Die Berliner Zionskirche im Prenzlauer Berg ist weit mehr als ein markantes Wahrzeichen mit schönem Aussichtsturm. Sie ist ein Ort für gesellschaftliches Engagement, gelebte Zivilcourage – und Punk.

Es begann mit Dietrich Bonhoeffer. Der Theologe und Widerstandskämpfer, der am 9. April 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, wirkte hier in den 1930er Jahren als Hilfsprediger.

Besonders eng ist die Kirche mit der Geschichte der oppositionellen Bewegungen in der DDR verbunden. Ab 1986 entwickelte sich die Umwelt‑Bibliothek zu einem zentralen Treffpunkt der kritischen Gegenkultur. In ihren Räumen wurden verbotene Schriften gelesen, Informationen gesammelt, Samisdat-Zeitschriften vervielfältigt und kontroverse Diskussionen geführt – oft unter den wachsamen Augen der Staatssicherheit und unter erheblichem persönlichen Risiko. Die Umweltbibliothek machte die Zionskirche zu einem wichtigen Knotenpunkt der Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung.

Der Rabe Ralf, dessen Geschichte ebenfalls eng mit der kritischen Umweltbewegung der DDR verbunden ist, war Anfang des Jahres sehr stolz darauf, an diesem besonderen Ort seine Wanderausstellung zeigen zu dürfen.

Vergangenen Samstag war der Rabe wieder zu Gast in der Zionskirche. Aber diesmal war einiges anders.

Kirche von Unten

Einige DDR-Kirchen boten nicht nur der Umweltbewegung einen Schutzraum, sondern auch anderen subkulturellen Gruppen, etwa Punks. Aus diesem Umfeld entstand die Kirche von Unten (KvU), ein unabhängiges Netzwerk aus Punks, Oppositionellen und Basisgruppen, das sich kritisch mit Staat, Kirche und Gesellschaft auseinandersetzte. Mit Konzerten, Ausstellungen und eigenen Publikationen trug die Bewegung dazu bei, dass sich die oppositionelle Szene der DDR zunehmend vernetzte.

Die Zionskirche ist in der Szene auch deshalb bis heute bekannt, weil hier am 17. Oktober 1987 Neonazi-Skinheads Besucher eines Konzerts der Band Element of Crime angriffen. Der Überfall, bei dem zahlreiche Menschen verletzt wurden, machte deutlich, dass die DDR ihr Problem mit rechter Gewalt lange verdrängte.

Die KvU gibt es – wie den Raben Ralf – bis heute. Gemeinsam mit dem Förderverein der Zionskirche hatte sie am Samstag ein illustres Publikum geladen. Neben Musik von IM Annika, Rosa Beton und anderen sollte das Buch „Punk Spirit“ vorgestellt werden, in dem sich auch Interviews mit Mitgliedern der KvU finden. Autor John‑Malkin war sogar aus Kalifornien angereist.

Lila und Neongelb

Nachdem am frühen Nachmittag noch eine eher bürgerliche Trauung in der Kirche stattgefunden hatte, kamen ab etwa 17 Uhr die Punks. Sie lungerten nicht nur vor der Kirche im Gras herum, sondern schauten sich auch die kleine Fotoausstellung im Eingangsbereich an, schlenderten an den Infotischen vorbei, wo auch der Rabe auslag, und setzten sich pünktlich zur Lesung auf die Kirchenbänke.

Von hinten bot sich ein ungewohnter Anblick. Statt lichter Haarkränze und „Friedhofsblond“, wie es einen Großteil der Hinterköpfe bei einem gewöhnlichen Gottesdienst charakterisieren dürfte, sah man viel Lila, Grün und Neongelb – obwohl das Durchschnittsalter der anwesenden Punks sich wohl nicht sonderlich vom Durchschnittsalter der sonstigen Kirchenbesucher unterschied. Da Glasflaschen verboten waren, wurde unter dem nachsichtigem Blick Bonhoeffers das Bier aus Pappbechern getrunken. Dann begann die Lesung.

Punk-Spirit

Der sympathische Autor Malkin, der auch ein Buch über christlichen Radikalpazifismus geschrieben hat und ein wenig wie der gemütliche Bruder von Henry Rollins aussieht, erzählte Anekdoten und las aus seinem Buch. Dass dabei stellenweise Unterschiede zwischen der kalifornischen Vorstellung von Punk und dem real existierenden Ostberliner Punk aufeinandertrafen, wurde schnell deutlich.

Als Malkin das Publikum fragte, wer glaube, dass Punk mitgeholfen habe, die Mauer zum Einsturz zu bringen, gingen höchstens zwei Hände hoch. Und als er Gespräche aus seinem Buch vorlas, die von der spirituellen Dimension der Punkbewegung handelten, krakeelte ein empörter Iro-Träger von der Kirchenbank: „Ich bin doch kein Hippie!“

Ungeachtet dessen, ob er nun vom Himmel kam oder vom Vorbahnhof, war der Geist der Veranstaltung friedlich, fröhlich und ausgelassen.

Am Ende soll sich Malkin sogar selbst ans Schlagzeug gesetzt haben. Das hat der Autor allerdings nicht mehr gesehen. Er fuhr früh nach Hause, weil er sich am nächsten Tag um seine Tochter kümmern musste. Wohl auch so ein Hippie.