Der 7. Oktober ist seit 2008 der Welttag für menschenwürdige Arbeit. So arbeiten zu können ist bisher für viele Menschen auf der Welt nur ein Traum.
Aktuell stecken etwa zwei Milliarden Menschen in sogenannten informellen Arbeitsverhältnissen fest: Sie sind meist in gering qualifizierten Jobs tätig, nicht rechtlich geschützt, haben keine Sozialversicherung. Sie helfen bei der Ernte auf dem Erdbeerfeld in Deutschland, arbeiten in einer kleinen Goldmine in Ecuador oder sind Näher*innen in einer Baracke in Bangladesch unter unvorstellbaren Bedingungen und für einen Lohn, von dem man nicht leben kann. Betroffen sind vor allem, aber nicht ausschließlich Menschen aus dem globalen Süden.
Das achte der 17 UN‑Nachhaltigkeitsziele, um die es in unserer Serie geht, soll diese Zustände bis 2030 ändern. Dabei kommt hinzu, dass der Anteil der Frauen bei solchen Arbeitsverhältnissen besonders hoch ist und ein Fünftel aller Jugendlichen überhaupt keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz hat. Ziel 8 will ihnen eine Zukunft geben, und das mit nachhaltigem Wirtschaftswachstum.
Eng mit diesem Ziel verknüpft ist das Ziel 12: nachhaltiger Konsum und Produktion. Leider sieht es so aus, als ob beide Ziele spektakulär verfehlt werden. Gebeutelt von Corona und dem Erodieren der Demokratien weltweit, schürt die Gier einiger Weniger, vor allem mächtiger weißer Männer, die Ungleichheit zwischen den Menschen. Sie profitieren, während Arbeiter*innen extrem ausgebeutet und gegeneinander ausgespielt werden.
Das liebe Geld und der Konsum
Arbeit, Geld und Konsum hängen natürlich miteinander zusammen. Wer mehr Geld hat, kann sich mehr kaufen, wer weniger hat, kauft meist aus der Not heraus weniger oder billiger. Das sagt aber noch nichts über die Gedanken und die Motivation dahinter. Jemand mit viel Geld kann sehr unnachhaltig shoppen und nichts auf faire Bezahlung und gute, sichere Arbeitsbedingungen geben.
Genauso kann ein Mensch, der jeden Cent zweimal umdreht und notgedrungen sparsam konsumiert, sehr viel Wert auf diese Ziele legen und versuchen, entsprechend zu handeln, indem er zum Beispiel Dinge länger nutzt oder durch Recycling und Upcycling selbst neue erschafft.
Zumindest an dieser Stelle können wir den Einfluss unseres Handelns auf das Erreichen von Ziel 12 auch selbst erkennen. Sofern wir über Geld, Wissen und Willen verfügen, können unsere Konsumentscheidungen einen messbaren Beitrag leisten. Es kommt auf unsere Entscheidung an und darauf, was die Mehrheit von uns nach und nach einfordert. Viele wollen zwar etwas für bessere Bezahlung und mehr Umweltschutz tun und finden nachhaltigen Konsum prinzipiell wichtig, aber die Taten lassen noch zu wünschen übrig.
Menschenwürdige Arbeitsbedingungen
Das ist zum Teil dem Gefühl der geringen Selbstwirksamkeit geschuldet, aber auch vielen anderen Faktoren. Entsprechende Gesetze sind hier vermutlich die einzige Möglichkeit, zügig und langfristig auf den richtigen Weg zu kommen. Leider wälzt die Politik dank der Lobbyarbeit einiger weniger die Verantwortung auf die Einzelnen ab.
So werden die wahren Kosten des nicht nachhaltigen Konsumierens und Produzierens wohl noch lange auf andere abgeschoben werden, vor allem auf die Schwächsten im globalen Süden. Doch wenn Menschen so wenig Geld verdienen, dass nicht klar ist, wo sie die nächste Nacht sicher und gesund verbringen können, die nächste Mahlzeit herkommen oder Zahnschmerzen behandeln lassen sollen, dann stellt sich die Frage, wo die Menschenwürde bleibt, die zu Recht in unserem Grundgesetz ganz oben steht. Auch faire Bezahlung für Arbeit trägt dazu bei, Menschen ihre Würde zurückzugeben.
Fleisch als Wohlstandssymbol
So oder so, mehr Geld in der Tasche geht mit verändertem Konsum einher. Ein wichtiges Beispiel ist der weltweit steigende Fleischkonsum. Die Welternährungsorganisation FAO prognostiziert einen Anstieg um 73 Prozent bis 2050, auch wenn sich gleichzeitig immer mehr Menschen vegetarisch oder vegan ernähren. Das hat Folgen für andere Nachhaltigkeitsziele wie Ziel 13: Klimaschutz.
Aktuell tragen Fleisch und andere tierische Produkte etwa 14,5 Prozent zu den Treibhausgasen bei. Nach den USA ist Brasilien der zweitgrößte Rindfleischproduzent weltweit. Die Rinder pupsen nicht nur Treibhausgase aus, sie „verschlingen“ vor allem riesige Flächen mit wertvollem Regenwald und Cerrado-Savanne durch den Anbau von Futterpflanzen wie Soja (Rabe Ralf August 2022, S. 14). Die Produktion von Steaks und Hamburgern ist also alles andere als nachhaltig und damit das Gegenteil von Ziel 12.
Rund 40 Prozent der Abholzung erfolgt auch noch in moderner Sklaverei, das heißt, die Menschen werden zu dieser Arbeit gezwungen. Etwa ein Drittel aller in Brasilien aus sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen Befreiten wurde in der Rinderzuchtindustrie eingesetzt, einem wichtigen Wirtschaftssektor für das Land. Aus diesem Grund gibt es in Brasilien inzwischen eine „Dirty List“ für Rinderfarmen. Auf dieser Liste stehen die schwarzen Schafe, die ihre Arbeiter*innen extrem ausbeuten. In der Branche lauern aber noch mehr Gefahren. Zum Beispiel kommt es bei der Schlachtung und Zerteilung der Rinder immer wieder zu Verletzungen.
Massentierhaltung ist zudem ein Treiber für zoonotische Krankheiten. Viele erinnern sich noch an die Burger-Panik durch BSE vor 30 Jahren. Einige Jahre später sprang das Nipah-Virus in Malaysia über Hausschweine auf den Menschen über. Die Rinderzucht in Brasilien ist vom Rabies-Virus geplagt, also der Tollwut. Auch hier wurden Fledermäuse als Überträger ausgemacht, obwohl sie wie so oft nichts dafür können. Der Mensch ist hier das sprichwörtliche Rindvieh, indem er ihnen den Lebensraum und die Nahrung wegnimmt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wie so oft bedingen sich ökologische, ökonomische und soziale Rück- oder Fortschritte gegenseitig. Menschenwürdige Arbeit ist ein Grundpfeiler für das Erreichen vieler der 17 UN-Ziele. Sie sorgt für weniger Ungleichheit, was wiederum die einzige Möglichkeit ist, langfristig auf einen nachhaltigen Weg in Konsum und Produktion zu kommen und unsere Eine Welt zu retten.
Kommentar: Lob der Verschwendung
Ich will’s wissen!
„Die SDGs und ich“ – erster Runder Tisch zu den UN-Nachhaltigkeitszielen am 24. November
Hast du schon mal von den SDGs gehört, den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen? Vielleicht ja, aber du weißt nicht so richtig, worum es da geht und was das für uns, für andere Länder, für den globalen Süden und für die Eine Welt bedeutet? Dann komm zu unseren Runden Tischen „Die SDGs und ich“!
Natürlich sind auch alle eingeladen, die schon mehr wissen oder sogar Expert*innen sind. Vielleicht kommst du auch aus einem anderen Land und möchtest deine Perspektive mit uns teilen. Alle sind willkommen und alle Stimmen sind gleich wichtig und werden gehört.
Bei unserem ersten Runden Tisch wollen wir gemeinsam mit euch schauen, was wir an Wissen zusammentragen können und wie es um die 17 Ziele steht. Fünfzehn Jahre haben die Länder der Erde sich Zeit gegeben, sie zu erreichen – zehn Jahre sind schon verstrichen, fünf bleiben noch.
Der erste Runde Tisch findet am 24. November um 14 Uhr im AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße in Kreuzberg statt. Ein bisschen sind die Runden Tische als Mischung aus Workshop, Stammtisch und Leseklub gedacht. Diesmal fangen wir mit der Methode „World Café“ an, um ein möglichst breites Bild an Beiträgen und Wissen zu sammeln und zu schauen, wo wir stehen. Dann wird das Ziel 6 (Wasser und Sanitär) in einem kleinen Workshop näher beleuchtet. Mit einer Mail an
Übrigens kannst du dich auch mit kreativen Beiträgen zu den kommenden Themen der Sonderseiten beteiligen. In der nächsten Ausgabe geht es um die Ziele 9 und 11 (Infrastruktur und Städte), in der übernächsten um Ziel 14 und 15 (Meeres- und Land-Ökosysteme). Texte, dichte, male – wir freuen uns über Beiträge!
