Seit Anfang 2023 gilt auch in Berlin die Mehrwegangebotspflicht. Das geänderte Verpackungsgesetz verpflichtet sogenannte Letztvertreiber mit einer Verkaufsfläche von mindestens 80 Quadratmetern, neben Einwegverpackungen auch Mehrweg-Alternativen anzubieten und die Kundschaft sichtbar darüber zu informieren. Das soll dem stetig wachsenden Verpackungsmüll entgegenwirken. Doch erfüllt die Pflicht ihren Zweck?

Zur Vorbereitung der Mehrwegangebotspflicht gab es zahlreiche Projekte und Kampagnen, vielfach mit staatlicher Förderung. In Berlin sollten Initiativen wie „Frag nach Mehrweg“ in Friedrichshain, „Mehrweg statt Einweg“ in der Turmstraße oder die „Bestandserfassung für die Einführung eines Mehrweg-Poolsystems für Kaffeebecher“ im Gebiet um den Mauerpark die Händlerinnen und ihre Konsumenten informieren, beraten und zur Mehrweg-Nutzung motivieren. Auch die Berliner Zero Waste Agentur beteiligte sich mit umfangreichen Aufklärungskampagnen.

Praktikable Lösungen fehlen

Die Ergebnisse dieser Projekte waren eindeutig: Das Interesse an Mehrweg ist bei Konsumentinnen wie auch bei Händlern grundsätzlich vorhanden. Gleichzeitig wurden aber schon früh strukturelle Probleme deutlich. Vor allem in der Wahrnehmung der Betriebe rechnet sich Mehrweg häufig noch nicht. Anschaffung, Lagerung, Rücknahme, Reinigung und Logistik verursachen Kosten, die gerade kleine und mittelgroße Unternehmen kaum tragen können.

Diese Schwierigkeiten bestätigten sich beim Projekt „Mehrweg auf Wochenmärkten“ der Grünen Liga Berlin. Viele Händlerinnen und Händler sagen, dass sie auf den Märkten keine Möglichkeit sehen, Mehrweg anzubieten und gleichzeitig die Anforderungen des Gesundheitsamts zu erfüllen. Dabei zeigen sie sich grundsätzlich offen für Mehrweg, wenn eine praktikable Lösung für den gesamten Markt gefunden würde.

Das konnte beispielsweise an den sogenannten Mehrweg-Markttagen erreicht werden: Hier stellte die Grüne Liga Mehrwegalternativen zur Verfügung und spülte die Behältnisse vor Ort gesundheitskonform, sodass Händlerinnen und Kundinnen erleben konnten, wie Mehrweg funktioniert und welche Vorteile es hat.

Nur ein Viertel bietet Mehrweg an

Dass die Umsetzung der Mehrwegangebotspflicht weiterhin Probleme bereitet, ist unübersehbar. Noch im August 2025 berichteten öffentlich-rechtliche Medien über das anhaltend hohe Verpackungsmüllaufkommen in Berlin. Einwegverpackungen dominieren weiterhin das Stadtbild. Denn trotz vorhandener Mehrwegangebote greifen viele nach wie vor zu Einweg. Das wirkt widersprüchlich, denn in Befragungen äußern sich die Leute überwiegend positiv zu Mehrweg.

Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale Berlin verstärkt diesen Eindruck. In 56 zufällig ausgewählten Betrieben, verteilt auf alle Berliner Bezirke, wurde 2025 überprüft, ob ein Mehrwegangebot existiert und ob darauf hingewiesen wird. Mit ernüchterndem Ergebnis: Nur 14 der kontrollierten Betriebe erfüllten die gesetzlichen Vorgaben vollständig. Drei von vier Betrieben hatten entweder gar kein Mehrwegangebot oder kamen der Pflicht nur unzureichend nach.

Bezirke können nicht kontrollieren

Ein entscheidender Faktor ist sicherlich die Kontrolle. Für die Durchsetzung sind die Bezirke zuständig. Eine Anfrage der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus vor einem Jahr zeigte jedoch, dass diese Aufgabe kaum wahrgenommen wird: Im Jahr 2023 führten lediglich sechs Bezirke Kontrollen durch, 2024 waren es sogar nur noch zwei. Insgesamt gab es bislang etwa 80 Kontrollen, bei denen 17 Ordnungswidrigkeiten festgestellt wurden. Mehrere Verfahren sind noch nicht abgeschlossen, teilweise fehlen auch Angaben zu den Ergebnissen.

Dass die Bezirke ihre Kontrollpflicht nur eingeschränkt erfüllen, ist nicht neu. Schon vor Einführung der Angebotspflicht wurde darauf hingewiesen, dass den Ordnungsämtern Personal und Kapazitäten fehlen. Daran hat sich offenbar wenig geändert.

So bleibt die Mehrwegangebotspflicht bislang hinter ihren Erwartungen zurück. Zwar ist sie aus einem berechtigten umweltpolitischen Interesse entstanden, doch in der praktischen Umsetzung zeigt sich ein bekanntes Muster: Ohne ausreichende Unterstützung und Kontrolle entfaltet selbst eine gesetzliche Pflicht kaum Wirkung. Viele bevorzugen beim Kauf offenbar weiterhin Einwegverpackungen, und den Betrieben fehlt es an wirtschaftlichen Anreizen und praktikablen Lösungen.

Andere Städte machen es vor

Dabei liegen Lösungsideen auf dem Tisch. Die vorbereitenden Projekte formulierten klare Handlungsempfehlungen: Händler müssten stärker unterstützt werden – etwa durch zentrale Poolsysteme, vereinfachte Rückgabestrukturen oder finanzielle Anreize.

Dass solche Modelle funktionieren können, zeigen Beispiele – vor allem außerhalb Berlins. In Tübingen sorgt eine Verpackungssteuer für einen messbaren Rückgang von Einwegmüll. In Friedrichshain-Kreuzberg erprobt ein Pilotprojekt ein besonders niedrigschwelliges System: To-go-Pfandbecher können dort nicht nur in teilnehmenden Cafés, sondern auch an Leergutautomaten einer großen Lebensmittelkette zurückgegeben werden. Das entlastet die Cafés bei der Logistik und macht Mehrweg für die Kundschaft deutlich attraktiver.

Solange solche Lösungen jedoch die Ausnahme sind, besteht die Gefahr, dass die Mehrwegangebotspflicht in Berlin ein gut gemeintes, aber wirkungsloses Instrument bleibt – mit wenig Mehrwert für Mehrweg und weiterhin viel zu viel Einweg auf den Straßen der Hauptstadt.