Ein Mantel, von dem wir täglich hundert nähen, kostet in Deutschland 120 Euro. Das ist mehr, als ich im Monat verdiene. Das hat mich sehr überrascht. Wer bekommt das ganze Geld?

Mim Akter, Näherin

Dieses Zitat einer Näherin aus Bangladesch bringt die Realität der globalen Modeindustrie auf den Punkt. Lange Arbeitstage im Akkord, oft sechs Tage die Woche – und doch reicht der Monatslohn kaum zum Leben. Diese Erfahrung machen Näherinnen in Bangladesch und anderen Ländern Asiens, aber auch in Südost- und Osteuropa schuften Textilarbeiterinnen für ein Modesystem, das sozial wie ökologisch katastrophale Folgen hat.

Genau hier setzt das achte der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele an, das SDG 8 (menschenwürdige Arbeit): Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu sicherer, fair bezahlter Arbeit haben. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Über die Hälfte aller Erwerbstätigen arbeitet ohne sozialen Schutz, und fundamentale Rechte wie die Gewerkschaftsfreiheit werden weltweit zunehmend eingeschränkt.

Auch bei SDG 12 (nachhaltige Produktion und Konsum) sieht es mit der Umsetzung schlecht aus. Ressourcenverbrauch und Abfallmengen steigen, ein Kleidungsstück wird im Schnitt nur sieben- bis zehnmal getragen, bevor es im Müll landet. Jährlich entstehen weltweit über 120 Millionen Tonnen Textilmüll. In Ländern wie Ghana türmen sich importierte Altkleider zu riesigen Halden und werden zur Umweltkatastrophe. Chemikalien verseuchen Böden und Gewässer. Die Modeindustrie verursacht weltweit acht bis zehn Prozent der globalen CO₂-Emissionen.

Ultra Fast Fashion

Zwar wächst im globalen Norden das Bewusstsein für diese Missstände, doch gleichzeitig verschärfen neue Geschäftsmodelle wie „Ultra Fast Fashion“ die Probleme. Plattformen wie Shein oder Temu bringen täglich tausende neue Styles auf den Markt, vom Design bis zur Lieferung vergehen oft weniger als sieben Tage. Auch andere Marken wechseln ihre Kollektionen immer schneller. Die minderwertige Kleidung landet nach wenigen Nutzungen im Müll – oder wird ungetragen vernichtet.

Demonstration mit einem großen Front-Transparent, auch auf Englisch: Soziale Gerechtigkeit und anständige Arbeit für alle Arbeiterinnen und Arbeiter.

Protest am 1. Mai 2024 in Chittagong, einem Zentrum der Textilindustrie Bangladeschs.

Foto: Bangladesh Center for Workers’ Solidarity

So verstärkt das System sowohl die Klimakrise als auch globale Ungleichheit und Menschenrechtsverletzungen. Das Modell der Wegwerfkleidung geht mit Einkaufspraktiken einher, die auf exzessiven Überstunden und Hungerlöhnen beruhen. Von den weltweit rund 75 Millionen Beschäftigten in der Branche erhalten weniger als zwei Prozent einen Lohn, der zum Leben reicht.

Auch in Europa sind Textilarbeiterinnen von Armutslöhnen betroffen. In Bulgarien oder Serbien verdienen sie oft nur ein Viertel dessen, was sie zum Leben brauchen.

Dramatisch ist die Erosion der Gewerkschaftsfreiheit seit 2015. Das zeigt der jüngste Fortschrittsbericht zu SDG 8: Beschäftigte, die sich organisieren wollen, riskieren Entlassung oder Repression. Solange Arbeiter*innen keine unabhängigen Gewerkschaften bilden dürfen, bleiben Verbesserungen bei Löhnen und Arbeitsbedingungen illusorisch.

Fortschritt oder Rückschritt?

Klar ist: Es muss sich etwas ändern, denn die Auswirkungen des derzeitigen Modesystems sind katastrophal. Zugleich hat sich gezeigt, dass freiwillige Initiativen nicht ausreichen – es braucht verbindliche Gesetze. Das deutsche Lieferkettengesetz und die EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD waren richtige Schritte hin zu mehr Unternehmensverantwortung.

Doch kaum eingeführt, stehen sie im Kreuzfeuer profitgetriebener Lobbyinteressen. Die Regierung Merz will unter dem Deckmantel des „Bürokratieabbaus“ Berichtspflichten und Sanktionen des Lieferkettengesetzes abschwächen. Auf EU-Ebene droht die sogenannte Omnibus-Reform zentrale Mechanismen zur Durchsetzung von Arbeits- und Menschenrechten auszuhebeln.

Was wir jedoch brauchen, ist eine Transformation des Modesystems. Drei Punkte sind dabei zentral. Erstens Vereinigungsfreiheit, denn Arbeiterinnen müssen sich ohne Angst vor Repression organisieren, für ihre Anliegen streiten und verhandeln können. Zweitens braucht es existenzsichernde Löhne – weltweit. Marken müssen ihre Einkaufspraktiken anpassen und Preise zahlen, die solche Löhne ermöglichen. Drittens muss der Wandel als „Just Transition“ erfolgen, als gerechter Übergang, denn Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit müssen Hand in Hand gehen.

Informieren und aktiv werden

Statt die rechtlichen Rahmenbedingungen für Umwelt- und Menschenrechte in den Lieferketten aufzuweichen, müssen diese Rechte gestärkt werden. Die deutsche Regierung und die EU senden derzeit das falsche Signal: Statt den UN-Zielen näherzukommen, entfernen wir uns wieder von ihnen. Darum braucht es Druck, um Unternehmen und politischen Entscheider*innen klarzumachen: Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Modeindustrie schaffen wollen.

Mehr Infos:
saubere-kleidung.de 
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manifesto.cleanclothes.org

Darum werde jetzt aktiv für einen Wandel in der globalen Bekleidungsindustrie: Abonniere den Newsletter auf der Website der Kampagne für Saubere Kleidung oder informiere dich auf Instagram. Schreib mit am Mode-Manifest für einen gerechten Wandel in der Modeindustrie. Komm zum monatlichen Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. der Berliner Aktionsgruppe. Gemeinsam können wir etwas bewegen.

Der Autor ist Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. für Fallarbeit bei der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign, CCC).