Der 1937 in Boston geborene Evolutionsbiologe und Geograf Jared Diamond wurde durch seine universal angelegten Erklärungen gesellschaftlicher Entwicklungen bekannt. Viele seiner Bücher sind internationale Bestseller. In „Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ (2005) untersucht er, wie sich Kulturen durch falsches Reagieren auf Umweltveränderungen selbst zugrunde richten. Der Rabe Ralf sprach mit ihm über gescheiterte Nordmänner, angepasste Inuit und die Frage, warum die Berliner nicht als Jäger und Sammler leben.

Der Rabe Ralf: Herr Diamond, ein wichtiges Kapitel Ihres Buches „Kollaps“ handelt von Grönland. Die Wikinger-Siedler aus Norwegen lebten dort vom späten 10. Jahrhundert bis ins 15. Jahrhundert und verschwanden dann. Sie schildern ihr Scheitern als Beispiel für fehlende Umweltanpassung. Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Faktoren, die zum Ende dieser Siedlungen führten?

Jared Diamond: Die Nordmänner kamen zu einer Zeit nach Grönland, in der das Klima glücklicherweise für die von ihnen mitgebrachte, auf Viehzucht basierende Lebensweise geeignet war. Auch für die Seeschifffahrt von Europa und Island aus war das Klima günstig – von hier kamen jene Rohstoffe, auf die die Nordmänner angewiesen waren und die in Grönland selbst fehlten.

Unglücklicherweise untergrub der Klimawandel aber ihre auf Viehhaltung beruhende Wirtschaftsweise. Zugleich kappte die Kombination aus klimatischen Veränderungen und dem Rückgang der Nachfrage nach Walross-Elfenbein die Versorgung mit den benötigten Rohmaterialien.

Weitere Faktoren, die Archäologen nach meiner Ansicht häufig ignorieren oder unterschätzen, waren die Anfälligkeit der grönländischen Nordmänner für Epidemien von Infektionskrankheiten – begünstigt durch immer seltener werdende Schiffsverbindungen nach Europa, deren große zeitliche Abstände die Aufrechterhaltung epidemischer Krankheitserreger ermöglichten – sowie zerstörerische Piratenaktivitäten seit dem 15. Jahrhundert.

Die Faktoren, die die nordische Gesellschaft zugrunde richteten, trafen die auf Grönland ansässigen Inuit hingegen nicht in gleicher Weise: Diese waren nicht von Viehzucht abhängig, benötigten keine europäischen Rohstoffe, lebten in kleineren, verstreuten Populationen und waren daher weniger anfällig für Epidemien – außerdem besaßen sie nichts, was Piraten besonders angezogen hätte.

Welche Rolle spielte das sogenannte „Kleine Eiszeitalter“ – also jene mehrere Jahrhunderte andauernde Phase klimatischer Abkühlung vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit, die mit kürzeren Vegetationsperioden, härteren Wintern und zunehmender Meereisbildung einherging?

Die Kleine Eiszeit spielte zwei entscheidende Rollen: Sie verringerte die Produktivität der nordischen Viehwirtschaft und unterbrach zugleich die Versorgung mit jenen Rohstoffen, die für die nordische Lebensweise unerlässlich waren.

Kompakte Figur einer reitenden Königin auf einem Pferd, geschnitzt aus einem Walross-Stoßzahn.

Königin zu Pferd, Schachfigur aus Walross-Stoßzahn, um 1250 
Foto: Sveriges National­museum/​Wikimedia Commons 

Warum übernahmen die Wikinger nicht die Jagdtechniken oder Lebensweisen der Inuit, um zu überleben? Aus rassistischer Überheblichkeit?

Das taten sie aus drei Gründen nicht: Erstens schätzten die Nordmänner – wie alle Gesellschaften – bestimmte Lebensformen und andere nicht. (Wie viele Berlinerinnen und Berliner leben heute als Jäger und Sammler?)

Zweitens waren die Lebens- und Überlebensstrategien der Inuit – etwa der Walfang oder der Einsatz von Hundeschlitten – das Ergebnis einer langen kulturellen Entwicklung und komplexen Wissens. Sie ließen sich von den Nordmännern nicht einfach übernehmen oder neu erfinden.

Drittens entwickelten sich zwischen Nordmännern und Inuit rasch schlechte Beziehungen – was häufig geschieht, wenn zwei Bevölkerungsgruppen mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen und Wertvorstellungen aufeinandertreffen.

Aktuelle archäologische Befunde zeigen, dass die Siedler ihren Speiseplan deutlich veränderten: Isotopenanalysen belegen einen wachsenden Anteil von Meeressäugern und einen Rückgang der Viehzucht. Spricht das nicht gegen Ihre These einer kulturellen Starrheit?

Nein, natürlich widerspricht die zunehmende Abhängigkeit der Nordmänner von Meeressäugern bei gleichzeitig rückläufiger Viehwirtschaft nicht meiner These kultureller Starrheit. Kulturelle Starrheit ist kein absoluter Zustand: Die Nordmänner waren – wie andere als „starr“ zu bezeichnende Gesellschaften – in gewissem Maße unflexibel, aber nicht vollständig. Zudem wurde ihnen die geringere Bedeutung der Viehhaltung durch den Klimawandel aufgezwungen – unabhängig davon, ob sie kulturell eher starr oder flexibel waren.

Außerdem unterstreichen neue Studien den Einbruch des Walross-Elfenbeinhandels als Schlüsselfaktor. Es gab, bedingt durch die Konkurrenz mit afrikanischem Elfenbein, einen Rückgang der Nachfrage in Europa, wodurch die wichtigste Exportware der grönländischen Nordmänner rapide an Wert verlor. War der „Kollaps“ also letztlich eher ein Problem globaler Marktveränderungen als lokaler Umweltprobleme?

Jared Diamonds lesenswerter Klassiker „Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ kann für 22 Euro in der Reihe Fischer Forum erworben werden.

Der Zusammenbruch des Walross-Elfenbeinhandels ist keine Erkenntnis neuerer Studien, er war Archäologen bereits lange vor der Veröffentlichung meines Buches „Kollaps“ im Jahr 2005 bekannt. Es ist nicht hilfreich, nach vereinfachenden Erklärungen zu suchen – etwa danach, ob der Untergang der nordischen Siedlungen stärker auf globale Marktveränderungen oder auf Umweltveränderungen zurückzuführen sei. Beide Faktoren haben dazu beigetragen.

Vielen Dank!