Mein Weg zum Kadó führt mich durch den Graefekiez in Berlin-Kreuzberg. In der Graefestraße hat die Nachbarschaft in einem offenen Beteiligungsverfahren mit dem Bezirksamt die Straße entsiegelt und Beete angelegt. Im März 2023 startete das Projekt. Von Anwohnenden und Gewerbetreibenden aus dem Quartier wurden Anliegen, Ideen und Wünsche eingebracht – drei Monate später wurden die ersten Bodenproben entnommen, belasteter Boden wurde ausgetauscht, Baumscheiben erweitert, Parkplätze entsiegelt und bepflanzt. Mein Auge kann sich nicht sattsehen an den spätherbstlichen Farben der wilden Staudenbeete. Sie sind mit Astzäunchen umrandet und laden mit ihren vielfältigen Sitzmöglichkeiten in oder an den Beeten zum Verweilen ein.
Lakritzfenster
Aus der Entfernung erkenne ich das Kadó. Eine kleine Gruppe steht vor einer weißen Tür, Ilses Kopf lugt aus einem quadratischen Fenster, das in die Eingangstür eingelassen ist. Aus diesem Fenster versorgt Ilse Böge ihre Kundschaft mit Lakritz. Das Fenster erinnert an ein Büdchen, aber irgendwie auch an das Notdienstfenster einer Apotheke.
Ilse öffnet mir die Tür und ich betrete das Warenlager. In der Mitte ein großer Arbeitstisch, an den Wänden Regale mit unzähligen Lakritzschachteln. Ilse erzählt: Gegründet wurde das Kadó 1997 – als erstes Lakritzfachgeschäft in Deutschland. Zehn Jahre war der Laden in der Graefestraße 75, dann zog er in die Nummer 20 um. Die Pandemie hat er gut überstanden – die Nachbarschaft hat das Geschäft getragen. Und dann kam der Investor. Long story short: Durch den Eigentümerwechsel hat sich die Gewerbemiete verdoppelt. Rechtlich gibt es keinen Schutz für Gewerbetreibende, ärgert sich Ilse. Sich aus dem Kiez verdrängen zu lassen, war keine Option – stattdessen: Fensterverkauf aus dem Warenlager und Onlinebestellungen über die Website.
Eat the World
Ilses Ohr ist immer auf der Straße – bei der Umgestaltung der Graefestraße vor zwei Jahren hat sie natürlich mitgemischt und erinnert sich: Es war ein teilweise durchaus konfliktreicher Aushandlungsprozess um unterschiedliche Interessen, aber alle wurden gehört, und miteinander zu sprechen und eine für alle tragbare Lösung zu finden, hat sich gelohnt.
Es klopft. Ilse empfängt eine Gruppe von zwölf Menschen. „Eat the World“ ist ein geführter kulinarischer Stadtspaziergang durch Berlin-Kreuzberg. Wir versammeln uns um den großen Arbeitstisch in der Mitte, auf kleinen Tellern stehen vier Sorten Lakritz zur Verkostung. Ilse beginnt: Hier gibt es nur ein Produkt, Lakritz – das aber in 600 Varianten. Aber was ist das eigentlich? Lakritz ist eine spezielle Süßigkeit (sogar die einzige, die den Durst stillt).
Lakritzbrot
Es ist eine Art Medizin mit einer jahrtausendealten, überlieferten Geschichte. Lakritz wird aus der Wurzel der Süßholzpflanze (Glycyrrhiza glabra), eines Schmetterlingsblütlers aus der Familie der Hülsenfrüchte, hergestellt. Die weitverzweigten Wurzeln der Glycyrrhiza glabra, die bis zu acht Meter lang werden können, sind Heilkraut, Geschmacksverstärker und Grundlage für die Süßwarenherstellung. Der Süßholzstrauch braucht eine Temperatur zwischen drei und 28 Grad und eine humusreiche, durchlässige Erde, um zu gedeihen. Unter diesen Bedingungen verbreitet er sich wie „Unkraut“. Der Süßholzstrauch umspannt die nördliche Hemisphäre wie ein Gürtel.
Auf dem Tisch liegt ein großer schwarzer Klumpen, der mich an ein zu groß geratenes Kohlebrikett erinnert. Ilse zeigt auf den Block und fährt fort: Die Wurzeln der Süßholzpflanze kommen geerntet, gewaschen und gequetscht oben in einen großen Kessel. Dort werden sie über Stunden ausgekocht. Schwarzes Lakritzextrakt fließt unten heraus. Das Extrakt wird in eine handliche Form gebracht, das Lakritzbrot.
Lange bevor Lakritz als Süßigkeit verzehrt wurde, hat man die Süßholzpflanze in der Heilkunde eingesetzt: Sie wirkt entzündungshemmend und hilft bei Husten und Magengeschwüren. Heute wird ihre Wirkung auch in der HIV-Therapie, bei Sars und Hepatitis C erforscht. In der chinesischen Heilkunde spielt das Süßholz (Gan Cao) seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle.
Das früheste Schriftdokument, in dem die Süßholzwurzel erwähnt wird, ist eine Drogenliste aus dem assyrischen Mesopotamien auf einer Tontafel aus dem 12. Jahrhundert vor Christus. In Europa finden wir im 4. vorchristlichen Jahrhundert erste Aufzeichnungen von einem Schüler des Aristoteles, dem griechischen Botaniker Theophrast von Eresos.
Graue Mäuse
Ilse reicht der Gruppe die erste Lakritzsorte zur Verkostung: Lakritz mit Ingwer, das in Belgien nach ihrer Rezeptur für sie produziert wird. Während sich die Gäste an den nächsten Sorten versuchen, fährt sie fort.
Lakritz ist ein europäisches Phänomen. Norddeutschland und Skandinavien kennen Lakritzvielfalt seit Kindertagen – und mögen es auch salzig. In den Niederlanden gibt es allein neun Firmen für doppelt gesalzenes Lakritz. In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz kennt man zumindest die Lakritzschnecke. In Italien, Frankreich und Spanien findet man Süßholz zum Beispiel auch im Grappa. Reines Lakritz, fein gemahlen, kommt hier sogar in der Pasta zum Einsatz und bereichert als Gewürz auch die Küche so mancher Eisdielen und Sterneköche. Lakritzpulver eignet sich ganz hervorragend zum Kochen.
Schlusslicht bei der Lakritzvielfalt ist Berlin. Hier gibt es lediglich die „Grauen Mäuse“, Schaumzuckermäuse mit Lakritzaroma.
Ilse hat ein kleines Nachschlagewerk über „Lakritz: Die schwarze Leidenschaft“ mit herausgegeben. Hier findet man viel Wissenswertes und Anekdotisches, ergänzt durch raffinierte Rezeptvorschläge für süße und herzhafte Gerichte.
Die kleine Gruppe zieht weiter. Ich wähle eine 250-Gramm-Tüte „Salz & Chili Lakritzmischung“ für 7,50 Euro. Ich stecke mir ein weiteres Stück in den Mund. Es gibt so viele Geschmäcker zu entdecken, einmal damit angefangen ist es verdammt schwer, die Kurve zu kriegen.
