Der Friedrichshainer Laskerkiez sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Berliner Kiez: Spätis, graffitigesprenkelte Wände, Familien, Kinder und ein paar Leute, die sich eher dem linksalternativen Spektrum zuordnen ließen. Gerade im Sommer herrscht hier ein entspanntes Treiben.
Doch unter der idyllischen Oberfläche brodelt eine Welle der Umbrüche. Gentrifizierung und Verdrängung heißen die Stichworte, für die mittlerweile fast ganz Berlin bekannt ist. Läden, Kneipen, Apotheken und sogar Arztpraxen müssen dem Druck weichen, während in der Nachbarschaft Großraumbüros, hippe Cafés und Klangschalenläden aus dem Boden schießen. Auch exorbitant steigende Mieten und teure Eigentumswohnungen fehlen dabei nicht.
„Das hat uns wütend gemacht“
Schon 2021 gründete sich die Stadtteilgruppe „Wem gehört der Laskerkiez“, die sich die neoliberale Stadtentwicklung nicht weiter gefallen lassen will. Mit Demos, Aktionen und nachbarschaftlicher Vernetzung wurden Bauprojekte kritisiert und Verdrängungsmechanismen aufzuhalten versucht.
„Begonnen hat alles mit dem ‚Ostkreuz Campus‘ des Kölner Immobilienentwicklers Pandion“, erzählt Timo Steinke, Sprecher der Gruppe. Als Pandion sein auch als „Office Home“ tituliertes Projekt ankündigte und Kritik zum Schweigen bringen wollte, formierte sich Widerstand. „Pandion hat immer wieder gesagt, dass sie hier ‚Pionierarbeit‘ leisten und ‚Stadtreparatur‘ betreiben möchten. Das hat uns wütend gemacht.“ Als kritische Stimmen in Google-Rezensionen des Bauprojekts auftauchten, verlangte Pandion per Anwalt von Google, die Kommentare zu löschen.
Mittlerweile ist das Projekt aber realisiert. Protzig verschattet der riesige Büroklotz an der Persius-, Ecke Bödikerstraße einen selbstorganisierten Gemeinschaftsgarten.
Erfolg gehabt habe man hingegen mit dem Erhalt eines Spätis und eines Backshops am Rudolfplatz, so Steinke. Es gab eine Petition zur Rettung der beiden Geschäfte der Familie Nguyen und eine Kundgebung. Bei anschließenden Gesprächen mit der Hausverwaltung konnten die Kleingewerbe gerettet werden. „Der nachbarschaftliche Druck hat gewirkt!“, freut sich Steinke.
Auch die „Zukunft am Ostkreuz“, eine Kulturbar mit Kinos, Jazz-Konzerten, Theater, Kneipe und eigener Brauerei, musste dem „Entwicklungsdruck“ weichen. Durch Proteste gelang es, die Bar in unmittelbarer Nähe neu aufzubauen. Zumindest bis der 17. Bauabschnitt der skandalumwitterten Stadtautobahn A100 beginnt, kann die „Zukunft“ bleiben. Durch die Erweiterung sind zudem weitere Orte von Verdrängung bedroht, wie der Wagenplatz Fips am Markgrafendamm.
Das Problem als Lösung
Doch der kleine, gentrifizierungsgeplagte Kiez kommt nicht zur Ruhe: Zeigte die hiesige Parteipolitik in den letzten Jahren immer auf den bösen Bund, der dafür sorge, dass sich die Gentrifizierungsspirale im Laskerkiez nicht aufhalten lasse, heizt nun sogar die Berliner SPD selber kräftig mit bei der Kiez-Aufwertung: Gleich zwei hochumstrittene Bauprojekte hat der SPD-Bausenator dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aus der Hand genommen, um dort höchstpersönlich den Investoren den roten Teppich auszurollen. Es geht um ein Hochhaus, in dem vorwiegend Luxuswohnungen entstehen sollen, sowie einen Büro- und Hotelkomplex.
Um den neuen Entwicklungen vereint etwas entgegenzusetzen, gründete sich vor einem Jahr das Bündnis „Berlin gegen Gentrifizierung“. Mit dabei sind Initiativen und Orte in der Nachbarschaft wie „Kiez ohne Klotz“, der Club „about:blank“, „Wir bleiben Alle Friedrichshain“ oder die „Neue Zukunft Alt-Stralau“.
Wie stellen sich Bausenator Gaebler und die finanzstarken Bauherrn die Zukunft der Kieze vor? Da ist zunächst das Hochhausprojekt der Atrium Development GmbH an der Rudolfstraße 18/19, das mit 167 Metern sogar höher als der nur zwei Steinwürfe entfernte „Amazon-Tower“ werden soll. 30 Prozent der entstehenden Wohnungen sollen sozial gefördert werden, ironischerweise keine einzige im Tower selbst, sondern nur in dessen Sockel.
In den öffentlichen Veranstaltungen, bei denen Bauherrn und Bausenat vertreten waren, äußerten zahlreiche Betroffene aus dem Kiez lautstark ihre Sorgen. SPD-Senator Gaebler reagierte mit Unverständnis und warf den Protestierenden vor, jeden Wohnungsbau verhindern zu wollen. „Dass er sich über die Bezirksregierung hinwegsetzt, um ein Projekt voranzutreiben, das offensichtlich der Bodenspekulation dient, ist ein Skandal“, empört sich Anwohner Hanno von der Initiative Kiez ohne Klotz. „Der Druck auf dem Wohnungsmarkt wird hier instrumentalisiert, um ein riesiges Hotel und Wohnungen für Bestverdienende zu bauen.“ Das Problem werde so als Lösung verkauft.
Ob das Projekt kommt, hängt davon ab, ob der Bausenator den sogenannten „Bauturbo“ zünden kann oder ob es ein normales Bebauungsplanverfahren gibt. Letzteres würde das Projekt wohl zu einer Frage der nächsten Berliner Regierung machen. Linke und Grüne sehen das Projekt deutlich kritischer.
Wer hoch bauen will, kann tief fallen
Eine Herzensangelegenheit des Bausenats scheint auch die weitere Versorgung der Kieze mit finanzstarken, konsumorientierten Tourist*innen zu sein. Nicht nur die kleingewerblichen Airbnb-ähnlichen Ferienwohnungen im Laskerkiez haben sprunghaft zugenommen – nun soll ein ganzes Hotel direkt neben dem Club „about:blank“ am Markgrafendamm durch das skandalumwitterte Unternehmen Trockland gebaut werden. Der Bezirk erteilte dem Projekt „Lynx“ zwar eine Absage, doch mit den Freund*innen der Immobilienwirtschaft im Senat gelang es auch hier, die Planungen zur Chefsache zu machen und dem Bezirk aus der Hand zu nehmen.
Weit ist man hier aber nicht gekommen. Auf einer der Flächen plante im letzten Sommer ein Kleinunternehmer ein kommerzielles Oktoberfest namens „Spreewiesn Berlin“, das durch eine Pressemitteilung von „Berlin gegen Gentrifizierung“ und angekündigte Proteste abgewendet werden konnte. Der erfolglose Versuch, ein Sauf-Event mit antiquierter Brauchtumspflege im Kiez zu etablieren, kostete die Verantwortlichen laut eigenen Aussagen rund 60.000 Euro. Wie es mit dem Hotel- und Büroprojekt weitergeht, ist unklar. Ein Bauantrag lag bis zuletzt nicht vor, obwohl die Fläche seit Jahren im Besitz von Trockland ist.
Im Lasker- und Rudolfkiez zeigt sich also: Wer hoch bauen will, kann auch tief fallen. Bis dato ist noch keines der beiden Luxusprojekte in trockenen Tüchern. Sollte die schwarz-rote Koalition im September abgewählt werden, kann das auch die Bauprojekte beeinflussen. Nachbar*innen und Bezirk stehen ihnen unversöhnlich gegenüber, und zunehmende Proteste sind bei einem „Weiter so“ der Planungen vorprogrammiert.
