Ich war für ein paar Jahre alleinerziehend und als ich von einem Verlagsmenschen gefragt wurde, ob ich aus dem, was ich da alles erlebt, erfahren und sicher auch durchgemacht habe, ein Buch machen wolle, fluffiges Erzählen, nicht zu anstrengend, aber trotzdem pointiert, gibt ja Tausende von Alleinerziehenden, und wenn ich das als Mann schreiben würde, wäre das ein echter Knaller, verkaufe sich sicher super, so ein Text, der die Leute abholt. Und da wir mitten in der deutschen Hauptstadt standen und in jener Zeit immer davon gesprochen wurde, Menschen mit irgendwas abzuholen, fand ich es eh merkwürdig und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was der Verlagsmensch mir da gerade vorgeschlagen hatte, und sagte: Auf keinen Fall, ich würde mich eher verstümmeln als aus meinen Kindern Literaturstoff zu machen. Natürlich ist es den meisten großen Verlagen völlig egal, welches gesellschaftliche Thema gerade diskutiert wird, solange man damit Bücher verkaufen kann. Aber mitmachen muss man trotzdem nicht. In letzter Zeit ist es sehr angesagt, aus seinen Defiziten Literatur zu machen. Autofiktion wird das genannt. Als ob die Fiktion nicht genügen würde, stellt sich nun das Erlebte direkt in den Raum und ruft: Schaut her, hier bin ich, ich arme Socke, was ich alles erlebt habe, es war hart, es war so beschissen, dass ich es nun auf 400 Seiten breitwalze, und vieles, aber das steht nirgendwo, habe ich erfunden. Ich hätte auch drei oder mehr Jahre eine Psychoanalyse machen können, dann hätte ich mir diesen Eiertanz sparen können. Vielleicht hätte ich mittlerweile auch eine Arbeitsstelle mit einer Stellenbeschreibung, Betriebsrat und dreizehntem Gehalt, so ähnlich wie die Leute in den großen Verlagen, die davon leben, dass ich und all die anderen alle paar Jahre einen Text vorbeibringen. Vielleicht hätte ich aber auch einfach den nächsten Roman geschrieben. Auf Instagram filme ich mich, wie ich weine, so seitlich aus dem Fenster oder Richtung Lichtquelle. Und es ist wirklich auch ein Irrtum, dass Schriftsteller, nur weil sie sich mit der Welt oder ein paar von ihnen erfundenen Artgenossen oder, wie wir Profis sagen, entwickelten Figuren beschäftigt haben, sich in der Welt auskennen. Stimmt einfach nicht. Wer sich monatelang mit Menschen beschäftigt, die er sich selbst ausgedacht hat, ist eigentlich einer, der umstandslos wieder zurück in sein Kinderzimmer gegangen ist. Und wer sich beim Weinen filmt und es anschließend hochlädt, ist eh nicht ganz sauber, neben der Spur oder beides. Und die Älteren, die seit Jahrzehnten dabei sind, was ist eigentlich mit denen? 70 Jahre alt, drei Mal mit Gedichten Abiturstoff und noch immer im Zentrum des Prekariats, 60 Jahre alt und noch immer auf Landverschickung zu Aufenthaltsstipendien, 50 Jahre alt und noch immer gekränkt, wenn andere Romane auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis oder zum Preis der Leipziger Buchmesse stehen. Und überhaupt, Longlist, Shortlist, das wurde erfunden, um den Tanzbär-Faktor der ganzen Sache noch deutlicher zu machen. Auch um die Ordnung ganz klar abzubilden: Weiter oben sind die Verlage und die Kritiker oder zumindest die Menschen, die dieses Mal schon wieder in der Jury saßen. Warum gibt es eigentlich so wenige Menschen, die sich gut mit Literatur auskennen, die wirklich gut lesen und verstehen können, die gut über Literatur reden können, so dass es Menschen gibt, die gleich in sechs oder zehn Jurys sitzen müssen? Und hast du doch was abgeräumt, bekommst du vom Verlag einen Kuchen mit dem Cover deines nun erfolgreichen Buches und der Verleger zieht mit dir bis zum Morgengrauen durch die Stadt und macht mit dir ein Selfie nach dem nächsten. Fünfzehn Jahre später weiß dann aber keine Sau mehr, dass du überhaupt diesen Beruf hattest oder noch immer hast oder überhaupt noch lebst, und deine Bücher, entstanden aus deinem Hirnschmalz und der ganzen Welt, werden nicht mal zu Biomüll. Was also könnte Schriftstellern helfen, womit ließe sich Erfolg optimieren? Vielleicht einfach aushungern, auf einen Hügel setzen und mit Schlagermusik bespielen, über dem Fanblock von Hertha BSC abwerfen und nach der Saison wieder abholen? Ans Fließband, in die Produktion, an irgendeinen von Brandlöchern gepunkteten wackligen Tisch in einem Pausenraum mit drei, vier Menschen, die das letzte Mal in der Schule ein anspruchsvolles Buch gelesen haben und danach nur noch den ersten Teil von Dieter Bohlens Autobiografie? Also, Schriftsteller, da gehst du rein, und schon mal viel Spaß mit der sozialen Interaktion, und dann sagst du gut hörbar: „Mir geht es gar nicht gut, ich habe letzte Nacht nicht geschlafen, ich habe enorme Schwierigkeiten mit dem Aufbau meines Textes.“ Und manche, in deren fiktionalen Texten der theoretische Überbau so alles zu überlagern scheint, weil auch schlichtweg nichts darunter ist, keine Erfahrung, kein Mut, zu wenig Leben, zu wenige Jahre, vielleicht sollten die sich einfach mal von einem Lkw nach Portugal mitnehmen lassen, und es muss Portugal sein, weil Portugal schön weit weg ist. Als Kurt Böwe, so zumindest die Anekdote, in einer brandenburgischen Kneipe am Tresen saß, wurde er von einem anderen Kneipengänger gefragt, was er so mache. „Ich bin Schauspieler“, sagte Böwe. Der andere sah ihn eine ganze Weile schweigend an und rief dann: „Du Pfeife!“ Und als es noch Lexika gab, hatte Kurt Drawert in einem seiner Gedichte geschrieben: „Ich stehe im Brockhaus und lebe von Stütze.“ Und eigentlich, ja eigentlich sind doch wir die Stützen des Landes, man müsste uns die Hintern vergolden, das Konto füllen, wir liefern den Abiturstoff, ohne uns wärt ihr verloren, niemand kann besser und schneller und überlegter Berge versetzen, auch wenn da gar keine Berge sind. Wir frühstücken irgendwann und halten geregelte Arbeitszeiten und die Steuererklärung für Erscheinungen. Und wenn wir Kinder haben, erleben die Kinder gleich, wie sie eines Tages auf keinen Fall werden wollen – das immerhin ist ja schon mal was.

"In letzter Zeit ist es sehr angesagt, aus seinen Defiziten Literatur zu machen. Autofiktion wird das genannt."