Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass in Filmen das Kopfsteinpflaster ein häufig gesehener Statist ist? Die Filmkunst gibt ein klares Votum ab: Kopfsteinpflaster ist schöner und lebendiger als Asphalt.
Die uralten Kopfsteinpflasterstraßen mussten über die letzten Jahrzehnte jedoch fortschreitend dem Einheitsgrau des Asphalts weichen, nicht selten begleitet von Protesten der Anwohner. Meist wurden die Radfahrer vorgeschoben, obschon deren Bedürfnisse, wenn überhaupt, nie das Asphaltieren einer ganzen Straße rechtfertigen. In den allermeisten Fällen sind die Pflastersteine seither verschollen: Schwund im doppelten Sinne.
Nehmen wir, indem wir es ästhetischer finden, eventuell auch wahr, dass Kopfsteinpflaster – sofern auf das Verfugen verzichtet wurde – ökologischer und „besser fürs Klima“ ist?
Viel besser für Wasser und Boden
Regen kann zwischen den Fugen versickern. Je größer die Fugen, desto besser. Kopfsteinpflaster ist damit angesichts sinkender Grundwasserspiegel unmittelbar nützlich für die Grundwasserneubildung. Zwischen den Fugen ist aber auch Raum für Humusbildung, was wiederum die Bindung von organischem Kohlenstoff ermöglicht. Asphalt kann das alles nicht, denn er dichtet quasi hermetisch ab.
Anzumerken bleibt, dass Straßenabwasser Schadstoffe enthält: Benzin, Schweröl und Abgase von Verbrennern, Reifenabrieb in Form von Mikroplastik und Feinstaub von allen Fahrzeugen. Ab einer gewissen Verkehrsdichte ist die Einleitung des Straßenwassers in die Kanalisation sinnvoller als die Versickerung über den Boden. In der Regel hat Kopfsteinpflaster daher in Nebenstraßen Sinn – in hochfrequentierten oder mit Schwerlastverkehr „gesegneten“ Hauptstraßen eher nicht.
Gesund, klimagerecht, ressourcenschonend
Kopfstein ist unkaputtbar. Asphalt muss in regelmäßigen Abständen CO₂-intensiv erneuert werden. Pflaster kann punktuell korrigiert werden, bei Asphalt ist das schwierig und hält nicht lange. Kopfstein ist Naturstein – Asphalt eine Mischung aus Sand, Kies, Splitt und Bitumen, einem Erdölprodukt. Bei der Heißverarbeitung von Bitumen, aber auch aus aufgeheizten Asphaltflächen im Sommer entweichen umwelt- und gesundheitsschädliche Dämpfe, Aerosole und Feinstaub. Die Festsetzung der Belastungsgrenzwerte für die Straßenarbeiter ist ein Politikum. Sowohl Erdöl als auch Sand sind problematische Ressourcen.
Unverfugtes Pflaster heizt sich zudem weniger auf als Asphalt. Flächen zu asphaltieren, um sie im Sommer zur Kühlung mit kostbarem Wasser abzuspritzen, hört sich nicht besonders klug an. Beim Kopfsteinpflaster ist die Klimaanlage über die Verdunstung durch die Fugen bereits eingebaut. Die Asphaltierung einer bislang kopfsteingepflasterten Straße macht selbstverständlich auch den Straßenbäumen zu schaffen, die an die Regenwasserzufuhr durch die Fugen gewöhnt waren. Außerdem wirkt Pflaster entschleunigend, während Asphalt zum Schnellfahren einlädt.
Neue Methode zum Abfräsen
Warum tun wir uns in den ohnehin belasteten Städten also auch noch den Asphalt an? Für das Problem, dass Kopfsteinpflaster für Fahrräder teilweise zu bucklig ist und Kopfstein rutschiger als Asphalt, ist seit 2025 eine Lösung in Sicht: An der Technischen Hochschule Wildau bei Berlin wurde eine neue Methode des „geriefelten Abfräsens“ entwickelt, die weniger aufwendig und weniger CO₂-intensiv ist als der Austausch durch Asphalt, aber auch als frühere Methoden wie das „Sägen“ von Pflaster. Es zeichnet sich ab, dass die Methode zumindest mittelfristig auch kostengünstiger ist, von den ökologischen Kosten des Asphaltierens ganz abgesehen.
Auf einem kleinen Teilstück des Radfernwegs Berlin-Leipzig am Priesterweg in Schöneberg sowie in der Lynarstraße am Sparrplatz in Wedding und in der Hufelandstraße in Prenzlauer Berg sind schon die ersten „gerillt gefrästen“ Pflasterabschnitte zu bewundern. Messergebnissen und ersten Erfahrungswerten aus der Hufelandstraße zufolge hat sich nicht nur die Rutschfestigkeit verbessert, auch die Lautstärke der bisher übers Pflaster rumpelnden Kraftfahrzeuge hat abgenommen. Bleibt zu hoffen, dass das griffigere Pflaster die Autos nicht zum schnelleren Fahren ermutigt und die erhalten gebliebene Pflasteroptik weiterhin entschleunigend wirkt.
Erhellende Antworten des Senats
Die Antworten der Berliner Senatsumweltverwaltung auf zwei Parlaments-Anfragen zum „Schwund des Kopfsteinpflasters“, eingereicht von den Abgeordneten Michael Efler und Franziska Leschewitz im Juli 2025 (19/23432) und Februar 2026 (19/25152), haben die bisherigen Abläufe beim Austausch von Kopfstein durch Asphalt in den zwölf Berliner Bezirken deutlich erhellt.
So hat kein Bezirksamt bei der Entscheidung bisher die untere Boden- und Wasserschutzbehörde beteiligt – „mangels Betroffenheit“, wie das Bezirksamt Spandau erklärt. Laut der oberen Wasserschutzbehörde und der Regenwasseragentur des Landes Berlin ist eine Pflasterfläche einer Asphaltfläche in Bezug auf den Wasserhaushalt jedoch vorzuziehen. Untersuchungen des Fachgebiets Bodenkunde der TU Berlin haben außerdem ergeben, dass „Pflasterfugen neben der generellen mechanischen Filterleistung hohe mikrobielle Aktivitäten aufweisen und so organische Schadstoffe im Sickerwasser effektiv zurückhalten können“.
Auf die Möglichkeit, die kostbaren Steine unter dem Asphalt zu bewahren, weist nur der Bezirk Pankow hin. Die Mehrzahl der Bezirke überlässt sie mangels Lagerkapazität „zur freien Verwendung“ der beauftragten Straßenbaufirma.
Und während mehrere bezirkliche Denkmalämter sehr engagiert für den Schutz plädieren, kann sich das hierfür zuständige Landesdenkmalamt für das Pflaster in seiner Schlichtheit nicht begeistern und weist jede Handlungsmöglichkeit von sich. Dass andere Landesdenkmalämter mehr fürs Kopfsteinpflaster tun, darf vermutet werden. Denn ohne den „Gegendruck“ vom Denkmalschutz wäre die rettende neue Abfrästechnik aus Wildau sicher nicht entwickelt worden.
Der stolze Beruf des Pflasterers hat also vielleicht noch nicht ausgedient. Abseits von Schwerlastverkehr und stark befahrenen Hauptstraßen ist das unverfugte Kopfsteinpflaster voll auf der Höhe der Zeit und Träger gesunder Lebensbedingungen. Lassen wir nicht zu, dass es aus den Städten verschwindet!
Die Autorin ist im Berliner Netzwerk für Grünzüge aktiv und hat die gemeinsame Kampagne „Natur statt Asphalt – entsiegelt Berlin!“ mit den Naturfreunden Berlin und dem FUSS e.V. initiiert.
