Mit den 2015 von allen UN-Staaten beschlossenen Nachhaltigkeitszielen, den „SDGs“, soll die Welt ökologischer und fairer werden, und hier schreiben wir darüber. Vier Ausgaben mit Sonderseiten zu neun der 17 Ziele, zwei Runde Tische und viele Gespräche bei Veranstaltungen liegen hinter uns, wir haben Halbzeit. Jedenfalls in unserem Projekt – die UN-Ziele haben nicht mal mehr ein Drittel der eingeplanten Zeit. Und wie wir gesehen und mit euch diskutiert haben: Es steht nicht gut um sie. Zu viele Konflikte und unterschiedliche Ansichten gibt es darüber, welche Ziele Vorrang haben und wie sie erreicht werden sollen.
Zwischenbilanz und Ausblick
Und seit einem Jahr werden die Nachrichten von den SDGs noch düsterer. Im März 2025 sagten sich die USA als einziges Land lautstark von den Zielen los und lehnen sie nun offiziell ab. In früheren US-Regierungen gab es noch Menschen, die erkannten: Ohne einen gesunden Planeten und eine gerechtere Welt stehen auch die USA am Abgrund. So gestaltete zum Beispiel die Obama-Regierung die SDGs mit und unterzeichnete sie.
Dabei galt für die USA schon immer „America First“. Aufsteigende Staaten wie China sollten mit den SDGs gebunden und gebremst werden. Zudem behielten sich die USA stets vor, die UN-Ziele abzulehnen, sollten sie zu etwas führen, was auch nur im Ansatz den eigenen Interessen schadet. Dazu konnten sie ein Hintertürchen einbauen – auch, weil eine starke, vereinte Gegenposition der anderen westlichen Industriestaaten ausblieb.
Jetzt erst recht
Manche mögen denken, die SDGs bringen eh nichts und könnten mir sogar schaden – aber die UN-Ziele sind wichtig! Unsere Lage als Weltgemeinschaft wird immer kritischer, und zum Glück gibt es viele Menschen und Länder, die das auch so klar sehen – auch wenn sie oft im globalen Süden zu finden sind, wo die Erfolge und Misserfolge besonders spürbar werden.
Joyce aus Sambia, die wir in der August-Ausgabe 2025 interviewt haben, erzählte uns auch, dass die SDGs sogar Teil der Schulbildung sind. Kinder und Jugendliche in Sambia wissen also gut Bescheid. Sie setzen sich für die Ziele ein, denn sie wissen, dass die direkten Folgen der Umwelt- und Ressourcenkrise wahrscheinlich zuerst bei ihnen zu spüren sind. Der Klimawandel zum Beispiel, oder ausbleibende Gelder aus dem Norden, die eigentlich beim Erreichen und Durchsetzen einiger Ziele helfen sollten.
Doreen aus Kenia berichtete in der Oktober-Ausgabe von den Aktivitäten ihrer Regierung, die den sozialen Städtebau fördert und in zukunftssichernde Ausbildung für die jungen Kenianer*innen investiert. Die Clean Clothes Campaign engagiert sich im globalen Süden, aber auch bei uns im Norden für nachhaltigeren Konsum und faire Bezahlung in der Bekleidungsindustrie.
Beim ersten runden Tisch lernten wir, dass die „Klobalisierung“ zwar voranschreitet, aber zu langsam. Interessant war dabei der Austausch mit einer jungen Sambierin. Ihr Zugang zu sicheren und sauberen Sanitäranlagen hing ganz von der Schule ab, die sie besuchte. Eine andere Teilnehmerin brachte das Problem auf einen ganz konkreten Punkt: Der Kapitalismus ist schuld. Natürlich ist die Welt komplexer, und ein Wirtschaftssystem lässt sich nicht einfach so ändern, ganz von der Hand zu weisen ist dieser Punkt aber nicht.
Money, money, money ...
... it’s a rich man’s world? Geld ist sowohl Segen als auch Fluch – es ist notwendig, um die 17 Ziele zu erreichen, und gleichzeitig ist das zugrundeliegende System, der Kapitalismus, vielleicht auch die Wurzel allen Übels. Natürlich muss man differenzieren. Kapitalismus war durchaus förderlich bei der Demokratisierung vieler Staaten. Allerdings war dies ein eher klassischer Kapitalismus von Angebot und Nachfrage mit Gewerkschaften und Wettbewerb. Ein viel größeres Problem ist der Finanzkapitalismus, der von der Gier einiger weniger nach immer höheren Gewinnen angetrieben wird und dessen Finanzprodukte nicht mehr mit realen Gegenwerten untermauert sind. Gleichzeitig sind Menschen in diesen Kreisen so losgelöst vom Rest der Welt, dass ihnen Empathie und Verständnis dafür fehlen.
Nachweislich treten psychopathische, narzisstische und machiavellistische Persönlichkeitsmerkmale bei Machtmenschen häufiger auf, vielleicht sind sie sogar eine Voraussetzung, um so weit zu kommen. Was wir in der realen Welt beobachten, bezeichnen Forscher*innen als „Ressourcendilemma“: Wenn sich Testpersonen zwischen einer egoistischen und einer kooperativen Möglichkeit entscheiden müssen, wählen gierige Menschen das, was zu ihrem eigenen Vorteil ist – ohne Gedanken an die Konsequenzen für andere, aber auch für sich selbst. Daraus, dass ein paar wenige an der Spitze, an die sie durch genügend Egoismus gelangt sind, nie genug bekommen, entsteht für die Eine Welt eine bittere Realität.
Versuchs mal mit Genügsamkeit
Der naheliegende Ruf nach Genügsamkeit sollte nicht mit „Die Ökos wollen, dass ich auf alles verzichte“ verwechselt werden. Wie wäre es, wenn wir, statt jeden Tag eine Avocado oder ein Stück Fleisch zu essen, etwas verantwortungs- und genussvoller mit unserer Ernährung umgehen? Was wäre, wenn Geräte länger halten würden und die eingebaute, im Kapitalismus notwendige Obsoleszenz sich wieder ausbauen ließe? Oder wenn Dinge, die man nur selten benötigt, gemeinschaftlich genutzt werden könnten und bequem zur Verfügung stünden? Wie oft braucht man die Leiter, den Bohrschrauber oder das Auto und wie lange stehen sie unnütz herum?
So etwas würde Ressourcen schonen, es müsste weniger produziert werden, und das würde auch mit kürzeren Arbeitszeiten funktionieren. Viele Menschen hätten etwas davon, eigentlich nur die Konzernchefs und Aktionäre nicht. Und dann klappt’s auch mit der Genügsamkeit. Wenn wir es als Weltgemeinschaft dann noch schaffen, weniger „ich“ und mehr „wir“ zu denken, dann wäre uns allen geholfen. Denn auch Zeit ist Reichtum, und schließlich sind wir soziale Wesen!
Übrigens: Ihr könnt mitmachen! Schickt uns eure Meinungen und Ideen zu den SDGs im Allgemeinen oder zu einem bestimmten Thema. In der nächsten Ausgabe geht es um die Ziele 5 und 6: Geschlechtergerechtigkeit und hochwertige Bildung. Du kommst aus einem Land im globalen Süden und es steht schlecht um die Gleichberechtigung? Teile es mit uns. Vielleicht bewegt sich aber auch was, dann teile es erst recht mit uns! Wir freuen uns, Erfolgsstorys ins Rampenlicht rücken zu können, damit nicht nur alles „doom and gloom“ ist und „Hilfe, die Welt ist nicht mehr zu retten“.
