Seit Generationen rätseln Leser und Literaturwissenschaftler darüber, wofür der namensgebende Wal in Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ stehen könnte. Ist er ein Symbol für das Schicksal? Für Gott? Für die menschliche Hybris? Noch nicht einmal Kapitän Ahab scheint das so recht zu wissen, obwohl er ihm besessen hinterherjagt und mit ihm untergeht. Und wofür steht der ganz reale Wal, der aktuell an der Ostseeküste und in allen Medien gestrandet ist?

Fiebertraum Walrettung

Die ganze Geschichte um den von Sandbank zu Sandbank irrenden Buckelwal, den einige „Timmy“ und andere „Hope“ nennen, muss hier nicht noch einmal erzählt werden. Nach aktuellem Stand hat sie noch kein Ende gefunden – weder ein gutes noch ein schlechtes.

Schweigen wir auch über die allzu menschlichen Protagonisten dieser Geschichte. Schweigen wir über den Youtube-Meeresbiologen, der mit dem Selfiestick anreiste, um den Wal nach Hause zu „guiden“, sich irgendwann beleidigt zurückzog, weil man ihm Selbstdarstellung vorgeworfen hatte, und sich kurz darauf mit einem millionenfach geklickten Abrechnungsvideo zurückmeldete, das mit einem eingeblendeten Zitat von ihm selbst beginnt (ab da hat der Autor nicht mehr weitergeguckt).

Schweigen wir von der privaten Rettungsinitiative, die – allen Expertenwarnungen zum Trotz – unter der Ägide eines mit Elektroramsch reich gewordenen Millionärs ins Leben gerufen wurde und aktuell von einem gesichtstätowierten Ex-Hells-Angel mit Nazi-Nähe und einem peruanischen Delfintraumgeschichtenautor angeführt wird (alles kein Witz).

Schweigen wir auch von dem Umweltminister, der das ganze Walgezerre duldet, weil er die Wut des aufgebrachten Mobs fürchtet, der sich regelmäßig, Fischbrötchen essend und demonstrierend, am Strand oder unter einer Flut an KI-generierten Liedern und Videos im Internet versammelt, um auf das System zu schimpfen und den geschassten Youtube-Meeresbiologen zum Propheten Jona zu erklären.

Das Ganze ist, wie die Jugend sagt, ein Fiebertraum.

Das namensgebende Tier

Jetzt kann man natürlich einfach mit der Moralharpune kommen. Natürlich ist es bemerkenswert, dass das Schicksal eines einzelnen Wals mehr Menschen bewegt als die ertrinkenden Artgenossen im Mittelmeer, die täglichen Opfer der Fleischindustrie oder auch nur die achtlos mit der Zeitung erschlagene Stubenfliege. Wer aber so argumentiert, übersieht, dass wir Erstere nicht mit Namen kennen und Letzteren selten einen Namen geben. Und darauf kommt es an.

Der Mensch ist ein namensgebendes Tier. Sobald er einem Mitgeschöpf einen Namen gegeben hat, tritt es aus dem anonymen Kreislauf von Leben und Tod heraus und wird als Individuum sichtbar. Man kennt das etwa von den glücklichen Schweinen, die es hier und da einmal schaffen, aus einem Tiertransporter abzuhauen. Die Presse berichtet darüber, das sympathisierende Volk gibt dem Flüchtling einen Namen, und schon kommt „Rosi“ oder „Piggy“ auf einen Gnadenhof. Derweil werden seine namenlosen Geschwister geräuschlos ihrem Bratwurstschicksal zugeführt und landen fatalistisch brutzelnd auf einem Grill, der mit jener Zeitung angezündet wird, in der der Bericht über das Schicksal von „Rosi“ oder „Piggy“ steht, an dem die hungrige Leserschaft rührenden Anteil genommen hat.

Doch zurück zum Wal. Wale sind selbstredend viel erhabener als Schweine, und weil sie dazu noch groß sind, eignen sie sich wunderbar als Projektionsfläche für alles Mögliche. Kein Wunder also, dass ein gestrandeter Wal Heerscharen an selbsternannten Schamanen, Systemkritikern und Tierfreunden anlockt, die ihn lieber „Hope“ als „Timmy“ nennen.

Vom Wal erleuchtet

Echte Ökos finden das natürlich albern und inkonsequent. Echte Ökos sagen, dass man einem Wal nicht mit Namen und KI-Videos hilft, sondern indem man seinen gesamten Lebensraum konsequent schützt, etwa durch den Boykott von Fischerei mit Stellnetzen oder den Verzicht auf Plastik. Natürlich darf man vom Menschen fordern, konsequent zu sein. Aber zu viel Konsequenz ist unmenschlich und würde, konsequent zu Ende gedacht, zum Selbstmord führen. Zu wenig ökologische Konsequenz führt leider auch zum Selbstmord, aber der ist dann nicht freiwillig. Das ist das Dilemma der Ökologie.

Unser Verhältnis zu Walen war mal anders, entspannter, eher funktional. Erinnern wir uns nur daran, dass auch in Berlin im 19. Jahrhundert die Straßenlaternen mit Walöl betrieben wurden. Damals befüllte die militärisch organisierte „Erleuchtungs-Invaliden-Kompanie“ die allabendlichen Lichtquellen mit dem Tran der Meeressäuger.

Was Wale betrifft, waren wir wahrscheinlich nur in jenen Momenten mit der Natur in einem relativ gerechten Einklang, als wir ihnen mit einfachen Booten nachjagten und für jedes erlegte Tier auch mal ein paar nicht heimkehrende Walfänger hinnehmen mussten. Aber dahin wollen und können wir nicht zurück.

Der Wal bin ich

Trotzdem kann man sich fragen, ob ein Teil der Menschen, die sich nun öffentlichkeitswirksam um das Schicksal des einen Wals sorgen, auch ihre Oma aus dem Hospiz jagen würde, damit sie für ein Tiktok-Video ein paar Runden auf dem Skateboard fährt. Vielleicht sagt das komödienhafte Drama um „Timmy“ vor allem etwas über unser gestörtes Verhältnis zu Sterben und Tod aus. Beide verbannen wir gerne in anonyme Altenheime und hermetisch abgeriegelte Schlachtfabriken. Öffentlich dürfen sie nicht stattfinden; das halten wir nicht aus. Dabei ist der Tod die Voraussetzung für alles Leben (und umgekehrt). Wer das nicht einsieht, ist narzisstisch und egozentrisch.

Aber Narzissmus und Egozentrik sind ebenfalls menschlich. Beides gibt es sogar auch bei konsequenten Ökos, sogar beim Raben Ralf. In den wütenden Leserbriefen, die uns manchmal erreichen, werfen sich gerne mal radikale Veganer und renitente Weidetierhalter Ich-Zentriertheit vor, wobei sich beide Seiten ausgiebig des Personalpronomens der 1. Person Singular bedienen.

Auch wir haben manchmal den Eindruck, dass ausgerechnet jene, die stets predigen, „dass sich der Mensch wieder bescheiden in die Natur eingliedern soll“, unter narzisstischen Kränkungen leiden. Um Argumente geht es selten; die Gegenseite soll eher zum Schweigen gebracht werden, als dass man sie überzeugt. Der Rabe, der eigentlich nur das Medium der Debatte sein will, wird dann von beiden Seiten als das Propagandainstrument der jeweils anderen gebrandmarkt.

Aber wir sind schon wieder vom Kurs abgekommen. Kehren wir ein letztes Mal zum Wal und zu unserer Eingangsfrage zurück. Wofür steht Timmy? Was ist seine Botschaft? Im Fall von „Moby Dick“ sind einige Literaturwissenschaftler mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass der Wal für gar nichts steht – allenfalls für sich selbst. Aber so eine These ist natürlich schwer auszuhalten, schließlich hat das Tier einen Namen.


Walupdate: Timmy ist frei!

Es ist ein Wunder. Die Geschichte um den Wal „Timmy“, den andere „Hope“ nennen, hat ein gutes Ende genommen. Ein unerwartetes, ein unvorhersehbares Ende. Ein poetisches Ende. Das bestmögliche Ende.

Nachdem der wahrscheinlich sterbenskranke Buckelwal unter der sentimentalen Anteilnahme eines Umweltministers und Tausender Livestreamzuschauer auf eine Barge gebracht und Richtung Nordsee verfrachtet wurde, konnte er unter bisher ungeklärten Umständen etwa 70 Kilometer nördlich von Dänemark das Schiff verlassen.

Obwohl Timmy seit seiner ersten Strandung rund um die Uhr dem Kameralicht ausgesetzt war, gibt es ausgerechnet von seiner Befreiung kein eindeutiges Videomaterial. Der Peilsender, der ihm verpasst wurde, gibt kein GPS-Signal. Timmy, den andere Hope nennen, ist wirklich frei. Und das Beste: Seine Befreier haben nichts davon.

Die private, jetzt endgültig zerstrittene „Rettungsinitiative“ hat keinerlei Kapital aus der Sache schlagen können. Weder konnte der Elektroramschfinanzier sein Image aufwerten, noch konnte der gesichtstätowierte Ex-Hells-Angel mit Nazinähe vorführen, dass nur er und seinesgleichen den Wal und Deutschland retten können.

Alle selbsternannten Schamanen, Tierschützer und Systemkritiker bleiben ratlos am Strand zurück, kauen (im besten Fall nachdenklich) auf ihren Fischbrötchen und müssen sich nun wieder dem inneren Kampfhund widmen.

Und der Wal? Er ist und bleibt verschwunden. Wie wunderbar ist das? Wie wunderbar ist es, dass die Natur noch groß, erhaben und unbekannt genug ist, dass man in ihr einfach verschwinden kann? Beten wir zu allen Meeres- und Technikgöttern, dass der Peilsender nie ein Signal geben wird.

Feier des Lebens

Einige Wissenschaftler vermuten, dass Timmy bereits tot ist. Auch das wäre kein Grund zur Trauer, denn ein in Freiheit gestorbener Wal führt zu einem der faszinierendsten Naturphänomene: dem Walsturz.

Wenn der Körper eines toten Wals auf den Meeresboden absinkt, wird er dort zu einer eigenen Tiefsee-Welt. Zuerst fressen Haie und andere Aasfresser tonnenweise Fleisch vom Kadaver, danach ernähren sich Würmer, Muscheln und Bakterien über Jahre hinweg von den öl- und nährstoffreichen Knochen. So entsteht in der dunklen, kamerafreien Tiefsee für Jahrzehnte ein ganzes Ökosystem voller Leben.

Der Tod eines Wals ist, wie der Biologe Bernd Heinrich sagt, „eine Feier des Lebens“.

Timmys potenzieller Tod wäre auch für uns namensgebende Tiere ein wahres Fest. Wir könnten uns nun richtig austoben und abertausende Namen vergeben. Wie wäre es etwa mit dem Schleimaal „Uwe“, der Tiefseemuschel „Gisela“ und den Bartwürmern „Fiete“, „Sönke“ und „Hinnerk“?

Egal, was aus unserem Wal geworden ist, das Ende seiner Geschichte ist nichts weniger als ein Wunder! Dieses Ende hat die Grenzen unserer zum Glück noch begrenzten Vorstellungskraft gesprengt. Der Wal ist allen Geschichten entkommen, die wir ihm aufzwingen wollten. Auch der Verfasser ist jetzt versucht zu sagen: „Danke, Timmy. Du hast mir Hoffnung gegeben.“