So, nun hat die rechtsextremistische Partei mit dem Wählerauftrag, die Demokratie zu zerlegen, die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Nun ja, damit müssen wir dann wohl alle – und wäre ich Coach oder so, würde ich jetzt wahrscheinlich sagen – umgehen. Vielleicht nicht gerade so wie Friedrich Merz, der, so lernen es die Kinder in der Schule, Bundeskanzler ist, also irgendwie auch der Boss vom Land. Der hatte bis zu Beginn der ersten Schulstunde am Montag – das war der Tag nach der Wahl – noch immer nichts gesagt. Bisschen wie der kleine Paul, der seit einer Viertelstunde beleidigt ist und auch nichts mehr sagt, aber selbst Paul würde das nicht so lange durchhalten wie Friedrich, weil es ja irgendwann doch zu doof wird und Paul wieder zu seinen Freunden will und Sachen entdecken möchte. Tja, so siehts aus, ist halt auch scheiße, wenn man einen Typen als Kanzler gewählt hat, dem die Sattheit bis zum Kragen steht. Die Berliner CDU, so hört man und man kann ja vieles hören, arbeitet an Plänen, das komplette Tempelhofer Feld mit einer Tiefgarage zu unterkellern. In das zweite Untergeschoss kommt eine Shopping-Mall, die allen Malls in Neukölln die Kundschaft abzieht, sodass die Karl-Marx-Straße irgendwann zu einer verkehrsberuhigten Zone wird, weil nichts mehr los ist und selbst die letzten Stiernacken mit ihren SUVs irgendwann denken, dass es sich einfach nicht mehr lohnt, weil niemand mehr da ist, der erstens ihr Auto und zweitens sie, die Eigentümer und vor allem Fahrer dieser geilen Karren, sieht. Aber zurück zum dritten Untergeschoss. Hier werden Büroräume vermietet, an wen, ist noch unklar, wird aber irgendwie. Und ganz unten, im vierten Untergeschoss, als absolute Basis von allem, die neue CDU-Zentrale. Apropos CDU, die das Christentum noch immer im Namen hat, aber selbst gar nicht weiß, warum. Dennis Haustein, der Sprecher für bürgerschaftliches Engagement und Demokratieförderung der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin, schrieb in einem E-Mail-Wechsel, der auch an die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ gerichtet war: „Als Sprecher meiner Fraktion für das Thema Demokratieförderung kann ich Ihnen sagen, dass ich kein Verfechter von Volksentscheiden bin. Viel zu einfach können hier komplexe Sachverhalte in einfache Fragestellungen gepresst werden. Eine ausgewogene Debatte ist so nicht möglich und der Volksentscheid ist anfällig für populistische Vorhabenträger.“ Der Sprecher für Demokratieförderung sollte, so steht es sicher in der Jobbeschreibung, ein Vorhabenträger in Sachen Demokratie und nicht der Meinung sein, dass richtig viel Demokratie schon wieder zu viel wird. Soll er das mal der Schweiz erklären, oder hält er die komplette Schweizer Bevölkerung für Vollidioten? Aber vielleicht ginge ja Demokratie mit anderen Menschen, rein theoretisch. Würde der Mann in einer größeren Firma arbeiten und seinen Job so machen, wäre er wahrscheinlich längst rausgeworfen worden, oder er wäre tatsächlich zuständig für den Abbau der Abteilung, in der er arbeitet, wer weiß das schon. Und Sie, stellen Sie sich mal vor, Sie würden eine Buchhandlung betreten und der Buchhändler sagt, ach, wissen Sie was, ich verkaufe Ihnen keine Bücher, ich finde es nicht gut, Bücher zu verkaufen. Und was macht man eigentlich als Lehrer, wenn man den Schülern gerade lang und breit erklärt hat, was Demokratie ist, wie sie funktioniert und dass es die beste aller Staatsformen ist, und dann, direkt vor der Wahl, sagt der CDU-Politiker Stefan Evers, der Mensch, der Bürgermeister von Berlin werden will, dass die Wahl zum Abgeordnetenhaus auch eine Abstimmung über die Zukunft des Tempelhofer Feldes ist, obgleich es darüber bereits eine gültige Volksabstimmung mit klarer Mehrheit gab? Holy shit, das ist doch nicht mehr vermittelbar! Und dann muss man sich als Zivilgesellschaft mit solchen Knallfröschen auseinandersetzen und sie daran erinnern, wie Demokratie funktioniert. Und dass sie zu schützen ist, weil das, was Stefan Evers von sich gegeben hat, ein Angriff auf sie ist. Das Tempelhofer Feld, diese Fläche aus Natur, die mitten in einer Großstadt liegt, ist einmalig in Europa. Hier hat jeder seinen Garten, der keinen Garten oder Balkon hat, hier findet man Ruhe und sieht in die Weite. Hier wird nichts verwertet, nichts gewollt, Sie werden nicht von Werbung angebrüllt, die Idiotendichte ist sehr gering, weil Idioten hier keine Idiotensachen machen können. Der Himmel steht über Ihnen, und nicht nur als Ausschnitt, sondern komplett. Sie hören und sehen Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge und Feldlerchen, die mit ihrem feinen Gesang in der Luft stehen. Es ist der beste Ort Berlins und an heißen Tagen kühlt er nachts die Innenstadtbereiche. Als ich neulich auf der Solidaritätsveranstaltung „Ein Festival für das Tempelhofer Feld“ war und nach den Lesungen, einem Diskussions-Panel und einem Konzert nach Ewigkeiten mal wieder zu Techno tanzte und es später und später wurde, sah ich mich irgendwann um, der nächste Tag stand schon unerschütterlich da oder besser: Wir tanzten in ihm. Ich sah mich also um und sah einen Mann, der vielleicht zehn Jahre älter war als ich und der zu seiner ganz eigenen Musik tanzte. Dieser Mann und ich, wir waren die mit Abstand ältesten im Raum, und als ich dann noch bemerkte, dass ich meine Lesebrille auf dem Kopf trug, dachte ich, okay Boomer, obwohl ich keiner bin, aber in dem Moment dachte ich es, Zeit nach Hause zu gehen, und vielleicht sollte das auch Friedrich Merz tun und ein bisschen chillen. Und wenn es bei ihm zu Hause nicht so schön eingerichtet ist, kann er ein paar der zwei Millionen leerstehenden Büroquadratmeter Berlins mieten. Und wenn es ihm da zu leer oder langweilig wird, soll er ein paar Tage auf das Tempelhofer Feld, es wird ihm helfen, ganz sicher, weil das Tempelhofer Feld allen hilft. Friedrich hatte übrigens, als Schulschluss war, noch immer nichts gesagt. Kann man machen. Vielleicht als irgendwie Boss von Deutschland eher nicht.

Was macht man als Lehrer, wenn man den Schülern gerade erklärt hat, dass Demokratie die beste aller Staatsformen ist, und dann sagt Stefan Evers, der Bürgermeister von Berlin werden will, dass die Wahl zum Abgeordnetenhaus auch eine Abstimmung über die Zukunft des Tempelhofer Feldes ist, obgleich es darüber bereits eine gültige Volksabstimmung mit klarer Mehrheit gab?