Selten waren die Abhängigkeiten und internationalen Verstrickungen unserer Energieversorgung so sichtbar wie gerade jetzt. Gleichzeitig ist eine frühere Erdgas-Lobbyistin deutsche Wirtschaftsministerin und will 20 neue Gaskraftwerke bauen – obwohl Expert*innen vor den ökologischen und sozialen Folgen warnen.

Denn Erdgas hat keine Zukunft. Speziell Flüssigerdgas (LNG) ist, über den gesamten Herstellungsprozess betrachtet, bis zu einem Drittel klimaschädlicher als Kohle. Es gehört schon jetzt zu den teuersten Energieträgern, vor allem im Vergleich zu erneuerbaren Energien.

Öl- und Gasverkauf füllt Kriegskassen 

Wie die Kosten fossiler Energie explodieren können, sehen wir bereits. Mieter*innen ächzen unter immer höheren Abrechnungen für Strom und Heizung, wer aufs Auto angewiesen ist, lässt viel Geld an der Tankstelle, und auch im Supermarkt steigen die Preise. Zugleich machen einige wenige Konzerne Milliardenprofite.

Diese Erfahrungen sind Ausdruck eines globalen Systems von Macht und Gewalt, das sich entlang fossiler Energieträger organisiert. Staaten sichern ihre Interessen durch militärische Allianzen, Handelsabkommen und Schuldenregime ab. Der Verkauf von Öl und Gas füllt zugleich Kriegskassen von Russland bis zu den USA. Zuletzt haben die Angriffe auf Venezuela und den Iran deutlich gemacht, wie fossile Energieträger zum Kriegsgegenstand werden, ganze Regionen destabilisieren und sie zum Spielball imperialer Bestrebungen machen. Dass Militarisierung und fossile Energie weltweit wieder an Bedeutung gewinnen, erweist sich immer klarer als zwei Seiten derselben Medaille.

Gegen die Eskalationsspirale

Auch in den Förderregionen wird sichtbar, wer vom Gasausbau profitiert und auf wessen Kosten er stattfindet. Aktuell plant der staatliche deutsche Konzern SEFE gemeinsam mit Argentiniens rechtsradikalem Präsidenten Javier Milei, in Vaca Muerta auf indigenen Territorien Fracking-Gas zu fördern und als Flüssigerdgas nach Europa zu verschiffen. Hier zeigt sich, wie der deutsche Gas-Boom zu Landraub, Vertreibung und der Zerstörung ganzer Ökosysteme und indigenen Landes führt.

Gegen die Eskalationsspirale aus fossiler Energie und Gewalt regt sich weltweit Widerstand. Schwarze Communitys im Süden der USA kämpfen gegen Fracking und die damit verbundenen Gesundheitsgefahren. In Kuba formiert sich regenerativer Widerstand gegen die vernichtende Energieblockade durch die USA und die drohende Militärintervention. Im argentinischen Vaca Muerta wehren sich indigene Mapuche-Gemeinschaften seit Jahren mit Basisorganisierung, Blockaden und Besetzungen gegen Landraub.

Ende Gelände dem Gasausbau

Diese Kämpfe gehen dabei weit über die jeweiligen Regionen hinaus. Sie machen deutlich, dass der Neubau von Gaskraftwerken in Deutschland eine Entscheidung dafür ist, weiter auf einen Treibstoff von Neokolonialismus, Krieg und Klimakatastrophe zu setzen. In der letzten Mai-Woche will sich ein breites Bündnis mit einem Protest- und Bildungscamp und einer Massenaktion diesen Plänen in den Weg stellen. Im Ruhrgebiet, wo besonders viele neue Gaskraftwerke entstehen sollen, soll unter dem Motto „Ende Gelände“ gezeigt werden, dass eine Welt jenseits des fossilen Kapitalismus möglich ist.


Leserbrief

Das Editorial von Tomke Jansen in der April- und Mai-Ausgabe fand ich, mit Verlaub, ziemlich daneben. Jansen schreibt unter anderem: „Zuletzt haben die Angriffe auf Venezuela und den Iran deutlich gemacht, wie fossile Energieträger zum Kriegsgegenstand werden, ganze Regionen destabilisieren und sie zum Spielball imperialer Bestrebungen machen“. Das ist, was den Iran betrifft, allenfalls der kleinere Teil der Wahrheit. Wenn einer die Region Nahost seit Jahren destabilisiert hat, dann die Mullah-Diktatur in Teheran, die Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah und Huthis unterhält und versucht, sich Atomwaffen zu beschaffen mit dem erklärten Ziel, Israel zu vernichten. Nicht zu reden vom Mord an tausenden eigener Bürger, die im Januar friedlich demonstriert haben. Der Satz „In Kuba formiert sich regenerativer Widerstand gegen die vernichtende Energieblockade durch die USA und die drohende Militärintervention“ ist von ähnlicher Qualität. Er unterschlägt, dass das Regime in Havanna seine Bürgerinnen und Bürger seit Jahrzehnten unterdrückt und in Armut treibt. Ebenso übrigens wie die Maduro-Regierung in Venezuela. Es hilft dem Umweltschutz nicht, wenn man nur auf den (westlichen) Imperialismus einprügelt und das (immer auch umwelt- und menschenfeindliche) Treiben von Diktaturen verschweigt. Auch als Kapitalismuskritiker sollte man sich nicht mit den Falschen verbünden. 

Werner Kolhoff

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel ist ein Namensbeitrag und nicht das Editorial. Das Editorial steht, als solches gekennzeichnet, auf derselben Seite der gedruckten Ausgabe.