Der Rabe Ralf: Robin, wie bist du zum Wassernetz gekommen?
Robin Dach: Bei meinem Geografiestudium an der Humboldt-Universität habe ich großes Interesse an nachhaltigem Wassermanagement entwickelt. Seit einem Jahr setze ich mich bei der Grünen Liga im Projekt „Wassernetz Berlin“ mit dem praktischen Schutz der Berliner Gewässer auseinander.
Was ist das Wassernetz?
Das ist ein zivilgesellschaftliches Verbundprojekt, um den Biodiversitäts- und Gewässerschutz berlinweit voranzutreiben, zusammen mit interessierten Bürger:innen. Gefördert wird es durch die Lotto-Stiftung. 2023 haben sich dazu sechs Organisationen zusammengeschlossen: die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz, das Museum für Naturkunde, der Verein „a tip: tap“ und die Landesverbände von BUND, NABU und Grüner Liga.
Das Mitmachnetzwerk will Menschen für den Gewässerschutz sensibilisieren und ihnen ermöglichen, selbst aktiv zu werden – durch Aufklärung, politische Arbeit und praktisches Engagement vor Ort. Denn lebendige Gewässer sind unverzichtbar für eine ökologisch nachhaltige und lebenswerte Stadt.
Wie sieht eure Arbeit konkret aus?
Wir führen zum Beispiel 70 öffentliche Dialogveranstaltungen an 44 Gewässern durch. Bei Aufwertungsaktionen wird außerdem der Zustand von Gewässern konkret verbessert, in enger Abstimmung mit den Behörden.
Wir vermitteln auch Gewässerpatenschaften. Die Patinnen und Paten beobachten regelmäßig Gewässer oder kontrollieren den Erfolg von Aufwertungsmaßnahmen. Hinzu kommen landesweite Workshops und Vernetzungstreffen sowie Broschüren und Stellungnahmen zum Gewässerschutz.
Was für Gewässer hat Berlin und wie ist es um sie bestellt?
Wir sind hier im Berliner Urstromtal mit entsprechend hohem Grundwasserspiegel und langsamem Durchfluss. Durch die vielen natürlichen Senken und Rinnen hat Berlin zahlreiche Seen und Fließe. Hinzu kommen die großen Flüsse Spree, Havel und Dahme. Auch die vielen künstlichen Gewässer wie Kanäle oder Regenrückhaltebecken haben ökologisches Potenzial.
Die rund 700 Kleingewässer machen etwa 90 Prozent aller Gewässer in der Stadt aus. Sie sind mit den größeren Wasserkörpern hydrologisch verbunden und vernetzen als sogenannte Trittsteinbiotiope Lebensräume. Viele Landlebensräume wie Wälder und Moore hängen direkt vom Zustand der Gewässer ab.
Gewässer jeder Größe sind durch die Wasserrahmenrichtlinie rechtlich geschützt, nach der alle EU-Staaten ihre Gewässer in einen guten ökologischen Zustand bringen müssen – bis 2015 und eigentlich nur in Ausnahmefällen bis spätestens 2027. Deutschland ist hier praktisch das Schlusslicht. In Berlin ist leider kein einziges Gewässer im gewünschten Zustand.
Besonders gefährdet sind Kleingewässer wie Tümpel, Weiher, Teiche und Fließe, die wegen ihrer geringen Größe oft durchs Raster fallen. Laut dem neuen Kleingewässerreport des BUND drohen in Berlin 44 Prozent von ihnen zu verschwinden, vor allem weil ihnen Wasser und Pflege fehlen. 10 von 13 Amphibienarten und 23 von 58 Libellenarten sind in Berlin bedroht oder schon ausgestorben.
Eins der größten Berliner Umweltprobleme ist der zunehmende Wassermangel. Das hat verschiedene Ursachen: Versiegelung, steigender Wasserverbrauch durch Bevölkerungswachstum, Klimawandel. Auch der Strukturwandel in der Lausitz trägt dazu bei, denn das Grundwasser aus dem Braunkohletagebau fließt bisher in die Spree (Rabe Ralf Oktober 2025, S. 7). Nach dem Kohleausstieg wird die Spree nach Schätzungen an heißen Sommermonaten lokal bis zu drei Vierteln weniger Wasser führen, das dann in Berlin fehlt. Deshalb wird sogar erwogen, die Elbe anzuzapfen, aber die hat auch häufiger Niedrigwasser.
Berlins Gewässer leiden auch unter stark veränderten Gewässerstrukturen. Ufer und Gewässersohle sind oft lebensfeindlich zubetoniert. Bei starkem Regen gelangen auch zu viele Fremd-, Schad-, und Nährstoffe in die Gewässer, weil das Regenwasser teils giftige Abfälle und Fäkalien von den Straßen und aus der Kanalisation mit sich führt.
Dabei sind ökologisch intakte Gewässer auch Rückzugsorte der Tier- und Pflanzenwelt und Speicher für die Trinkwasserversorgung. Sie puffern Starkregen und Dürre ab, regulieren das Stadtklima und mildern den Wärmeinseleffekt. Und sie sind ein Ort der Erholung und Ruhe.
Wie lässt sich die Situation verbessern?
Für die meisten Berliner Gewässer ist seit Langem klar, was dringend nötig wäre, zum Beispiel Entschlammung, strukturelle Aufwertung, Bau von Regenwasserbehandlungsanlagen – oder auch Entsiegelung, Begrünung und ein sparsamer Umgang mit Wasser.
Dazu müssen strukturelle Defizite behoben werden. Bei einer Anhörung zur Wasserrahmenrichtlinie in diesem Jahr hat das Wassernetz zum Beispiel gefordert: Alle überfälligen Sanierungsmaßnahmen sollen konsequent durchgeführt, die Beteiligung – auch für Kleingewässer – gestärkt und die nötigen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ein Aktionsplan wäre dazu ein wichtiger Schritt.
Besonders schnell helfen niedrigschwellige Maßnahmen wie Algenentfernung, Teilentschlammung, kleine Uferrenaturierungen, gewässertypische Pflanzen oder künstliche Pflanzinseln. Das passiert auch bei unseren Aufwertungsaktionen mit Ehrenamtlichen in Abstimmung mit den Behörden.
Das Wassernetz Berlin lädt alle ein, den Gewässerschutz fachlich, praktisch oder politisch zu unterstützen, ob bei unseren Veranstaltungen und Aktionen oder durch eine Gewässerpatenschaft. Auch bei Citizen-Science-Projekten wie der Crowdwater-App oder dem Berliner Artenfinder kann man mitmachen.
Was ist dein eigener Aufgabenbereich beim Wassernetz?
Vor allem die Dialogveranstaltungen. Die gesellschaftliche Breite der Beteiligten ist dabei sehr förderlich – von Ehrenamtlichen über Anwohner:innen bis zu Behörden. Idealerweise ist auch die Landes- und Kommunalpolitik vertreten. So können die Probleme offen angesprochen, verschiedene Perspektiven geteilt und nötige Maßnahmen diskutiert werden. Das lokale und fachliche Wissen ist immer wieder beeindruckend und trägt wesentlich zum Erfolg bei.
Das Projekt gibt auch eine kleine Broschürenreihe heraus ...
Ja, die Wassernetz-Wissen-Reihe ist ein praktischer Ratgeber für den Gewässerschutz. Bisher erschienen drei Teile, kostenlos und auch online: eine Einführungsbroschüre, ein Heft zu niedrigschwelligen Maßnahmen und Empfehlungen an die Politik – und jetzt eines zu Plastikabfall und Müll, mit inhaltlichen Verbindungen zum Mehrweg-Projekt der Grünen Liga Berlin. Weitere werden folgen.
Vielen Dank für deine Zeit!
