Das Golden Ginkgo ist ein veganes japanisches Restaurant an der Schlesischen, Ecke Cuvrystraße in Berlin-Kreuzberg. Sarah und ich sind hier zum Mittagessen verabredet. Ich bin etwas zeitiger da und schaue mich um.
Im geräumigen Restaurant prunkt ein großer Ginkgobaum, seine Äste reichen bis zur Decke. Seine gelben Plastikblätter lassen den Raum goldgelb erstrahlen. Hinten schließt sich ein kleinerer Raum an, ein magentafarbener Magnolienbaum und einige farbenfrohe asiatische Wandbilder schmücken Decke und Wand.
Draußen sitzt man an derben, dunkelbraunen Holztischen direkt neben dem bunten Treiben der zu jeder Tages- und Nachtzeit gut besuchten Schlesischen Straße. Auf der anderen Straßenseite ist der Club Lido, der mittlerweile zu einem historischen Ort der Berliner Clubszene geworden ist.
Wer es etwas ruhiger mag, findet um die Ecke in der Cuvrystraße weitere Tische, getrennt durch kleine Pflanzkübel mit japanischen Ahornbäumchen. Wir wählen einen Tisch im Grünen.
Reisen
Eigentlich wollte mir Sarah heute das Ausbildungsrestaurant „Muskat“ in der Muskauer Straße zeigen, dort gibt es unter der Woche einen internationalen Mittagstisch zu moderaten Preisen. Die Gerichte werden von den Auszubildenden hergestellt. Das Muskat hat allerdings in den Ferien geschlossen.
Deshalb sind wir spontan hier gelandet – im erstbesten Touristenrestaurant, dank Google Maps, erklärt mir Sarah. Und ob das „Golden Ginkgo“ eine gute Wahl ist, das werden wir jetzt rausfinden, fügt sie lachend hinzu. – Ich muss auch lachen. Die Schlesische Straße ist in den letzten Jahren zum absoluten Touri-Hotspot geworden. Hätte mich jemand gefragt, wo man in Berlin gut essen gehen kann – die „Schlesi“ wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen. Touristenabzocke, hätte ich wahrscheinlich gedacht und die Idee schnell verworfen.
Sarah erzählt: Sie mag japanisches Essen, und sie reist sehr viel. Die meisten Reisen unternimmt sie allein. Oft sind das lange Fahrradtouren, Tauchurlaube oder sie geht zu Fuß. Letztes Jahr ist sie einige Wochen von Berlin bis zum Schwarzen Meer mit dem Rad gefahren. Ihr Freund hat sie ein kleines Stück begleitet, sie haben im Wald übernachtet. Wenn sie allein reist, übernachtet sie gern in kleinen Pensionen. Was für sie gar nicht geht, ist Airbnb.
Allein sein
Sarah ist Buchautorin, ihr letztes Buch heißt „Die Freiheit, allein zu sein – eine Ermutigung“. „Alleinsein ist nicht nur die Abwesenheit von etwas oder jemand anderem, sondern die Anwesenheit meiner ungestörten Wahrnehmung, die mich mit der Welt verbindet“, schreibt sie dort. Beim Reisen mag sie das Touristenflair, und wenn sie wieder nach Berlin zurückkommt, hat sie Lust, Berlin als Touristin zu erleben. Das Spektakel mit dem touristischen Blick sehen und Bekanntes neu entdecken.
Sushi
Bevor wir weiterreden, widmen wir uns der umfangreichen Getränke- und Speisekarte. Von der Mittagskarte wird vegane Ente mit gedämpftem Gemüse und Reis ausgewählt, dazu ein Sushi-Mittagsmenü mit veganen Sushirollen. Unter der Rubrik „Water“ sind unfassbar viele alkoholfreie Cocktails zu finden, wir bestellen einen Yuzu-Fuji-Spritz und Wasser. Yuzu ist ein fermentiertes Getränk, das Sarah von einer Koreareise kennt. Sie kostet, verzieht kurz das Gesicht, es ist sehr sauer, schmeckt erfrischend und wird für gut befunden.
Sarah erzählt mir von den Frauen von der Küste in Busan in Korea. Sie tauchen ohne Geräte nach Abalonen, Meeresschnecken aus der Familie der Seeohren mit auffälligen, oft schillernden, muschelförmigen Gehäusen. Die Frauen von Busan sind Berufstaucherinnen. Ihre unglaublich harte Arbeit wird oft romantisiert und ist eine Touristenattraktion.
Unser Essen kommt. Die Ente ist optisch und geschmacklich sehr gelungen, die Soße vortrefflich, das Gemüse knackig, und auch beim veganen Sushi vergessen wir, dass wir gerade keinen Lachs essen. Diese Lachssushi sind außen mit Crunch. Das Auge isst ja bekanntlich mit, und die Optik der Gerichte ist einfach perfekt. Das ganze Essen ist ein Highlight: 10 von 10.
Ist Sarah Veganerin? Sie sagt, sie verwendet beim Kochen gerne Tofu, Seitan und Tempeh. Wenn sie kocht, würfelt sie gern was zusammen, aber nicht nach Rezept. Fleisch mag sie auch. Massentierhaltung nicht. Sie würde sich als „Typ Allesfresserin“ bezeichnen – so wie Haie eben.
Haie
Mit Haien kennt sich Sarah nicht nur theoretisch aus. Da sie viel taucht, war es für sie klar, dass sie dabei auch Haie treffen würde. Deshalb hat sie gelernt, mit Haien zu tauchen – also nicht im Stahlkäfig, wo der eigentlich ziemlich scheue Weiße Hai mit viel Blut und Köderfleisch angelockt wird. Auch nicht für Insta-Selfies mit Hai, was auch schon mal zu Missverständnissen zwischen Hai und Taucher:in und dadurch zu unschönen Tauchverletzungen führen kann.
Bei den Tauchgängen, die sie macht, geht es darum, zu lernen, wie man sich verhält, wenn man einen Hai trifft. Tatsächlich sind nur sechs von den 300 Haiarten für Menschen gefährlich. Haie greifen eher Schwimmer:innen als Taucher:innen an. Mit Haien zu tauchen ist für Sarah vergleichbar mit: die Straßenverkehrsordnung lernen. Ich finde, das macht Sinn.
Ende dieses Jahres kommt ihr nächstes Buch raus: „Was ich unter Wasser lernte“. Sarah muss weiter, wir zahlen und verabschieden uns. Bei mir ist mittlerweile der Touri-Modus angesprungen – für den Rest des Tages lasse ich ihn getrost weiterlaufen – umsonst und gratis.


