Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C), auf Deutsch weibliche Genitalverstümmelung/-beschneidung, ist eine schwere Menschenrechtsverletzung und Form geschlechtsspezifischer Gewalt, die auch in Deutschland Herausforderungen mit sich bringt.
Weltweit sind mindestens 230 Millionen Frauen von FGM/C betroffen. Laut aktueller Schätzung leben in Deutschland rund 86.500 betroffene Frauen und bis zu 25.000 gefährdete Mädchen. Damit ist die Zahl seit der letzten Schätzung erheblich gestiegen. Die Zahlen machen deutlich, dass es konkreten Handlungsbedarf in Deutschland gibt, um das SDG 5.3 zu erreichen. Dieses UN-Nachhaltigkeitsziel lautet: „Schädliche Praktiken wie Kinderheirat sowie weibliche Genitalverstümmelung beseitigen“.
Ein zentrales Instrument dazu stellt die Istanbul-Konvention dar, die Deutschland 2011 unterzeichnet hat. In diesem völkerrechtlichen Vertrag des Europarats, der seit 2018 in Kraft ist, hat sich Deutschland verpflichtet, Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu verhindern, zu bestrafen und zu beseitigen. FGM/C ist dabei ausdrücklich in Artikel 38 der Konvention verankert. Bund, Länder und Kommunen sind aufgefordert und dafür verantwortlich, dass die Istanbul-Konvention eingehalten wird.
Community-basierte Prävention funktioniert
Eine konkrete Maßnahme des Landes Berlin zur Umsetzung der Konvention war die Gründung und finanzielle Förderung der Berliner Koordinierungsstelle gegen FGM/C im Jahr 2020. Expert:innen aus den Communitys, aus Medizin und Psychologie arbeiten dabei interdisziplinär zusammen. So werden Überlebende und Ratsuchende beraten und versorgt, Fachkräfte geschult und sensibilisiert und es wird wichtige Aufklärungs- und Präventionsarbeit geleistet.
Zentraler Aspekt der Arbeit der Koordinierungsstelle ist dabei ein Community-basierter Ansatz: Expert:innen aus Communitys, in denen FGM/C praktiziert wird und die zum Teil selbst von FGM/C betroffen sind, geben ihr Wissen in Fortbildungen weiter, nehmen an öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten teil und beraten andere Überlebende auf Augenhöhe.
Die Erfahrung zeigt: Präventionsarbeit ist dann besonders erfolgreich, wenn sie von Mitgliedern der betroffenen Communitys selbst geleistet wird. Weitere wichtige Zielgruppen für Prävention und Versorgung sind Mediziner:innen, Psycholog:innen oder Sozialarbeiter:innen, die bei Fortbildungen und Informationsveranstaltungen erreicht werden. Sie sind Schlüsselfiguren im Engagement gegen FGM/C und können somit in drohenden Fällen aktiv werden.
Kürzungen gefährden das Erreichte
Bereits erzielte Fortschritte zur Überwindung von FGM/C in Deutschland sind allerdings durch aktuelle politische Entscheidungen gefährdet. FGM/C gilt als geschlechtsspezifischer Fluchtgrund und betroffene Frauen fallen in die Kategorie „besonders schutzbedürftig“.
Der drohende Wegfall der unabhängigen Asylverfahrensberatung und die Ausweitung von beschleunigten Asylverfahren im Rahmen der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) können dazu führen, dass FGM/C als wichtiger Schutzgrund im Asylverfahren unerkannt und unberücksichtigt bleibt.
Jüngst offengelegte Überlegungen der Bundesregierung zu Kürzungen in der Jugendhilfe gefährden wichtige Präventions- und Unterstützungsstrukturen. So kann zum Beispiel die dabei vorgeschlagene Verringerung von Einzelfall- beziehungsweise Familienhilfen dazu führen, dass drohende FGM/C-Fälle unentdeckt bleiben.
Um das UN-Ziel 5.3 und die Verpflichtungen der Istanbul-Konvention wirksam umzusetzen, ist es aber entscheidend, bestehende Schutz- und Präventionsstrukturen zu stärken, statt sie zu schwächen. Die finanzielle Förderung für in diesem Bereich aktive Vereine und Projekte muss gewährleistet bleiben.
Lena Tsolakidis
Aufklärung, Schutz, Perspektiven
Der Kampf gegen FGM in Sierra Leone
In Sierra Leone sind rund 83 Prozent der Mädchen und Frauen von Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) betroffen. Ein Gesetz zu ihrem Schutz fehlt. Die Praktik ist tief als soziale Norm verankert und Teil eines Übergangsrituals vom Kinder- ins Erwachsenenleben. Sich dagegen zu stellen ist angesichts des gesellschaftlichen Drucks enorm schwierig.
Hier setzt das Amazonian Initiative Movement (AIM) an, eine 2003 von der Frauenrechtlerin Rugiatu Neneh Turay gegründete Bewegung. Mit der öffentlichen Thematisierung von FGM brach AIM ein in Sierra Leone lange geltendes Tabu und kämpft seither für den Schutz von Mädchen und Frauen. Die Organisation klärt in Dörfern und Schulen über Risiken und Folgen auf und setzt sich gemeinsam mit anderen NGOs für ein gesetzliches Verbot ein.
Ganzheitlicher Ansatz
AIM verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Traditionelle Führungspersönlichkeiten, Eltern, Jugendliche und Beschneiderinnen werden einbezogen und als MultiplikatorInnen gewonnen. Wirtschaftliches Empowerment, zum Beispiel durch Berufsbildungsprojekte, stärkt Mädchen und Frauen und hilft ihnen so, für ihre Rechte und gegen FGM einzutreten. Zudem organisiert AIM alternative Initiationsrituale, die kulturelle Traditionen bewahren, aber ohne FGM auskommen.
Ein zentrales Projekt ist ein von der deutschen AIM-Partnerorganisation Terre des Femmes unterstütztes Mädchenschutzhaus. Von FGM und anderen Gewaltformen bedrohte Mädchen finden hier Zuflucht, Betreuung und Zugang zu Bildung. Um diesen Schutzraum zu sichern, ist die Arbeit auf Spenden angewiesen: Spenden an Terre des Femmes mit dem Stichwort „Sierra Leone“ fließen direkt in das Schutzhaus von AIM (IBAN: DE35 8309 4495 0103 1160 00). Jede Unterstützung hilft, Mädchen zu schützen und ihnen Perspektiven zu eröffnen.
Susanna Keim
