Freiheit für Grönland, weg mit dem Packeis!“ So lautete ein Sponti-Spruch in den frühen 1980er Jahren, der leeres Freiheits-Gerede ironisch hinterfragte und heute, angesichts von Klimakatastrophe und Ressourcenbegehrlichkeiten, als unfreiwillig hellsichtige Vorausschau betrachtet werden kann.
Die kapitalistische Freiheit, also unbeschränkte Kapitalakkumulation, führt notwendigerweise in die Klimakatastrophe. In der Arktis schmilzt nicht nur das Packeis – das dichte Meereis – rasant, auch der bis zu drei Kilometer dicke Eispanzer auf Grönland verabschiedet sich mittlerweile in atemberaubendem Tempo. Ein vollständiges Abschmelzen allein des Grönländischen Eisschilds würde den weltweiten Meeresspiegel um sieben Meter anheben.
Öl und Gas vom Eise befreit
Die verblendeten Konkurrenz-, Macht- und Wachstums-Junkies sehen natürlich auch hier zuerst die „Chancen“. Die neuen Objekte der Begierde sind Ressourcen – 30 Prozent der Ölreserven befinden sich in der Arktis –, kürzere Transportwege und geostrategische Vorteile.
Das Kapital kennt bekanntlich keine Grenzen, es reißt alle Schranken nieder, auch die der Natur, und wenn es nicht aufgehalten wird, kommt sein „Siegeszug“ erst mit der Zerstörung der Lebensgrundlagen zum Erliegen, nach einer barbarischen, technofaschistischen Endphase. Öl und Gas vom Eise befreit, das beflügelt die Fantasie der „Drill, baby, drill“-Boys.
Doch auch im Nahen Osten muss „unser“ Öl möglichst befreit werden vom Zugriff der Unrechtsstaaten, wie schon in früheren Golfkriegen. Neu ist, dass geopolitischen Konkurrenten und missliebigen Staaten schon mal das Öl und Gas abgedreht wird: kein iranisches Öl nach China oder keine Energie aus Venezuela zum aufmüpfigen Kuba. Eine Begründung für Kriege zur Verbesserung der eigenen Position auf dem Weltmarkt findet sich immer.
Ignoranz und Verblendung
Der ungezügelte Kapitalismus entfesselt die Natur, indem er planetare Grenzen und Kipppunkte überschreitet und das Klima- und Erdsystem irreversibel destabilisiert.
Die Arktis ist ein entscheidender Klimakipppunkt und erwärmt sich inzwischen viermal so schnell wie die Erde im globalen Durchschnitt, was zu massiven Eisverlusten führt – wodurch die Erderwärmung weiter angeheizt wird, weil dunkle Flächen viel mehr Wärme aufnehmen als das helle Eis. Die Dicke des Meereises hat sich im Schnitt bereits halbiert, und bis 2025 ging eine Fläche von der Größe Frankreichs und Deutschlands verloren. Und der Eispanzer auf Grönland könnte nach Erkenntnissen einer Forschergruppe um William Ripple von der Oregon State University dem Kipppunkt zu einem beschleunigten, unumkehrbaren Abschmelzen schon viel näher sein als gedacht.
Die Weltwetterorganisation WMO meldet eine Rekorderwärmung der Ozeane. Die Meeresströmungen rund um die Antarktis und anderswo scheinen sich besorgniserregend schnell zu verändern – und damit das Wetter an vielen Orten der Erde. Doch die Mächtigen der Welt verharren in einem Bewusstseinszustand der Ignoranz und Verblendung. Der im doppelten Wortsinn fossile Kapitalismus scheint unentrinnbar in seiner Dinosaurierlogik gefangen: Fressen oder gefressen werden.
Donald Trump wütet sogar gegen Papst Leo, weil dieser mit einem „Haltet ein!“ zu Vernunft und Frieden aufruft. Geschichte muss sich offenbar wiederholen, solange die blinde Wachstums- und Kapitalverwertungslogik nicht überwunden ist und die Menschheit den Sprung zu einem planetaren Bewusstsein nicht schafft.
Fossil-militärische Wachstumsdiktatur
Eine fossil-militaristische, neokoloniale Wachstumsdiktatur, so kann man das inzwischen dominante globale Entwicklungsmodell beschreiben. Diese fatale Rückentwicklung führt uns direkt in die politische, kulturelle und ökologische Barbarei und in einen dritten Weltkrieg.
Die Entführung, Tötung oder Ernennung von Staatsführern obliegt offenbar inzwischen einem Herrn Trump. Die Vereinigten Staaten als Weltpolizist, das hatten wir schon einmal. Im 20. Jahrhundert wurden dabei immer wieder demokratisch gewählte, aber missliebige Regierungen „ausgetauscht“, ob 1952 in Guatemala, 1953 im Iran, 1960 im Kongo oder 1973 in Chile.
Doch das Gedächtnis der Menschen ist kurz und die Rüstungs- und Kriegsprofiteure sind unermüdlich. Deutschland gehört auch dazu und ist laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri inzwischen der viertgrößte Waffenexporteur hinter den USA, Frankreich, Russland und China. In den letzten beiden Jahren kamen hierzulande rund 300 neue Rüstungsfirmen zu den bisherigen 200 hinzu – während die Energiewende ausgebremst wird. Dabei sind erneuerbare Energien – neben echter Energieeinsparung – der entscheidende Weg zu mehr Sicherheit, Resilienz und Unabhängigkeit, ganz abgesehen vom Klimaschutz.
Auch Deutschland gehört zu den Ländern, die Klimaabkommen und Klimaschutzgesetze nicht einhalten, und wird bis 2030 mindestens 200 Millionen Tonnen CO₂ zu viel emittieren, wie unlängst das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig feststellte. Drei Jahre stagnierte der Klimaschutz im Angesicht der Klimakatastrophe, aber die Strafverfolgung von Klimaaktivisten, die mit zivilem Ungehorsam auf diese verantwortungslose Politik aufmerksam machten, ruhte nicht. Wie absurd.
Fossiles Rollback
Das derzeitige fossile Rollback verschiebt klimafreundliches Handeln immer weiter in die Zukunft. Mit Tankrabatt, Energiesteuersenkungsgesetz und Aufrüstung werden die Weichen falsch gestellt und dafür auch noch neue Schulden aufgenommen. Das ist eine Politik auf Kosten der kommenden Generationen, gegen Naturgesetze und gegen die Vernunft.
Unsere angemaßte Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen, ist absurd – wahnwitziger Ausdruck eines entfesselten Prozesses wachsender Zerstörung, der unseren wunderschönen, leuchtenden Planeten zu verdunkeln droht. Die Billionen, die jetzt für Rüstung und Kriegsvorbereitung verschleudert werden, würden ausreichen, um weltweit eine friedliche, klima- und umweltfreundliche Wirtschafts- und Lebensweise auf den Weg zu bringen.
„Wir sind doch eine Crew“, erkannten jüngst die Astronauten auf ihrer Mondmission angesichts der blauen Erdkugel vor der unendlichen Schwärze des Alls. „Wir sitzen gemeinsam im selben einmaligen Rettungsboot des Lebens, unserer einzigen Überlebenschance.“
Der Autor war 1989 Mitbegründer des Neuen Forums in Leipzig und hat zahlreiche Artikel zu Klima und Klimapolitik veröffentlicht.
