Waren Sie schon mal in Chemnitz? Macht nichts, ich auch nicht. Also, es ist so: Jeder Mensch wird eines trüben Tages tot sein, wirklich jeder. Das ist eine Sache, auf die man sich verlassen kann. Jeder Mensch wird zu Biomüll. Auch Friedrich Merz und auch dieser Typ, der am frühen Morgen in einem verspäteten Zug, der einen anderen verspäteten Zug ersetzte, im Gang stand wie einer, dem der Gang gehörte oder zumindest ein paar Quadratmeter dieser hübschen Intercity-Auslegware. Der Typ hielt einem Mann, der vor ihm saß, ein Kurzreferat darüber, wie mies es heute in seiner Gegend sei und wie gut es damals in der DDR war. Jedes Dorf hatte einen Konsum, jeder Mensch war so gleich wie alle anderen und alle halfen einander – außer natürlich denen, die nicht mitmachen wollten. Die durften natürlich auch in den Konsum, aber viele hatten eine ständige Begleitung, so etwas wie betreutes Einkaufen. Der andere, der aus dem Ruhrgebiet kam, ließ sich davon wenig beeindrucken und fuhr alle Argumente auf, um deutlich zu machen, dass seine Gegend, aus der er kommt, wirklich mittlerweile das Allerletzte sei, viel beschissener als heute in Thüringen. Supermarkt im Dorf weg, letzter sozialer Treffpunkt war der Zigarettenautomat unter einer Laterne, die auch noch ihr Licht aufgab, Rauchen tut auch keiner mehr, getrunken wird nur noch zuhause, alles im Arsch, nur die Alten leben noch dort. Früher aber, früher wars im Ruhrgebiet genauso schön wie in der DDR. Und Thüringen, warum überhaupt Thüringen, er käme ursprünglich aus Karl-Marx-Stadt, also Chemnitz. Wie gut, dass Sie noch folgen können! Dass Karl-Marx-Stadt, also Chemnitz, europäische Kulturhauptstadt 2025 ist, ist der eigentliche Beweis, dass es Deutschland überhaupt nicht gut geht, und wenn eines trüben Tages Berlin zur Kulturhauptstadt gewählt werden sollten, wissen wir, was zu tun ist: nichts wie weg! Die FDP erhielt in Chemnitz bei der letzten Bundestagswahl nur 3,1 Prozent der Zweitstimmen, weil auch in Chemnitz niemand mehr genau weiß, was die FDP überhaupt ist, und Alexander Gauland wurde mit über 32 Prozent der Erststimmen direkt mit dem Wählerauftrag, die Hundekrawatte weiterhin zu tragen und den Bundestag zu zerstören, in den Bundestag gewählt. Vielleicht könnte Chemnitz auch einfach irgendwo einmarschieren, das Land wäre gar nicht so wichtig, Frauen dürften diesmal auch aktiv mitmachen. Ja, schon gut, es leben auch gute Menschen in Chemnitz, die Stadt hat sicherlich auch ein paar kulturelle Höhepunkte, von denen gesprochen wird, wenn sonst alles auf kulturellem Meeresspiegel liegt, und selbst Prominente, die jeder in Chemnitz kennt, leben dort. In Berlin ist ja eher das Problem, dass dort zu wenige Nichtprominente leben und die Prominenten deshalb nicht mehr richtig erkannt werden können, was auch wieder Leid erzeugt. Bei uns vor der Haustür ist das Wort, das ich am meisten höre: „Amazing“ und ich finde die Leute, die das sagen, mittlerweile so doof wie die Leute, die bei jeder Gelegenheit „Supi“ sagen. Ich finde also ziemlich viele Leute doof. Vielleicht fände ich sie sympathischer, wenn sie auch bei jeder Gelegenheit „Scheißi“ sagen würden. Chemnitz ist also europäische Kulturhauptstadt, nicht schlecht, da muss man erst mal drauf kommen, warum nicht, und irgendwie ähnelt das einer Tanzbär-Veranstaltung, wo eh allen klar ist, dass das Niveau völlig egal ist und es nur um Unterhaltung geht. Das ist so ein bisschen wie der DFB-Pokal, wenn eine Mannschaft aus der 1. Bundesliga gegen den Erstplatzierten der Bremen-Liga antritt. In diesem interessanten Vergleich ist Chemnitz Teil der Bremen-Liga und die 1. Bundesliga Kultur. Wie gut, dass Sie noch folgen können. Sollten Sie in Chemnitz leben und jetzt denken, ach ja, da kommt nun also der fünfzehnte Depp um die Ecke und macht sich über diesen schönen Flecken Erde her, voll egal, aber aus Gerechtigkeitsgründen sollen ihm trotzdem die Finger, mit denen er dies schrieb, abfaulen. Haben Sie doch bitte Nachsicht, ist doch nicht so schlimm oder finden Sie das normal, dass ausgerechnet Ihre Stadt zu den kulturellen Besonderheiten Europas gehören soll? Aber ich war ja ganz am Anfang bei der Biomasse von Friedrich Merz, den niemand Vati nennt, obwohl Angela Merkel alle Mutti nannten. Ich hatte neulich in der Zeitung gelesen, dass durchschnittlich jeder Mensch fünf Gramm Mikroplastik in der Woche zu sich nimmt, das ist so, als würden Sie Ihre Bankkarte essen. Am Ende eines langen Lebens, so haben australische Forscher herausgefunden, ist der Konsum von Mikroplastik pro Kopf auf die Füllmasse von zwei Mülltonnen angewachsen, was ein durchaus rabiater aber treffender Vergleich ist. Denken Sie sich also einfach mal die komplette Biomasse von Friedrich Merz weg. Was bleibt übrig? Genau, Plastik! Ganze zwei Mülltonnen! Ist doch erschreckend. Das Gleiche bei Dieter Hallervorden. Das ist, falls sie es nicht wissen, ein Schauspieler, der sich neulich mit Otto, einem anderen Schauspieler, auf Sylt bei der Einnahme von irgendetwas, was man mit Strohhalm trinkt, fotografieren ließ. Vielleicht war es auch ein Selfie, wer weiß, unklar bleibt, wer abdrückte. Was von denen bleibt, genau, Plastik! Auch vom Strohhalm. Als ich neulich in den Windungen meiner Erinnerung einen Witz von Otto wiederfand, weil meine Kinder mich aufforderten, einen Witz zu erzählen, sahen sie mich danach für einen Moment an, als hätte ich gar nichts gesagt, und dann sagten sie einmütig, dass das überhaupt nicht lustig gewesen sei, und irgendwie sei der cringe, der Boomer-Humor. Als ich dann sagte, dass ich überhaupt nicht zur Boomer-Generation gehören würde, war es eh zu spät. Denn wenn der Humor nicht witzig ist, dann ist es völlig egal, ob Boomer oder nicht. Was bleibt übrig? Genau, Plastik! Ganze zwei Mülltonnen! Und was steht dann noch immer? Genau, Chemnitz!
Sächsische Maschinenfabrik in Chemnitz, um 1905.
Grafik: unbekannt/gemeinfrei
