Am Anfang von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ bedauern die Dorfbewohner, dass der vielversprechende Hauke Haien niemals Deichgraf werden kann, weil „der Bengel nicht den gehörigen Klei unter den Füßen hat“. Auch der Grundbesitz seines Vaters, den er einmal erben wird, reicht nicht aus, denn es seien nur ein „paar Demath“– ein Demat oder Diemat ist kleiner als ein Fußballfeld. Bodenbesitz, daran erinnert Storm hier, ist ein Weg zur Macht.
Durch Heirat bekommt Hauke schließlich doch genug Boden, wird Deichgraf und findet ein schreckliches Ende. Für alle anständigen Linken ist deshalb klar: Niemand sollte Boden besitzen. Ganz einfach. Leider ist die Beziehung zwischen Bodeneigentum und Freiheit in Wahrheit aber genauso verworren wie das Geflecht der Mikroorganismen im gesunden Humus.
Blut, Boden, Freiheit
Wer sich in Deutschland mit der Bodenfrage beschäftigt, dem dröhnt die von Walther Darré geprägte Parole „Blut und Boden“ im Ohr, mit der die Nationalsozialisten ihren arischen Bauernkitsch propagierten. Viel besser klingt da der Ruf „Tierra y Libertad“ (Land und Freiheit), der Anfang des 20. Jahrhunderts unter den Gefolgsleuten von Emiliano Zapata zur Parole der Mexikanischen Revolution wurde. Das Land, so die berechtigte Forderung, sollte nicht den faulen Großgrundbesitzern gehören, sondern denen, die es bearbeiten.
Die europäischen Kommunisten wollten dagegen, dass der Boden allen gehört. Was dazu führte, dass er dem Staat gehörte, also niemandem. Was dazu führte, dass sich noch heute die westlichen Kapitalisten bei den östlichen Kommunisten heimlich für die zusammengelegten Riesenflächen bedanken und dialektisch mit der Geldbörse klimpern.
Dabei gab es auch bei den Linken Diskussionen über die Bodenfrage. Davon berichtet etwa Ken Loachs Film „Land and Freedom“ (1995), der vom Spanischen Bürgerkrieg der 1930er Jahre handelt. Hier gibt es eine Szene, in der Bauern, Milizionäre und Dorfbewohner in einer improvisierten Versammlung über eine Bodenreform beraten. Der Krieg ist nicht beendet, aber zumindest aus diesem Dorf wurden die franquistischen Großgrundbesitzer vertrieben. Nun stellt sich die Frage, ob das Land kollektiviert werden soll. Im Film ist nur der Kleinbauer José dagegen. Doch der wird sofort überstimmt. Der linke Radikalökologe Bernard Charbonneau wäre aber auf Josés Seite gewesen.
Ambivalentes Bodeneigentum
Der Franzose Bernard Charbonneau (Rabe Ralf Oktober 2021, S. 19) gehört zu den frühen Denkern einer politischen Ökologie, die das Fundament moderner Gesellschaften infrage stellt. Ein bisher nicht übersetztes Buch von ihm heißt „La Propriété, c’est l’envol“ – propriété bedeutet Eigentum, envol bedeutet Flug, spielt aber auf vol (Diebstahl) an. In dem Werk setzt sich Charbonneau systematisch mit der Frage auseinander, was Bodeneigentum eigentlich bedeutet.
Seine Hauptthese ist, dass Bodenbesitz zur Freiheit führen kann, denn er ist die Grundlage zur menschlichen Selbstständigkeit. Wer über eigenen Boden verfügt, kann sich – so der Autor – der totalen Abhängigkeit von Markt und Staat entziehen. In diesem Sinne ist Eigentum envol: ein Aufstieg, ein Sich-Erheben aus der Abhängigkeit.
Diese positive Bestimmung kippt für Charbonneau aber in ihr Gegenteil, sobald Eigentum seine konkrete Beziehung verliert. Sobald Boden nicht mehr als Lebensgrundlage, sondern als Kapital betrachtet wird, wird Eigentum zum Machtinstrument. Bäuerliches Land wird Spekulationsobjekt und Renditequelle (Rabe Ralf Februar 2022, S. 18). Damit entsteht eine abstrakte Form des Eigentums, die keine konkrete Verbindung zur Einzelperson mehr hat.
Charbonneau meint, dass Bodeneigentum weder generell zu verteidigen noch einfach abzuschaffen ist. Es kann zur Freiheit führen oder ein Instrument der Unterwerfung und Ausbeutung sein. Es bleibt genauso ambivalent wie der immer bedrohte Marschboden, den Hauke Haien dem Meer abtrotzen will.
Dem Boden gehören
Charbonneaus Theorie ist ziemlich konkret, klingt aber idealistisch. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Wer sich das ganze Jahr, bei jedem Wetter, trotz Krankheit, Urlaubsmangel und Einsamkeit um „sein“ Stück Land kümmern muss, stellt schnell fest, dass er eher dem Boden gehört als der Boden ihm. Ein Trost mag da sein, dass jeder Boden in Wahrheit nur Gott oder niemandem gehört – je nach Weltanschauung. Hauke Haien musste das auf grausame Weise lernen, aber der war auch etwas verbissen.
