Wir haben Doreen aus Nairobi beim Ökomarkt der Grünen Liga Berlin kennengelernt. Im Interview berichtet sie von ihrem Lebensweg zwischen Dorf, Großstadt und verschiedenen Ländern. Sie erzählt uns von der Wohnsituationen in Kenia und von den Bildungs-, Mobilitäts- und Umweltfragen, die viele Länder betreffen. Natürlich wollten wir vor allem wissen, was die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele, die SDGs, damit zu tun haben.

Der Rabe Ralf: Hallo Doreen, schön dich kennenzulernen und vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns über deine Erfahrungen an verschiedenen Wohnorten und über die SDGs zu sprechen, die Sustainable Development Goals. Wo lebst du, kennst du die SDGs und wie wichtig ist dir Nachhaltigkeit?

Doreen Oruko: Ich stamme ursprünglich aus Kenia, habe aber inzwischen in vier Ländern gelebt. Über die SDGs habe ich viel in meinem Studium gelernt. Nachhaltigkeit ist mir wichtig und ich denke, dass jeder kleine Dinge tun kann, um zu einer nachhaltigen Zukunft beizutragen – zum Beispiel Recycling, Kleidung und Lebensmittel teilen, die man nicht braucht, und ähnliches.

Gerade arbeite ich an einem Projekt, das versucht, Nachhaltigkeit und Datenanalyse zusammenzubringen. Ich möchte verstehen, wie man Daten effektiv nutzen kann, um nachhaltige Prozesse zu fördern, die Wohlstand, die Bedürfnisse der Menschen und den Planeten ausbalancieren. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, Ressourcen achtsam zu nutzen und sich Aufgaben wie Müllreduzierung, Wassersparen und verantwortungsvolle Unternehmensführung bewusst zu machen. Mein aktueller Arbeitsschwerpunkt behandelt die Frage, ob man nachhaltig Technologien wie KI im Geschäftsbereich nutzen kann.

Erzähl uns bitte ein bisschen mehr über dich.

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen und für das Uni-Studium nach Nairobi gezogen. Ich habe einen Abschluss in Boden-, Wasser- und Umwelttechnik. Als ich in die Stadt zog, ist mir meine Familie gefolgt. Meine Mutter ist Geschäftsfrau und hat in Nairobi mehr Möglichkeiten für sich gesehen als auf dem Land.

In Nairobis moderner City sind die Mieten hoch.
Foto: Antony Trivet/Wikimedia Commons

Wie ist das Leben in Nairobi?

Die meisten Menschen mieten Wohnungen oder Häuser, das Stadtzentrum ist überwiegend für Wohlhabende. Wir selbst gehören zur Mittelschicht, aber es gibt dort sehr viele arme Menschen. Die meisten kommen vom Land, wegen der besseren Arbeitsmöglichkeiten in der Stadt. Allerdings sind die Mieten sehr hoch. Man muss sehr viel arbeiten, um sie bezahlen zu können. Wie die meisten anderen Städte hat auch Nairobi Stadtteile für untere, mittlere und obere Einkommensschichten. Das Leben in der Stadt ist nicht einfach, vor allem wenn man nicht aus einer reichen Familie stammt.

Wie ist die Wohnsituation genau? Gibt es genug Wohnraum für alle?

Wenn man etwas Geld hat, kann man in Nairobi Land kaufen und ein eigenes Haus bauen, aber die meisten Menschen leben zur Miete. Und arme Menschen, die sich auch das nicht leisten können, bauen Wellblech- und Lehmhütten auf freien Flächen. Die nennt man auch „Squatter“ oder „informelle Siedler“. Dort fehlt es dann aber an grundlegenden Ressourcen wie Wasser, Abwasserentsorgung, Hygiene. Diese Menschen besitzen das Land nicht, und jederzeit kann es jemand kaufen, sodass sie plötzlich wegmüssen. Deshalb bauen sie ihre Hütten möglichst billig und nicht auf Langlebigkeit ausgelegt.

Es werden jeden Tag viele Häuser gebaut, vor allem Wohnungen, um die vielen Menschen aufzunehmen, die in die Stadt ziehen. Häuser können in Privatbesitz sein oder sie sind von öffentlichen oder privaten Firmen gebaut worden. Die neue Regierung hat ein Programm für bezahlbaren Wohnraum gestartet. Am besten haben es natürlich die Mittel- und Oberschicht. Die „Squatter“ leben völlig prekär.

Das von ihnen besetzte Land kann also jederzeit gekauft werden und sie werden dann einfach vertrieben?

Ja, aber es gibt eine Möglichkeit, das zu verhindern: Wenn die Siedlungen irgendwann eine Infrastruktur aufbauen – zum Beispiel Wasserleitungen – und sich zu großen Gemeinschaften entwickeln, können sie versuchen, das Land selbst zu kaufen oder ihre Ansprüche geltend zu machen.

Das heißt also, dass es dort eigentlich gar keine Infrastruktur gibt und die Stadt selbst sich nicht um diese Gebiete kümmert?

Die Regierung hat immerhin ein Programm für bezahlbares Wohnen aufgelegt und entwickelt einige dieser Gebiete. Informelle Siedlungen sind trotzdem nicht richtig in die Stadtplanung integriert – es fehlt an Wasseranschlüssen, Abflusssystemen, befestigten Straßen und so weiter.

... das entspricht einem Unterziel von SDG 11: „Alle Menschen sollen Zugang zu angemessenem Wohnraum und einer Grundversorgung haben.“ Jetzt habe ich eine Frage zu SDG 9 – Infrastruktur – und speziell Kommunikation. Du hast an verschiedenen Orten gelebt. Wie bleibst du mit deiner Familie und deinen Freunden in Kontakt?

Ich halte mit allen Kontakt und habe wöchentliche Videotelefonate mit meiner Familie. Das ist einfach, weil meine Familie und meine Freunde überwiegend in Städten leben. Mein Bruder ist nun auch aus dem Dorf weggezogen. Wenn meine Familie noch im Dorf leben würde, wäre es viel schwieriger. Aber in großen Städten geht es.

Wie setzt sich die Bevölkerung von Nairobi zusammen?

Nairobi ist eine Stadt für junge Menschen. Sie ist sehr schnelllebig und man muss viel arbeiten, um sich das Leben leisten zu können. Nairobi hat die meisten Universitäten und Hochschulen Kenias, mit vielen Aufstiegschancen. Hier sind die Technologien, und das zieht viele junge Menschen an.

Die meisten Älteren ziehen aufs Land zurück, wo das Leben ruhiger, gesünder und günstiger ist. Sie haben dort ihre Häuser für den Ruhestand und sind nicht einsam. Glücklicherweise ist Kenia noch nicht so stark vom Klimawandel betroffen, sodass die Landwirtschaft weniger gefährdet ist. Viele Menschen auf dem Dorf versorgen sich mit Lebensmitteln von ihrem eigenen Land.

Der öffentliche Verkehr in Nairobi funktioniert gut.
Foto: Francis Akuka/Wikimedia Commons

Du sagst, das Leben auf dem Land sei gesünder. Was sind die größten Probleme in Nairobi?

Luftverschmutzung ist ein großes Problem. Es gibt sehr viele Autos. Der Verkehr ist, milde gesagt, eine Herausforderung. Man kann Stunden im Stau verbringen.

Gibt es ein öffentliches Verkehrssystem?

Ja, und ich würde sogar sagen, es ist ziemlich gut. Es besteht hauptsächlich aus Bussen und aus Kleinbussen, sogenannten Matatus, die als Sammeltaxi fahren. Viele Fahrzeuge im Stadtzentrum sind aber nicht umweltfreundlich. Sie verursachen viel Luftverschmutzung, zusätzlich zu den Fabriken und der Abfallproduktion. Es gibt viele Mülldeponien und das Recycling ist nicht klar geregelt. Aber der öffentliche Verkehr ist effizient und die Fahrzeuge sind jederzeit verfügbar.

Gibt es Pläne, den Verkehr oder generell die Stadt sauberer zu machen?

Autos und Busse fahren größtenteils mit Benzin und Diesel, aber es gibt Fortschritte bei der Einführung von E-Bussen und E-Autos. Das betrifft jedoch vor allem die großen Städte.

Ein weiteres Thema ist die Abwasserbehandlung. In Nairobi stehen die größten Industrieanlagen Kenias. Das schafft viele Arbeitsplätze, besonders für Menschen mit spezieller technischer Ausbildung, wie ich sie habe. Obwohl wir hauptsächlich Wasserkraft nutzen und erneuerbare Energien ausbauen, ist verschmutztes Wasser ein Problem. Industrielles Abwasser fällt in großen Mengen an. Einige dieser Unternehmen vernachlässigen die korrekte Reinigung ihres Abwassers, bevor sie es in natürliche Gewässer leiten. Viele Flüsse sind dadurch verschmutzt, wodurch die Wasserqualität sinkt und das Algenwachstum überhandnimmt.

Gibt es Organisationen oder Bewegungen, die sich bei Politikern für die Umwelt einsetzen?

Die größte Umweltorganisation ist die staatliche Umweltbehörde NEMA – National Environment Management Authority. Seit einigen Jahren wird ihre Arbeit wichtiger und auch besser anerkannt. Die NEMA ist für die Umwelt im ganzen Land zuständig. Sie sorgt dafür, dass Industriebetriebe ihr Abwasser reinigen, und schützt auch das Grün in Nairobi. Diese Organisation nimmt Privatpersonen, Unternehmen und sogar die Regierung für den Schutz der Umwelt und der natürlichen Ressourcen in die Verantwortung.

Kannst du uns noch etwas zu den Bildungsmöglichkeiten in Nairobi und in Kenia sagen?

Nairobi ist ein großartiger Ort, um Menschen aus vielen Ländern zu treffen. Es gibt viele Jobmöglichkeiten, wenn man eine gute Ausbildung hat. Nach dem Studium konnte ich an einem sechsmonatigen Programm teilnehmen, um mehr über Datenanalyse und KI zu lernen. Ich denke, dass diese Art von Ausbildung der Jugend in Kenia hilft, gute Arbeitsplätze zu finden, und ein wichtiger Beitrag für eine nachhaltige Zukunft ist. Ich wünschte, Kenia würde noch mehr in Bildung investieren, vor allem in digitale Kompetenzen.

Obdachlose in Berlin haben ihre informelle Siedlung winterfest gemacht.
Foto: Lusi Lindwurm/Wikimedia Commons

Du hast dann in verschiedenen Ländern gearbeitet. Warum wolltest du reisen und wo bist du gewesen?

Ich wollte andere Kulturen kennenlernen. Ich bin zuerst für anderthalb Jahre nach Israel gezogen, dann für sechs Monate nach Indien und seit einem Jahr lebe ich in Berlin. Meist habe ich in größeren Städten gelebt. Nur in Israel wohnte ich in einer kleineren Stadt, Arava bei Eilat am Roten Meer. Nach meinem einjährigen Vertrag bin ich aber nach Tel Aviv gezogen, wo ich die restliche Zeit gearbeitet habe, bevor ich nach Kenia zurückging.

Dann hast du also eine gute Perspektive auf unterschiedliche Orte und Städte und kannst vergleichen. Was ist dir besonders aufgefallen?

Hier in Berlin gibt es viele obdachlose Menschen. Die habe ich auch in Indien gesehen, aber nicht in Israel. In Kenia gibt es ebenfalls viele Obdachlose, besonders in der Stadt, vor allem, weil Wohnen dort wie gesagt sehr teuer ist und es viele Arbeitslose gibt.

Auf welche Weise beeinflussen die SDGs dein tägliches Leben?

Persönlich denke ich, dass die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung die Beschäftigungspolitik, faire Arbeitsmöglichkeiten und Weiterbildungsangebote positiv beeinflussen sollten – besonders jetzt, wo ich selbst auf Jobsuche bin. Sehr wichtig sind außerdem der Zugang zu sauberem und sicherem Wasser und bessere Wohnmöglichkeiten. Ich beschäftige mich ja intensiv mit Digitalisierung und glaube, dass die SDGs auch hier viel erreichen können. Der öffentliche Verkehr wird meiner Meinung nach langsam besser, besonders durch die Elektrofahrzeuge mit weniger Verschmutzung und Ressourcenverbrauch. Ich hoffe auf mehr Möglichkeiten, an lokalen Projekten teilzunehmen oder Fördermittel für wichtige Forschungsarbeiten zu erhalten.

Vielen Dank, Doreen, dass du mit uns gesprochen hast. Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Es ist schwierig, als Einzelperson Veränderungen bei ganzen Staaten oder Industrien zu bewirken. Aber es gibt viel, was wir selbst tun können, um die SDGs zu unterstützen. Wir können umweltfreundliche Produkte konsumieren, unseren Wasserverbrauch kontrollieren, den öffentlichen Verkehr nutzen oder bei Nachbarschaftsaktionen und urbanen Gärten mitmachen. Und, um noch mal auf meinen eigenen Arbeitsschwerpunkt zurückzukommen: Wir können Datenvisualisierung und künstliche Intelligenz nutzen, um Umweltprobleme und Lösungen sichtbar zu machen.