Als US-Präsident Trump anfing, über einen Einmarsch in Grönland zu schwadronieren, rückte die Insel vom scheinbaren Rand der Welt in die Mitte der globalen Aufmerksamkeit. Nachdem der politisch ambitionierte Showman sich vorübergehend wieder anderen Erdteilen widmete, trieb auch Grönland an den Rand der Aufmerksamkeit zurück. Die Grönländer blieben. Doch wer sind sie eigentlich? Und was wollen sie? Antworten darauf hat Ebbe Volquardsen, bis 2025 Professor für Kulturgeschichte an der Universität Grönlands in Nuuk.

Der Rabe Ralf: Herr Volquardsen, im Westen wurde die Wahrnehmung der Inuit lange von vereinfachten, folkloristischen und rassistischen Bildern geprägt – von Iglu-Klischees bis zu den Völkerschauen Carl Hagenbecks. Wie wird diese Geschichte der Exotisierung heute in Grönland gesehen? Welche Gegenbilder treten an ihre Stelle?

Ebbe Volquardsen: Ein schwer auflösbares Dilemma, das die grönländische Künstlerin Pia Arke als „Ethnoästhetik“ beschrieben hat: Im Kulturbereich tätige Inuit sollen gleichzeitig den Maßstäben des internationalen Kunstbetriebs und einer vermeintlich indigenen Authentizität entsprechen. Als grönländisch gilt dabei nur, was aus westlicher Perspektive vormodern oder zumindest naturverbunden erscheint.

Eine Reaktion auf diesen externen Erwartungsdruck war die zeitweilige Distanzierung von Kulturtechniken, die im Westen zugleich bewundert und abgewertet wurden: Masken- und Trommeltanz, Tätowierungen, Gebrauchskunst. Der Versuch, der Selbstexotisierungsfalle zu entgehen, führte dabei nicht selten in eine andere Kalamität: Die eigene Kultur erschien – im Spiegel westlicher Wertungen – auch vielen Inuit als defizitär und der Vergangenheit zugehörig.

Die jüngere Generation scheint sich jedoch von solchen Zuschreibungen zu lösen. Heute lässt sich eine selbstbewusste Rückaneignung grönländischen Kulturerbes beobachten, wobei die Praktiken nicht mehr als statisch verstanden werden, sondern als dynamische Formen, die aktiv in die Gegenwart übersetzt und weiterentwickelt werden.

Der Kolonialismus in Grönland vollzog sich unter dem Deckmantel der Christianisierung. Heute versteht sich ein Großteil der Bevölkerung als christlich, zugleich lassen sich synkretistische, verschiedene Weltbilder integrierende Tendenzen beobachten und auch eine Wiederaneignung vorchristlicher Traditionen. Wie formiert sich unter diesen Bedingungen grönländische Identität?

Synkretistische Tendenzen gibt es in Grönland – wie in vielen kolonisierten Gesellschaften – seit Beginn der christlichen Missionierung. Wie sich die Inuit-Gesellschaft ohne koloniale und missionarische Eingriffe entwickelt hätte, lässt sich nicht sagen. Grönländische Autoren wie Ole Brandt und Hans Lynge haben diese Frage jedoch literarisch reflektiert. In ihren Texten erscheinen Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe nicht als genuin christlich, sondern als universell menschlich. Ihre These: Auch ohne Mission hätten die Inuit als „heidnisch“ gebrandmarkte Praktiken wie die Blutrache mittelfristig überwunden.

Angesichts der rund dreihundertjährigen Verflechtungsgeschichte wäre es jedoch verkürzt, das Christentum pauschal als Fremdelement zu begreifen. Es wurde über Generationen hinweg – auch durch grönländische Geistliche – angeeignet und mitgeprägt. Ebenso wenig sollte man das wachsende Interesse an indigener Spiritualität belächeln. Es war immer vorhanden, trat jedoch aus Scham oder aus Furcht vor sozialen Sanktionen lange eher im Verborgenen auf. Heute zeigt es sich offener und selbstbewusster. Noch vor wenigen Jahren verlor ein grönländischer Pfarrer sein Amt, weil er den Trommeltanz in den Gottesdienst integrierte – ein Vorgang, der heute kaum mehr vorstellbar wäre.

Zeitgenössische Zeichnung in Brauntönen, etwa Mitte des 19. Jahrhunderts: Ein Mann mit freiem Oberkörper hält eine flache Trommel neben seinen Kopf und tanzt, ein Dutzend Leute schauen ihm zu.

Älteste bekannte Darstellung eines Trommeltanzes aus Grönland, um 1860

Zeichnung: Jens Kreutzmann/​Wikimedia Commons

Antikoloniale Bewegungen berufen sich auf kulturelle Selbstbestimmung und die Rückgewinnung eigener Traditionen. Kritiker sehen darin die Vorstellung kultureller Reinheit – also die Idee, eine vermeintlich „authentische“ Identität vom Einfluss der Kolonialmacht zu befreien. Besteht aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass solche Diskurse in Grönland essenzialistische – ein unveränderliches „Wesen“ voraussetzende – oder gar „Blut und Boden“-artige Kulturvorstellungen reproduzieren?

Die Warnung vor solchen Gefahren gehört zu den wesentlichen Einsichten postkolonialer Kritik. Schon bei Frantz Fanon, dem Vordenker der Entkolonialisierung, ist sie zentral, auch wenn das in heutigen Lesarten seines Werks oft in den Hintergrund tritt. Die Theoretikerin Gayatri Spivak hat den Begriff des „strategischen Essenzialismus“ geprägt, und ihn später – vielleicht etwas vorschnell – wieder verworfen. Denn die Identitäten, entlang derer Menschen diskriminiert werden, sind in der Regel künstliche Fremdzuschreibungen: Die mächtigere Gruppe definiert, wer als „anders“ und nicht zugehörig gilt.

Um sich dagegen zu wehren, müssen sich marginalisierte Gruppen oft gerade auf diese zugeschriebene Identität beziehen, sich organisieren und solidarisch werden – auch um den Preis einer vorübergehenden Essenzialisierung. Wer etwa Kategorisierungen von Rasse als soziales Konstrukt nicht anerkennt, wird über das sehr reale Phänomen des Rassismus nicht sprechen können. In einer idealen Perspektive, wie sie bei Fanon angelegt ist, würde eine solche von außen oktroyierte Identität nach Überwindung der Ungleichheit in den Hintergrund treten und durch eigene Modelle ersetzt werden.

Doch wir Europäer sollten uns mit Kritik zurückhalten. Es besteht die Tendenz, indigene Gesellschaften zu idealisieren, sie als ökologisch und auch moralisch überlegen zu imaginieren. Inuit haben – so wie wir – das Recht, ihre Naturressourcen wirtschaftlich zu nutzen, und ebenso steht es ihnen zu, Formen kollektiver Selbstvergewisserung zu entwickeln. Ein gewisser ethnischer Nationalismus erscheint mir dabei weder per se ungewöhnlicher noch gefährlicher als vergleichbare Diskurse in europäischen Gesellschaften.

Lange galt Grönland als wirtschaftlich abhängig von dänischen Finanzhilfen. Der Dokumentarfilm „White Gold of Greenland“, den wir in dieser Ausgabe vorstellen, zeigt jedoch, wie stark Dänemark selbst von grönländischen Ressourcen profitiert hat. Wie verändert diese Perspektive den Blick auf das koloniale Verhältnis zwischen Dänemark und Grönland?

Der Film zeichnet den Abbau von Kryolith für die Aluminiumindustrie nach und beziffert die gesamte Wertschöpfung – vom Rohstoff bis zu den Löhnen dänischer Arbeiter. Das Ergebnis: Nahezu 100 Prozent flossen nach Dänemark, während die lokale Bevölkerung leer ausging. Für viele Grönländer bestätigt der Film damit eine lange bekannte Realität – entsprechend groß war die Genugtuung. In Dänemark hingegen dominiert das Selbstbild einer altruistischen Schutzmacht, die Grönland auf dem Weg in die Moderne unterstützte – nicht zuletzt als Strategie, mit der eigenen kolonialen Vergangenheit umzugehen.

Als Donald Trump 2019 erstmals vorschlug, Grönland zu kaufen, verschob sich diese Perspektive abrupt: Indem er den geopolitischen Wert der Insel betonte, stellte der US-Präsident die dänische Hilfserzählung infrage. Die Subventionen erschienen plötzlich als Gegenleistung für strategische Vorteile, die auch andere Staaten zu nutzen bereit wären. Grönländische Akteure haben diese veränderte Lage geschickt genutzt, um mehr Mitsprache und eine Aufarbeitung historischen Unrechts einzufordern.

Vor diesem Hintergrund traf der Film in Dänemark einen empfindlichen Nerv: Dass er die ökonomische Ausbeutung Grönlands so klar belegte und damit ein Narrativ bestätigte, das auch Trump in seinem geopolitischen Machtspiel instrumentalisiert, wurde von vielen als Affront wahrgenommen. Auf politischen Druck hin nahm der dänische Rundfunk die Dokumentation aus dem Programm – keine Sternstunde der Pressefreiheit. 

Vor einem kleinen Haus im norwegischen Stil läuft eine modern gekleidete einheimische Frau mit Kinderwagen und zwei Kindern.

Alltag in Sisimiut, der mit 5500 Einwohnern zweitgrößten Stadt Grönlands

Foto: David Stanley/​Wikimedia Commons

Im Gegensatz zu den Wikinger-Siedlern haben die Inuit es über Jahrhunderte hinweg geschafft, tiefgreifende klimatische Veränderungen zu überleben. Wird der gerade hier offensichtliche Klimawandel deshalb von ihnen anders wahrgenommen – weniger als apokalyptischer Bruch, sondern als Teil einer langen Geschichte von Anpassung und Resilienz?

Der Klimawandel schafft auch in Grönland erhebliche Probleme: Die Dörfer verbindenden Hundeschlittenrouten über das Meereis werden unpassierbar, Eisbären kommen auf Nahrungssuche in die Siedlungen, Packeis blockiert im Sommer die Häfen, und radioaktive Hinterlassenschaften aus der Zeit des Kalten Krieges könnten freigesetzt werden. Es wäre daher falsch, den Eindruck zu erwecken, steigende Temperaturen würden in Grönland begrüßt.

Gleichzeitig eröffnet der Klimawandel für die rund 56.000 Menschen, die selbst nur wenig zu seiner Verursachung beitragen, auch neue Möglichkeiten – etwa im Rohstoffabbau oder in der Landwirtschaft. Die werden sie nutzen, und darin mag man eine Kontinuität von Anpassung und Resilienz erkennen. Allerdings geschieht dies im Bewusstsein, dass die Folgen des Klimawandels für andere Regionen der Welt – und gerade für viele indigene Gemeinschaften – existenziell bedrohlich sind.

2024 wurde der Sea-Shepherd-Aktivist Paul Watson in Nuuk festgenommen. Watson engagiert sich seit Jahrzehnten vehement gegen den Walfang. Kritiker werfen ihm vor, indigenen Gemeinschaften von außen vorzuschreiben, welche Formen der Ressourcennutzung legitim seien. Wie wird so jemand von Gemeinschaften wahrgenommen, für die der Walfang Teil kultureller Praxis und Lebensgrundlage ist?

Grönländer sollten auch weiterhin Wal- und Robbenfleisch konsumieren dürfen. Beides hat sie über Jahrhunderte mit lebenswichtigen Vitaminen und Nährstoffen versorgt – und ist zugleich ökologisch wie ökonomisch sinnvoller als importiertes Fleisch aus dänischer Massenproduktion, die dort zudem Grundwasser und Fjordsysteme erheblich belastet. Hinzu kommt, dass Inuit Milcheiweiß nur eingeschränkt vertragen.

Organisationen wie Sea Shepherd, die von Spenden leben, haben lange nicht zwischen nachhaltiger Subsistenzwirtschaft und industriellem Walfang differenziert – auch, um wirkungsstarke Bilder für ihre Kampagnen zu erzeugen. Damit haben sie den Inuit schweren Schaden zugefügt. Grönländische Jäger sind auf den Export von Robbenfellen als Nebenprodukt ihres Fangs angewiesen, um ihre Strom- und Benzinrechnungen bezahlen zu können. Dass jemand wie Paul Watson in Grönland als neokolonialer Bevormunder gilt, überrascht daher wenig.

Gleichwohl fand ich es politisch falsch, dem japanischen Ersuchen auf Inhaftierung nachzukommen. Hier hat man die Chance vertan, auf den Unterschied zwischen industriellem Raubbau, wie ihn Japan betreibt, und der für das Leben in der Arktis notwendigen Nutzung tierischer Ressourcen hinzuweisen – und damit auch im Westen für ein besseres Verständnis indigener Lebensweisen zu werben.

Heute ist Grönland Gegenstand geopolitischer Konkurrenz zwischen Großmächten. Sie haben schon angedeutet, dass es zu kurz gegriffen wäre, die Grönländer ausschließlich als Objekte imperialer Interessen zu betrachten. Inwiefern verfügen sie selbst über politische Handlungsspielräume – etwa indem sie unterschiedliche internationale Interessen gegeneinander ausspielen oder strategisch nutzen?

Paradoxerweise haben gerade Trumps Forderungen Grönlands Handlungsspielräume erweitert. Die unerwünschten Avancen aus den USA haben das Selbstbewusstsein und das Bewusstsein für den eigenen geopolitischen Wert gestärkt.

Zugleich geriet vor allem Dänemark unter Druck, auf Grönland zuzugehen. Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat erkannt, dass Kopenhagen der einstigen Kolonie entgegenkommen muss, wenn es Grönland langfristig im Staatsverband halten will – zumal inzwischen andere potenzielle Partner bereitstehen. In den vergangenen Jahren kam es deshalb zu offiziellen Entschuldigungen für staatliche Übergriffe in der Nachkriegszeit, etwa die Wegnahme von Kindern aus grönländischen Familien oder die zwangsweise Verabreichung von Verhütungsspiralen. Auch außenpolitisch verfügt Grönland heute über Mitsprachemöglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch kaum denkbar gewesen wären.

Einen hervorragenden zweiteiligen Vortrag von Ebbe Volquardsen zur Geschichte Grönlands gibt es bei Deutschlandfunk Nova  (Teil 2 unten)

Im Stillen entwickelt sich das dänische Reich zunehmend in Richtung einer föderalen Konstruktion, in der Grönland und die Färöer als weitgehend gleichberechtigte Partner auftreten. Sofern die Krise um Trumps Gebietsansprüche nicht erneut eskaliert und beide Seiten Zeit erhalten, ihr Verhältnis neu zu ordnen, könnte daraus langfristig ein Modell entstehen, das sich viele Grönländer seit Jahren wünschen: eine enge Partnerschaft souveräner Staaten.

Dänemark würde ein formal unabhängiges Grönland weiterhin finanziell unterstützen und zugleich ein wichtiger Akteur in der Arktis bleiben. Und vielleicht könnte Dänemark am Ende sogar wieder in jener Rolle erscheinen, die es besonders gern für sich beansprucht: als internationales Vorbild – diesmal als eine der wenigen ehemaligen Kolonialmächte, denen eine tatsächlich partnerschaftliche Beziehung zu ihrer früheren Kolonie gelungen ist.

Vielen Dank!