An einer Haltestelle in Berlin. Die Anzeige tickt runter, doch der Bus kommt nicht und auch der nächste taucht nicht auf. Die Stadt braucht Jahre, um einen einzigen U-Bahnhof zu sanieren, und die BVG hat nicht genügend Fahrpersonal oder Züge. Von der S-Bahn ganz zu schweigen: Hier kann man jede Woche Bingo spielen mit einer breiten Auswahl an Gründen, die in Rotation angezeigt werden, und im Zweifel bleiben immer noch die vier Feinde der Bahn: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dass auf manchen Linien gefühlt nur jede zweite Bahn fährt, erscheint Zyniker*innen inzwischen bei der Planung einkalkuliert.

Ein funktionierender Nahverkehr, der die Menschen sozial- und umweltverträglich, sicher, zügig und zuverlässig durch die Stadt bringt – vom Wohnort zum Arbeitsplatz und zurück, vorbei an Einkaufsmöglichkeiten, Ärzt*innen und Erholungsorten – gehört zum Ziel 11 der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele. Hier geht es um nachhaltige Städte und Gemeinden. Natürlich zählt dazu auch bezahlbarer Wohnraum, der trotzdem kein schäbiges Loch ist, genauso wie der Schutz, die Pflege und Neuanlage von Grünflächen, damit die Menschen in den Städten weder ersticken noch gekocht werden.

Öffis für alle

In Berlin hört man tagtäglich die Klagen derer, die auf die Öffis – so die liebevolle Kurzbezeichnung für die öffentlichen Verkehrsmittel – angewiesen sind. Dennoch haben die meisten Menschen in der Hauptstadt Glück. Selbst wenn eine ganze Linie ausfällt, müssen sie nur verhältnismäßig kurze Wege laufen, zu einer anderen Linie oder einem anderen Verkehrsmittel. Natürlich ist das in den äußeren Bereichen der Stadt schwieriger. Dennoch, die Berliner Öffis sind ganz gut. Sie kommen vergleichsweise oft, sind vielfältig, zuverlässig (auch in ihren Tücken), mit einem Monatsticket oder Abo erschwinglich für den Service, den sie leisten, sie sind relativ sauber (solange man nicht Freitag- oder Samstagnacht unterwegs ist) und ziemlich sicher – und wären da nicht die anderen Menschen oder zumindest ein bestimmter Teil von ihnen, könnte man fast sagen: ein Träumchen.

Klar, besser geht immer. Vor allem asiatische Metropolen gehen mit großen Schritten und riesigen Bauprojekten voran. Denn Öffis sind Mobilitätswunder, sie ermöglichen vielen das Erreichen anderer Orte und verbinden Menschen. Ein gutes, sicheres und nachhaltig geplantes ÖPNV-Netz schafft mehr Chancengleichheit und reduziert die Umweltbelastung durch Autos.

Ein junges Netz ist das von Neu-Delhi. In der indischen Hauptstadt wurde 2002 die erste Metro – in etwa vergleichbar mit dem U- und S-Bahn-System in Berlin – in Betrieb genommen. Inzwischen gibt es 12 Linien mit knapp 300 Stationen, und weitere 44 sind für die nächsten zwei Jahre geplant, um Neu-Delhi mit Satellitenstädten zu verbinden. Für die Menschen dort ist das eine riesige Verbesserung, vor allem für Frauen. Die Kulturanthropologin Rashmi Sadana spricht von einem „Gamechanger“, denn die stark verbesserte Mobilität der Frauen bedeutet für sie mehr, als nur von einem Ort zum anderen zu kommen. Es bedeutet Chancen und Sicherheit. Mehr Frauen arbeiten, verdienen ihr eigenes Geld und erreichen Unabhängigkeit.

Die Metro verbindet bisher schwer erreichbare Orte und ermöglicht Frauen längere Wege zu Bildungs- und Arbeitsstätten. Gleichzeitig fördert sie das Zusammenkommen verschiedener sozialer Schichten, die früher kaum miteinander zu tun hatten. Sie alle kommen in der U-Bahn zusammen und schaffen eine soziale Durchmischung. Das Problem der U-Bahn in Neu-Delhi ist, dass sie ziemlich allein dasteht und es kaum Verbindungen zu anderen Verkehrsmitteln gibt. Dennoch, die reinen Zahlen sprechen Bände: weniger Privatautos bei gleichzeitig mehr als doppelt so vielen U-Bahn-Fahrgästen. Das trägt auch zu einer besseren Luftqualität in der Metropole bei, die nach wie vor so katastrophal ist, dass man sich nicht ausmalen möchte, wie viel schlechter sie ohne diese Veränderungen wäre.

Digitales Lernen, hier in Laos.
Foto: Åshild Aarø/Aay's Village, commons.wikimedia.org/?curid=73606453

Analog verbunden, digital vernetzt

Dabei muss nicht jede Verbindung eine physische sein. Innovation, Infrastruktur und Industrie sind hier wichtige Stichworte und stellen zusammen als kurze Beschreibung das Ziel 9 dar. Natürlich sollen Industrie und Infrastruktur nachhaltiger, widerstandsfähiger und inklusiver werden. Bei all der Planung ist ein nicht unwichtiges Unterziel die Kommunikation, genauer der all­ge­mei­ne Zugang zu Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien.

Auch dies eröffnet Chancen. Mit einem stabilen Internet und ein paar Tablets könnte in Zukunft eine Schule in einem Dorf entstehen. Wo Kinder früher vier Stunden hin- und zurücklaufen mussten oder gar nicht in die Schule gingen, schalten sie vielleicht ihr Tablet an und sind im Unterricht. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist das UN-Projekt „Gateways to public digital learning“, das Ländern Unterstützung beim Aufbau digitaler Lernplattformen bietet, damit der reguläre Lernplan einen Weg in die digitale Welt finden kann.

Schon jetzt gibt es Programme für Kinder in gefährdeten Regionen und selbst für jene, die nie ein Klassenzimmer gesehen haben: die „Digital Villages“ mit technischen und anderen Lernangeboten, zum Beispiel in Nigeria oder auch in Laos. Das schafft Mobilität und Bildungschancen, gerade für Mädchen. Auch die kenianische Hauptstadt Nairobi bietet deshalb Weiterbildungen in genau diesen technischen Bereichen an, denn was hilft alle Innovation, wenn die Menschen nicht lernen, sie zu nutzen.

Auch digitale Vernetzung kann mehr Chancengleichheit und soziale Mobilität in Richtung besserer Berufs- und Bildungsmöglichkeiten bedeuten. Ein kleines Dorf mit Internet kann mit lokaler Solarenergie und Tablets zum Klassenzimmer werden, so wie Homeoffice heute an vielen Orten und in vielen Bereichen ganz normal ist. Manchmal muss nicht einmal mehr die Chirurg*in vor Ort sein. Ein Roboter, ferngesteuert, erledigt den Job, irgendwie, irgendwo, irgendwann.