Spielereien für Konsumenten liefert und nicht mehr die „großen Fragen“ stellt. Zu diesen zählen für Karp vor allem die militärische Verteidigung und die Weltmachtstellung der USA. Wo würden Sie ihn innerhalb des „Netzes“ verorten?

In meinen mehrmaligen Vorgesprächen mit Stewart Brand bei San Francisco oder mit dem Literaturagenten John Brockman in New York fiel der Name Peter Thiel noch nicht, das war zwischen 2000 und 2002. Da ging es um die damalige „Grundlagenforschung“ wie Brands erstes Netzwerk „The Well“, seinen „Whole Earth Catalogue“ oder Brockmans „Digerati“ und um deren „Billionaires‘ Dinner“ mit Jeff Bezos, Rupert Murdoch und anderen „Vordenkern der Cyber-Zukunft“, zu denen später auch Elon Musk gehörte. Über den militärischen Aspekt dieser Entwicklung wurde offiziell nicht gesprochen, aber es war klar, dass der nicht nur immer mitlief, sondern der eigentliche Motor dieser Entwicklung war.

Thiel, Musk oder Karp sind nun in die Fußstapfen ihrer Vorgänger getreten, und die Firmen und Programme heißen nun Palantir oder wie auch immer. Der Kanal und die Strömungsrichtung, in der das schwimmt, ist aber die gleiche, und das Spiel einer Weltmacht mit „Muskeln spannen – Muskeln locker lassen“ auch. Wenn Alex Karp die „Weltmachtstellung der USA“ für eine der „großen Fragen“ hält, halte ich das Verhältnis des Menschen zur Technik, jenseits aller Ideologien, für eine viel größere und auch existenziellere Frage.

In Ihrem Film „Das Netz“ ist der Mathematiker, Radikalökologe und Terrorist Theodore Kaczynski, der „Unabomber“, der große Antipode zum militärisch-industriellen Überwachungssystem. Ihnen wurde vorgeworfen, dass Sie ihn im Film zur Kultfigur machen. Kaczynski ist in seiner Radikalität für viele Anhänger der Gegenbewegung faszinierend. Wenn man sich sein anarcho-primitivistisches Manifest durchliest, findet man aber auch bei ihm viel Narzissmus und pubertären Größenwahn. Taugt er wirklich als Gegenfigur zum drohenden Überwachungsstaat einer total verwalteten Welt?

Ted Kaczynski ist eine sehr vielschichtige Figur. War er ein Ökoterrorist? Oder lediglich ein Fall für die Psychiatrie? War er gar ein Künstler? In meinen Film kommt er im Zusammenhang mit seinem Manifest „Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft“ zu Wort und indem ich aus einem Briefwechsel mit ihm zitiere, der im Jahr 2000 begann und 2006 endete. Damit trat er in meinem Film in einen imaginären Dialog mit den anderen darin auftretenden Personen, zu denen ehemalige Mitglieder der Counterculture der USA, Pioniere des Internets oder Vertreter der künstlerischen Nachkriegsavantgarde gehörten, die alle mitverantwortlich für die Entwicklung einer Nachkriegsmoderne waren, der Kaczynski kritisch und ablehnend gegenüberstand.

Zunächst war er ja als Mathematikprofessor einer von „denen“, stieg dann aber aus, ging in die Wälder Montanas und baute sich eine Hütte. 1995 verschickte er das Manifest „Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft“ an einige Leitmedien der USA, die es auch veröffentlichten. Das Manifest wurde im Namen einer Terroristengruppe verfasst, die sich „FC“ – also vielleicht Freedom Club – nannte. Eine Gruppe, die es in Wirklichkeit nie gab, die aber die Phantasien einer links-libertären Szene in den USA weckte. Die phantastische Geisterarmee von „FC“ erschien ihnen als die Vervielfältigung eines Einzelnen nach dem Muster einer „Monkey Wrench Gang“, einer Öko-Sabotagegruppe. Das hat die Counterculture der USA, die von der Enttäuschung nach der ausbleibenden technischen und politischen „Revolution“ erschöpft war, wieder belebt. Entscheidend dafür war, dass der oder die Autoren die Vorstellung erzeugten, für eine revolutionäre Bewegung zu sprechen, deren Größe aber diffus blieb. 

Erstes Büro der „Weltregierung des Internets“ in Marina del Rey (Kalifornien), 2000
Foto: Lutz Dammbeck

Manifeste zu schreiben war aber nicht nur das Markenzeichen politischer Bewegungen, sondern auch der Kunst. Hatte nicht André Breton im „Zweiten Surrealistischen Manifest“ davon phantasiert, nicht nur „Revolution“ zu machen, sondern auch mit dem Revolver in der Hand auf die Straße zu gehen und blindlings in die Menge zu schießen? War nicht in den Manifesten der Wiener Aktionisten Mühl und Nitsch von „Kinderficken und Töten“ aus Lust und künstlerischem Rausch und von einer gnadenlosen Lust auf ein „Alles oder Nichts“ die Rede? Gehörten nicht das Manifest und die Bomben des „Unabombers“ in diese „Hall of Fame des Wahnsinns“ mit hinein? Und war dabei nicht andererseits ein „echter“ Täter dem ein bloßes „So tun als ob“ bevorzugenden Künstler voraus? In dessen Phantasien und Spielen niemand umkommen würde und der dem Zuschauer am Ende ein konsumierbares Ergebnis vorführen würde?

Und die Rolle von Ted Kaczynski als „Fall für die Psychiatrie“? Sicher sind Aspekte wie seine Kleinwüchsigkeit, der Hass auf seine Mutter und den Bruder, sein kompliziertes Verhältnis zu Frauen oder psychische Auffälligkeiten wie der später verworfene Wunsch nach einer „Transgender-Operation“ nicht außer Acht zu lassen. Was aber wirklich das zentrale Zahnrad war, das bei ihm alles in Bewegung setzte, wissen wir nicht. Was wir wissen: Ted Kaczynski war Wissenschaftler, ein mathematisches Wunderkind und ein Bewunderer des Reichs der Zahlen, eines Systems, das – von Männern – zur Beherrschung der Natur erdacht wurde. Die große Ironie bei Kaczynski war vielleicht, dass er in den Wäldern und der Natur nie ganz zum „Eingeborenen“ wurde. Dazu war er am Ende zu sehr Städter, möglicherweise auch zu willensschwach, und vor allem: zu sehr Wissenschaftler.

Seine mediale Auferstehung fand dann ironischerweise in dem Medium statt, das ihm zu Lebzeiten verhasst war: dem Internet. In diesem Frühjahr erschien ein Artikel in der New York Times mit dem Titel „Die seltsame Popularität des Unabombers über alle Parteigrenzen hinweg“. Darin wurde sein Einfluss auf die Generation Tiktok und die jüngste Generation der Internetnutzer beschrieben. Und in dem amerikanischen „PC Magazine“, das Rezensionen und Vorabberichte zu den neuesten Hardware- und Softwareprodukten für Fachleute aus dem Bereich der Informationstechnologie anbietet, erschien kürzlich ein Artikel mit der Überschrift „Der Unabomber hatte recht: Wie aus der Warnung eines Terroristen unsere Realität wurde“. Der Artikel warnt unter anderem vor Maschinensystemen, die menschliche Identitäten in Algorithmen auflösen. Auch davor hatte „Die Industriegesellschaft und ihre Zukunft“ – um 1970 geschrieben, 1995 veröffentlicht – schon gewarnt. Was fehlt, sind Antworten auf die schon lange bekannten Fragen.

Vielleicht beruhen die Weltbeherrschungspläne der Tech-Bros wie Thiel und Musk ja doch nur auf ihrem Ressentiment gegenüber dem „dümmeren“ Teil der Bevölkerung, der sie früher nach der Schule verprügelt hat? Der gemeine Pöbel erhebt sich, bläst zum Maschinensturm und haut das ganze cyberkapitalistische System kaputt? Der Schriftsteller Thomas Pynchon hat schon 1984 gefragt: „Is It O.K. To Be A Luddite?“ Am Ende des Aufsatzes zitiert er Lord Byron: „And down with all kings but King Ludd!“ Brauchen wir heute wieder Ludditen, Maschinenstürmer?

Ein Maschinensturm durch den „Pöbel“? Wer soll dieser „Pöbel“ sein? Der „gemeine Mann“ wie im Mittelalter, die Aufrührer gegen die damalige obrigkeitliche Machtausweitung, die Moderneverlierer? Klar sind die Intellektuellen interessant, die diesen „Pöbel“, heute wie damals, anführen, aufheizen oder aufhetzen. Das waren damals die Verfasser der Brandbriefe, Manifeste und Predigten während der englischen und französischen Bauernaufstände oder dem mittelalterlichen deutschen Bauernkrieg – die TV-Evangelisten ihrer Zeit, nur mit Druckerpressen anstelle von Fernsehgeräten oder Internet. An ihre Stelle sind heute die Tech-Bros getreten, deren Rechenzentren möglicherweise bald als Ruinen einer absurden Scheinwirtschaft gelten werden.

Und der heutige „Pöbel“, der im weiten Land zwischen den Metropolen an der Ost- und Westküste der USA lebt, die Konsumenten von Produkten dieser Visionäre? Dieser „Pöbel“ hat mittlerweile zum zweiten Mal Donald Trump gewählt. Kennen Sie den Song „Okie from Muskogee“ von Merle Haggard aus dem Jahr 1969? Und die belustigte, arrogante und herablassende Interpretation des Songs durch die Band „The Beach Boys“, die damalige Verkörperung des liberalen, aufgeklärten und „progressiven“ Teils der Westküste der USA? Die die „Okies“ herablassend als politisch naiv, ahnungslos und ungebildet verspotteten, als einen „Haufen von Bedauernswerten“, wie es später Hillary Clinton formulierte? Diese „Okies“ hatten einfach die Nase voll von den Zumutungen der „Progressiven“ und „Demokraten“, und das gepaart mit der Wut und Ohnmacht von Moderneverlierern. Allerdings ist vom „Okie“ noch nicht zum Maschinensturm geblasen worden, und dieser „Pöbel“ ist auch nicht Teil der Armee von King Ludd geworden. Dieser Sturm steht noch aus, und vielleicht wird am Ende auf seinen Fahnen stehen: Wir fordern das Recht auf ein analoges Leben!

Vielen Dank.

Lutz Dammbecks lesenswerte Bücher „Das Netz – die Konstruktion des Unabombers“ und „Besessen von Pop“ (je 18 Euro) sind bei Nautilus erschienen, „Seek – Der Golem geht um“ bei Spector Books (28 Euro). Seine wichtigsten Filme gibt es auf DVD.