Die nordischen Botschaften, die im Gegensatz zu anderen, streng abgeriegelten Berliner Botschaftsgebäuden für Besucher:innen offen sind, haben eine Kantine. Hier werden unter der Woche täglich von 13 bis 15 Uhr drei verschiedene Mittagsmenüs angeboten. Küchenchef der Kantine ist Kenneth Gjerrud, der außerdem Betreiber des norwegischen Restaurants Fjord in Schöneberg und der Nordic-Tapas-Bar Skål in Charlottenburg ist.
Rabe-Ralf-Redakteur Johann und ich treffen fast zeitgleich in der Rauchstraße 1 im Tiergarten-Dreieck ein. Die Kantine befindet sich auf der dritten Etage. Nach einer unkomplizierten Kontrolle von Jacken und Taschen gehen wir über eine offene Treppe hinauf. In der bereits sehr gut gefüllten Kantine ist der Geräuschpegel entsprechend hoch. Auf der linken Seite sind Ausgabetheke und Kasse; geht man nach rechts, kommt man in einen offenen Speisesaal in sympathischem Ikea-Ambiente.
Köhler
Es gibt, wie so oft in der Botschaftskantine, Fisch – heute ist es Seelachs. Das ist aber kein echter Lachs, wie Johann mir erklärt, sondern ein Marketingtrick. Der Seelachs ist ein Dorsch, der eigentlich „Köhler“ heißt. Aber wer hat schon Lust, einen Fisch mit so einem Namen zu essen? Heute wird er gebraten mit Linsengemüse und Kartoffeln serviert. Johann ist Holsteiner und liebt Fisch. In der Heimat bekommt er ihn von seinem Nachbarn, in Berlin ist es weit schwieriger, guten Fisch zu finden, sagt er. Alternativ gibt es an diesem Dienstag Auberginenschiffchen und hausgemachten Farmer’s Pie. Ich entscheide mich wie Johann für den Köhler alias Seelachs.
Mit unseren vollen Tabletts ergattern wir einen der letzten freien Tische. Ich komme aus dem Rheinland, da gibt es eher deftigen Sauerbraten, meine Ansprüche an Fischgerichte sind deshalb weniger hoch. Nach den ersten Bissen können wir uns darauf einigen, dass wir das Kantinenangebot – täglich drei frisch zubereitete Gerichte zur Auswahl plus die Gelegenheit, einen Diplomaten treffen zu können – sehr gut und das heutige Fischgericht solide finden.
Grönland
Wie der Raben-Redaktions-Alltag aussieht, will ich von Johann wissen. Er denkt kurz nach und witzelt dann, dass es oft so läuft: Johann denkt sich irgendetwas aus – zum Beispiel eine Wanderausstellung –, Claudia rechnet es mit vielen Exceltabellen realistisch durch und Matthias, der eigentliche Chefredakteur (was er aber gar nicht gerne hört), hat dann die ganze Arbeit. Nicht zu vergessen Evelin, die seit vielen Jahren die Grafik für den Raben macht. Unterstützt werden sie aber auch von vielen fleißigen Händen im Grüne-Liga-Kosmos. Ohne Idealismus wäre der Rabe Ralf bereits ausgestorben wie viele andere Umweltzeitungen.
Als Norddeutscher hat Johann einen starken Bezug zur nordischen Welt. Grönland interessiert ihn besonders, und das nicht erst, seit Donald Trump die Insel für sich entdeckte. Dieser hat Grönland kürzlich ein „schlecht verwaltetes Stück Eis“ genannt.
Die geopolitische Brisanz, der Klimawandel, bedrohte Arten wie der Eisbär, die Gletscherschmelze, die Rechte von Indigenen, der „freundliche“ Kolonisator Dänemark, das alles bietet sehr viel Stoff für eine Umweltzeitung. Für diese Ausgabe hat sich die Redaktion deshalb entschlossen, mit Grönland ein Schwerpunktthema zu setzen. Eine echte Premiere. Auf die Idee dazu haben Johann die Leser:innenbriefe gebracht. Bei allem Pro und Kontra zu den Artikeln hat sich bei ihm der Eindruck verfestigt, dass Berlin für viele das absolute Zentrum der Welt ist. „Dann doch lieber Grönland“, lacht er.
Raben
Johann erzählt weiter: Die Bevölkerung Grönlands besteht zu überwiegenden Teilen aus indigenen Inuit, die etwa 90 Prozent der insgesamt rund 56.500 Einwohner des Landes ausmachen. In ihrer Mythologie spielen Raben eine zentrale Rolle. Einer heißt Tulugaq. Er ist eine Art Trickster und Kulturbringer. Bekannt ist die Legende, in der der Rabe das Licht in die Welt bringt und so das Leben ermöglicht. Darüber hinaus gilt der Rabe als Urahn der Menschen und Erschaffer der Erde, der durch List und Neugier die Welt formt. Seine mehrdeutige Natur vereint weise und schelmische Züge: Er ist sowohl Held als auch Betrüger, was ihn zu einer tiefgründigen und kreativen Gestalt macht. Auch im Schamanismus der Inuit spielt der Rabe eine wichtige Rolle – er gilt als geistiger Helfer und Seelenführer, der Schamanen auf ihren spirituellen Reisen begleitet.
Auch beim Raben Ralf ist der Name mehr als ein Wort. Aus eigener Beobachtung kann ich bestätigen: Wer in die Redaktion kommt, betritt eine Rabenvoliere: überall Ralf und andere Raben in vielfältigen Variationen. Für die Redakteure ist es auch nichts Neues mehr, mit „Ralf“ oder „Herr Rabe“ angesprochen zu werden.
Vernetzung
Nach dem Ausflug ins Eis erläutert Johann das neueste Projekt: die europäische Vernetzung von Ökozeitungen. Bisher machen alle Redaktionen der Graswurzelmedien ihr eigenes Ding, was bedeutet, dass alle mit ihren finanziellen Sorgen allein bleiben. Das würde Johann gerne ändern – mit einer gemeinsamen Plattform für Vernetzung, Übersetzung, Wissensaustausch und Kooperationen. Es würde auch dabei helfen, die Berliner aus ihrer Nabelschau zu befreien, schließlich kennt Ökologie keine Grenzen.
Nachdem wir in der „Victoria kaffebar“ ein Stockwerk tiefer noch ein Tässchen genossen haben – hier gibt es auch Spezialitäten wie Kanelbullar, leckere Zimtschnecken –, schauen wir uns zum Abschluss die Ausstellung „Arctic Heroes – Verborgene Geschichten“ von Ragnar Axelsson an. Zu sehen sind 18 großformatige Schwarz-Weiß-Fotografien aus Grönland. Es ist eine Reise durch den Alltag der Inuit-Jäger. Axelsson hat die außergewöhnlichen Beziehungen, die die Menschen der Arktis mit ihrer extremen Umgebung entwickelt haben, zurückhaltend und zugleich eindrucksvoll fotografisch festgehalten. Leider sind keine Raben dabei.
