Deutschland ist ein Rechtsstaat. Das bedeutet, dass man, wenn man einem Nazi aufs Maul haut und dabei erwischt wird, diesem Schmerzensgeld zahlen muss, denn hinter dem Nazi steckt irgendwo auch ein Mensch. Das bedeutet aber auch, dass man, wenn man ungefragt das Foto einer Nazimauer in einer Zeitung abdruckt und dabei erwischt wird, Schadensersatz zahlen muss, denn hinter der Kamera steckte ja auch ein Mensch mit Rechten.
Und jetzt raten Sie mal, was dem Raben Ralf passiert ist!
Als ostdeutsche Umweltzeitung sind wir natürlich gegen Nazis und Mauern und gegen Gewalt sowieso, aber Fehler passieren uns trotzdem. Als brave Rechtsstaatszeitung stehen wir selbstverständlich für unsere Fehler gerade.
Nun hat das Ganze aber noch ein paar Krümmungen, denn, wie Einstein irgendwie errechnet hat, ist der ganze Raum gekrümmt, vor allem, wenn etwas so Schweres wie eine Nazimauer in ihm steht, und in einem krummen Raum gerade zu stehen, sieht bestimmt irgendwie komisch aus.
465,59 Euro
Von vorne: In der August/September-Ausgabe 2020 brachten wir einen Beitrag der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN). Diesen hatten wir durch ein Foto illustriert, auf dem eine Mauer aus dem Dorf Jamel in Mecklenburg zu sehen ist.
Das Dorf hat bekanntlich ein kleines Imageproblem, auf der Mauer las man damals den zweifelhaften Marketing-Spruch „frei – sozial – national“. Zur Erinnerung: Nazis sind Leute, die Einstein scheiße finden, weil der den geraden deutschen Raum irgendwie krumm gerechnet hat.
Nun haben wir aber den Fehler gemacht, dass wir ein rechtsfreies Foto mit einem urheberrechtlich geschützten Foto von der Nazimauer verwechselt haben. Der Unterschied zwischen beiden Fotos besteht darin, dass auf dem einen in einer Ecke ein halbes Fahrrad zu sehen ist und auf dem anderen nicht.
Dies hatte zur Folge, dass nun, sechs Jahre später, ein freundliches Schreiben von der KSP Kanzlei Dr. Seegers und Dr. Frankenheim Rechtsanwaltsgesellschaft mbH aus Hamburg bei uns eingetrudelt ist, in dem wir aufgefordert werden, der Urheberin des Fotos 465,59 Euro zu zahlen – wie gesagt: Deutschland ist ein Rechtsstaat.
Spende wegen Doofheit
Wie ebenfalls schon gesagt: Wir sind eine brave Rechtsstaatszeitung und werden hier natürlich geradestehen. Das Problem ist nur, Sie ahnen es, wir haben das Geld nicht wirklich. Und jetzt kommen, liebe Leserin, lieber Leser, Sie ins Spiel: Vielleicht möchten Sie ja für uns spenden, damit wir irgendwie zusammen für den Rechtsstaat und gegen Nazis geradestehen.
Wir geben zu, dass der hehre Anspruch in diesem Fall nicht ganz so geradlinig rüberkommt, vielleicht ist Ihre Spende eher als Aktion gegen unsere eigene Doofheit zu verbuchen. Als kleines Dankeschön würden wir Ihnen hier gerne beide Fotos als „Finde den Unterschied“-Spiel nebeneinander abdrucken, aber dann müssten wir wohl noch mal 465,59 Euro zahlen (Grüße an Herrn Dr. Seegers und Herrn Dr. Frankenheim in die Freie und Hansestadt).
Noch etwas: Wenn Ihnen vielleicht das Fahrrad auf dem Foto gehört und Sie gar kein Nazi sind, sondern zum Zeitpunkt des Fotos zufällig in Jamel waren, weil Sie, sagen wir mal, die Vegetation um die Nazimauer studiert haben, und wir Sie nun wegen Ihres deshalb kurz an der Nazimauer abgestellten Fahrrads als Nazi verunglimpft haben, verklagen Sie uns bitte nicht! Denn wie wir mit einer derart krummen Geschichte um Spenden bitten könnten, hätte sogar Einstein ratlos gemacht.
