Der Name Peter Maurin wird sogar Katholiken wenig sagen. Und das, obwohl Papst Franziskus sich höchstselbst bei einem USA-Besuch lobend über die katholische Aktivistin Dorothy Day äußerte, die eng mit Maurin zusammenarbeitete. Das zu Lebzeiten fast allmächtige Kirchenoberhaupt zeigte dadurch indirekt Sympathien für den Anarchismus, denn Day und Maurin gingen mit Kropotkin in der Tasche zur Messe. Für beide war das kein Widerspruch, im Gegenteil.

Bauernsohn und Wanderarbeiter

Peter Maurin, der damals noch Aristide Pierre Maurin hieß, wurde 1877 in Oultet im südfranzösischen Languedoc geboren. Er wuchs als erstes von 24 Kindern in einer armen Bauernfamilie auf. Ihr volkstümlicher Katholizismus und seine ländliche Herkunft prägten ihn nachhaltig. Maurin schloss sich dem Männerorden der „Brüder der christlichen Schulen“ an, verließ diesen aber bald, um sich bei der linkskatholischen Bewegung „Le Sillon“ („Die Furche“) zu engagieren. Die Gruppe hatte das Ziel, die revolutionär gestimmte Arbeiterschaft mit dem Christentum zu versöhnen – freilich ohne ihre Radikalität zu zügeln. Auch diese Gruppierung verließ Maurin bald. Ausgiebig beschäftigte er sich nun mit dem „Personalismus“ des katholischen Philosophen Emmanuel Mounier.

1909 kehrte Maurin Frankreich den Rücken, um sich erst in Kanada, dann in den Vereinigten Staaten als Wanderarbeiter, Gleisbauer und Französischlehrer zu verdingen. Obwohl er später bekannte, dass er in dieser Zeit „kein sehr katholisches Leben geführt hatte“, besuchte er fleißig die lokalen Bibliotheken, um neben Proudhon, Marx, Lenin und Kropotkin die Bibel und die Kirchenväter zu studieren. Er kam zu der Erkenntnis, dass die Frohe Botschaft und der Anarchismus im Grunde dasselbe verkündeten, der Katholizismus aber dem Atheismus überlegen bleibe.

In New York traf Pierre, der sich jetzt Peter nannte, die linke Journalistin und Aktivistin Dorothy Day, die gerade so etwas wie eine religiöse Krise durchmachte. Der seltsame Kauz, der jedem auf der Straße ungefragt seine Weltanschauung erklärte, beeindruckte sie stark. Zusammen gründeten sie die Zeitung „The Catholic Worker“ und die gleichnamige Laienbewegung, die sich vor allem für die Speisung der Armen einsetzte und diese zum Umzug in ländliche Kommunen anregte. Neben der charismatischen Day blieb Maurin der wichtigste Ideengeber der Organisation. 1949 starb er arm und ohne Gedächtnis, aber nicht einsam, in der „Catholic Worker farm“ in Staten Island bei New York. Sie trägt heute seinen Namen.

Einfache Essays

Seine Ideen hat Maurin in der Form von „Easy Essays“ formuliert (siehe unten). Diese Kurztexte sind direkt, schnörkellos, poetisch und oft witzig. Der alte Satz „There's more fun at a Catholic funeral than at a Protestant wedding“ stimmt auch hier. Obwohl Englisch seine Zweitsprache war und er sie zeitlebens nur mit einem breiten französischen Akzent bewältigte, stößt man auf geschickte Wortspiele und Wendungen, die an Rapverse und Punklyrics erinnern. Trotz (oder wegen) ihrer uralten Botschaft wirken sie auch heute noch frisch.

Zwei Beispiele: „Catholic scholars / have taken the dynamite / of the Church, / have wrapped it up / in nice phraseology, / placed it in an hermetic container / and sat on the lid.“ („Katholische Gelehrte / haben die Sprengkraft / der Kirche genommen, / sie in schöne Formulierungen verpackt, / in einen versiegelten Behälter gelegt / und sich auf den Deckel gesetzt.“)

Und: „When the organizers try / to organize the unorganized, / then the organizers / don't organize themselves. / And when the organizers / don't organize themselves, / nobody organizes himself. / And when nobody organizes himself, / nothing is organized.“ („Wenn die Organisatoren versuchen, / die Unorganisierten zu organisieren, / dann organisieren sich die Organisatoren nicht selbst. / Und wenn sich die Organisatoren / nicht selbst organisieren, / organisiert sich niemand, / und wenn sich niemand organisiert, / wird nichts organisiert.“)

Kult, Kultur, Kultivierung

Die Säulen von Maurins Utopie beruhen auf „drei Cs“: „Cult, Culture and Cultivation“, auf Deutsch „Kult, Kultur und Kultivierung“, was bedeutet: (katholische) Messe, (demokratische) Kunst und (alternative) Landwirtschaft. In den Texten kommen häufig irische Mönche vor. Diese seien es gewesen, die mit der Gründung von Gasthäusern, Agrargemeinschaften und Literaturzirkeln das Mittelalter, das „gar nicht so dunkel war“, erschufen. Sie scherten sich dabei nicht um Macht und Imperien, denn, so Maurin, „sie waren zu sehr damit beschäftigt, Gutes zu tun“.

Maurins antikapitalistische Revolution ist nicht nur wegen des Bezugs auf die irische Insel grün. Er forderte mit seinem „Zurück aufs Land“ eine neue (und gleichzeitig alte) Beziehung zum Boden. In einem Interview mit dem „Catholic Worker“ sagte er 1943: „Unsere Landwirte sind oft gar keine Landwirte. Sie sind Bergleute. Sie holen nur Dinge aus dem Boden und geben nichts zurück. Auch der Bergmann holt nur Dinge aus der Erde und gibt nie etwas zurück. Völlig anders ist der Bauer, der versucht, die Fruchtbarkeit des Bodens für kommende Generationen zu erhalten. Ersteres ist schierer Bodenraub, und solche Praktiken tragen nicht zur Bildung eines guten Charakters bei. Wenn wir wirkliche Volksschulen hätten, könnten wir diese Ideen vermitteln.“

Mehr Infos:
easyessays.org

Maurins Meinung beruht nicht nur auf seinen eigenen Erfahrungen als generationsübergreifend arbeitender Kleinbauer in Südfrankreich, sondern auch auf der Lektüre des Buches „Mein landwirtschaftliches Testament“ des britischen Mykologen Albert Howard, das im Jahr des Interviews erschien. Howard ist einer der Begründer der ökologischen Landwirtschaft.

Maurin lesen

Während Dorothy Day offenbar kurz vor ihrer Seligsprechung steht, bleibt Peter Maurin bis heute unbekannt. Aber was kann man heute schon mit ihm anfangen? Muss man nicht katholisch sein, um sich überhaupt für ihn zu interessieren? Nein, denn sein Werk beweist, dass sich auch innerhalb der – weiß Gott nicht an Skandalen, Irrtürmern und Verbrechen freien – katholischen Kirche Stimmen gibt, die zu allen sprechen. Beten wir dafür, dass auch die Kirche selbst mal auf diese Stimmen hört. Es könnte auch sie erretten.


Der denkende Journalist

Mark Hanna sagte:
„Wenn ein Hund
einen Mann beißt,
ist das keine Nachricht;
aber wenn ein Mann
einen Hund beißt,
ist das eine Nachricht.“
Allen mitzuteilen,
dass ein Mann
einen Hund gebissen hat,
ist keine gute Nachricht,
sondern eine schlechte.

Allen zu erzählen,
dass ein Mann gestorben ist
und zwei Millionen Dollar hinterlassen hat,
mag Journalismus sein,
aber es ist kein
guter Journalismus.
Aber allen zu erzählen,
dass der Mann gestorben ist
und zwei Millionen Dollar hinterlassen hat,
weil er nicht wusste,
wie er sie mitnehmen konnte,
indem er sie zu Lebzeiten
den Armen gab
um Christi willen,
ist guter Journalismus.
Guter Journalismus
bedeutet, die Nachrichten zu bringen
und den richtigen Kommentar
zu den Nachrichten zu geben.
Der Wert des Journalismus
liegt im Wert des Kommentars,
der mit den Nachrichten gegeben wird.

Ein guter Journalist zu sein,
bedeutet, etwas Interessantes
über interessante Dinge
oder interessante Menschen zu sagen.
Nachrichten sind für den Journalisten
die Gelegenheit,
seine Gedanken
an unbedachte Menschen weiterzugeben.
Nichts geht
ohne die öffentliche Meinung
und ohne die Meinung
von denkenden Menschen,
die wissen, wie sie
ihre Gedanken
an unbedachte Menschen weitergeben können.

Ein Tagebuch ist ein Journal,
in dem ein denkender Mensch
seine Gedanken festhält.
Das „Journal intime“
von Frédéric Amiel
ist die Aufzeichnung der Gedanken
von Frédéric Amiel.
Der denkende Journalist
vermittelt seine Gedanken
über eine Zeitung,
indem er seine Gedanken
mit den Nachrichten des Tages in Beziehung setzt.
Indem er seine Gedanken
mit den Nachrichten des Tages in Beziehung setzt,
beeinflusst der denkende Journalist
die öffentliche Meinung.

Indem er die öffentliche Meinung beeinflusst,
ist der denkende Journalist
ein schöpferischer Gestalter
beim Schreiben von Nachrichten,
die es wert sind, gedruckt zu werden.
Der denkende Journalist
gibt sich nicht damit zufrieden,
nur ein Chronist
der Zeitgeschichte zu sein.
Der denkende Journalist
strebt danach, ein Gestalter
derjenigen Geschichte zu sein,
die es wert ist, aufgezeichnet zu werden.

Peter Maurin