Das diesjährige Umweltfestival der Grünen Liga Berlin hat das Motto „Boden – du stehst drauf“. Ein guter Grund, um bei Arne Reck vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UfU) nachzufragen, wie es um unsere Lebensgrundlage steht. Der Rabe Ralf sprach mit dem Geoökologen über Versiegelung, Springschwänze und Politik ohne Bodenhaftung.

Der Rabe Ralf: Herr Reck, warum ist der Boden so wichtig für funktionierende Ökosysteme?

Arne Reck: Der Boden steuert entscheidende Prozesse in unseren Umweltsystemen. Ohne Boden gäbe es kein dauerhaftes Leben an Land: keine Landpflanzen, keine Nahrungsmittel, kein sauberes Trinkwasser. Auch Klimaschutz und Klimaanpassung sowie Biodiversität sind eng mit dem Boden verwoben, sei es durch Wasserrückhalt, CO₂-Speicherung oder Verdunstungskühlung – oder ganz einfach als Lebensraum.

Doch diese Bodenfunktionen sind keine Selbstverständlichkeit. Sie hängen direkt von der Bodengesundheit ab – also von Struktur, organischer Substanz und biologischer Aktivität. Wenn wir den Boden degradieren, also schädigen, gefährden wir nicht nur die Ernährungssicherheit, sondern auch die Klimaresilienz und die Biodiversität.

In welchem Zustand befinden sich die Böden in Deutschland heute?

Sie stehen unter massivem Druck – und das auf mehreren Ebenen. Erstens: Flächenverbrauch. Trotz aller politischen Bekundungen werden täglich etwa 50 Hektar Boden durch Siedlungen und Verkehr massiv überprägt. Das sind Flächen, die langfristig ihre ökologischen Funktionen einbüßen.

Zweitens: Klimawandel und Landnutzung. Der aktuelle Klimabericht zeigt, dass unsere landwirtschaftlich genutzten Böden ihre Senkenfunktion verloren haben und damit mehr Treibhausgase emittieren, als sie aufnehmen. Gleichzeitig übersteigt die Bodenerosion die natürliche Neubildungsrate – ein alarmierendes Ungleichgewicht.

Drittens: Konflikte bei der Flächennutzung durch den stetig wachsenden Nutzungsdruck. Damit steht der Boden dreifach unter Druck: als Flächenressource, als Wirtschaftsgut und Eigentumstitel sowie als ökologisches System. Aber was sagt eigentlich der Boden dazu? Diese Frage, also die Flächennutzung aus der Sicht der Bodenfunktion, fehlt hier bisher gänzlich in den Überlegungen.

Die Landwirtschaft wird oft als Hauptverursacher von Bodenschäden genannt. Wo sehen Sie die größten Probleme in der heutigen Bewirtschaftung, was muss sich ändern?

Die Landwirtschaft nutzt rund 50 Prozent der Landesfläche und trägt damit eine besondere Verantwortung. Die größten Probleme sehe ich in der Intensivierung der Bewirtschaftung: Bodenverdichtung durch schwere Maschinen, Monokulturen, übermäßiger Einsatz von mineralischen Düngern und Pestiziden. Oberirdisch sehen wir die Folgen ganz klar, aber auch im Untergrund sind die Auswirkungen dramatisch: Verlust von Bodenkohlenstoff, Rückgang der Bodenbiodiversität und strukturelle Degradation.

Porträtaufnahme von Arne Reck in seinem Institut.

Arne Reck vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (Foto: UfU)

Als Bodenkundler ist meine Antwort eindeutig: Wir müssen wieder mit dem Boden und nicht gegen ihn arbeiten. Das bedeutet artenreiche Fruchtfolgen, weniger Bodenbearbeitung und vor allem weniger und gezielterer Einsatz von mineralischen Düngern und Pflanzenschutzmitteln.

Hier sehe ich aber nicht allein die Landwirtschaft in der Verantwortung – wir können diese Aufgabe nur als Gesellschaft bewältigen. Die zentrale Frage, der wir uns alle stellen müssen, ist: Was sind uns Lebensmittel wert, die bodenerhaltend hergestellt werden? Denn so viel ist klar: Boden ist eine in menschlichen Zeitskalen nicht erneuerbare Ressource.

Böden sind Lebensraum für eine enorme Vielfalt an Organismen – von Bakterien und Pilzen bis zu Regenwürmern und Springschwänzen. Welche Rolle spielt dieses Bodenleben für die Fruchtbarkeit und Stabilität von Ökosystemen, und was passiert, wenn diese biologische Vielfalt im Boden verloren geht?

Böden sind der artenreichste Lebensraum unseres Planeten – in Böden befinden sich 60 Prozent der gesamten Artenvielfalt der Erde. Und wir wissen teilweise gar nicht, wie es um das Bodenlebewesen steht. So wurde erst letztes Jahr ein Projekt in Deutschland gestartet, um diese Lücke zu schließen.

Bodenbiodiversität ist keine nette Randerscheinung, sondern unsere Lebensversicherung gegenüber sich ändernden Umweltbedingungen. Eine intakte Bodenbiodiversität hält pathogene Keime in Schach, aktive Bodenlebewesen verbessern den Wasserrückhalt, und ohne Mikroorganismen könnten unsere Böden kein CO₂ speichern. Mit dem Verlust der biologischen Vielfalt gehen diese Funktionen unwiederbringlich verloren.

Besonders in Städten ist Versiegelung eine der größten Bedrohungen für Böden. Welche Folgen hat das langfristig für Wasserhaushalt, Klima und Biodiversität?

Die Versiegelung ist einer der gravierendsten Einschnitte in die Bodenfunktionen. Um bei dem eingängigen Bild des Bodens als Knotenpunkt in unserem Umweltsystem zu bleiben, blockiert die Versiegelung den Austausch über diesen Knoten. Damit kann Wasser nicht mehr eindringen und fehlt bei der Grundwasserneubildung oder der Verdunstungskühlung. Versiegelte Flächen verlieren auch ihre CO₂-Senkenfunktion, was die Klimabilanz zusätzlich verschlechtert. Auf die Biodiversität hat Versiegelung ähnlich drastische Auswirkungen, ob durch den Lebensraumverlust oder durch die Fragmentierung von Ökosystemen.

Wie kann Bodenschutz erfolgreich funktionieren? Gibt es dafür praktische Beispiele?

Ja, zum Beispiel die regenerative Landwirtschaft. Dazu gehören artenreiche Fruchtfolgen mit Zwischenfrüchten, reduzierte Bodenbearbeitung, eine möglichst ununterbrochene Bodenbedeckung und der Einsatz organischer Dünger. Es geht um eine Weiterentwicklung des Ackerbaus hin zur gezielten Förderung von Bodenbiologie, Bodenstruktur und Bodenkohlenstoff.

Ein Beispiel für Städte ist die Berliner Bodenschutzkonzeption. Das ist zwar erstmal nur ein Strategiepapier, trotzdem basiert es auf einer umfassenden Bestandsaufnahme und Defizit-Analyse und zeigt, mit welchen Instrumenten die Bodenfunktionen erhalten oder wiederhergestellt werden können und wie ein ressourcenschonendes und klimaangepasstes Wachstum der Stadt gelingen kann.

Viele Umweltdebatten konzentrieren sich auf Klima oder Artensterben. Wird der Grund zu unseren Füßen als politisches Thema noch immer übersehen?

Ja, eindeutig. Im Bundesumweltministerium gibt es ein einziges Referat, das sich schwerpunktmäßig mit Bodenschutz beschäftigt – obwohl ohne gesunde Böden weder Klimaschutz noch Artenschutz funktionieren. Im Landwirtschaftsministerium gibt es gar kein Referat mit direktem Bodenbezug. Dabei ist der Boden die Grundlage für alles – gerade auch für die Ernährungssicherheit.

Mehr Infos:
ufu.de/bodenplus

Ihre Initiative „Boden plus“ beim UfU versteht sich als Verbindung zwischen Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft. Was sind die Ziele des Projekts und wo sehen Sie das größte Potenzial, Bodenschutz stärker in politisches und gesellschaftliches Handeln zu übersetzen?

Wir wollen das gesellschaftliche Bewusstsein für die Bedeutung und den Wert unserer Böden fördern und so dem Bodenschutz neuen Aufwind geben. Großes Potenzial sehe ich vor allem beim vorsorgenden Bodenschutz, denn Vorsorge ist um ein Vielfaches günstiger als Nachsorge. Hier wollen wir Positivbeispiele sichtbar machen und der Frage nachgehen, wie sich Erkenntnisse aus Forschung und Praxis in konkrete Handlungsansätze überführen lassen.

Viel geht es auch um „Übersetzungsarbeit“, denn es ist alles andere als leicht, die direkte Betroffenheit durch den Verlust von Bodenfunktionen gesellschaftlich greifbar zu machen. Letztes Jahr habe ich mich beispielsweise in einer Studie zum Saale-Einzugsgebiet damit beschäftigt, wie sich die Bodenverdichtung auf die Wasserspeicherung im Boden auswirkt.

Das Ergebnis hat selbst mich verblüfft: Schon eine etwas geringere Bodenverdichtung auf landwirtschaftlichen Flächen schafft ungefähr so viel Wasserrückhalt im Einzugsgebiet, wie durch technische Rückhaltemaßnahmen aufwendig erreicht wurde. Bodenschutz in der Fläche ist also ein wirksamer Hochwasserschutz, auch außerhalb der Flussniederungen, mit vielen positiven Nebenwirkungen.

Boden ist der Schwerpunkt beim diesjährigen Umweltfestival der Grünen Liga Berlin. Eine gute Gelegenheit, um das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu bringen?

Ja, um das Bodenbewusstsein zu stärken, braucht es Formate, die die Gesellschaft als breite Zielgruppe ansprechen. Bei allen großen ökologischen Herausforderungen, vor denen wir stehen, werden wir nur funktionierende und langfristige Lösungen finden, wenn der Bodenschutz mitgedacht wird. Deshalb ein herzliches Dankeschön an die Grüne Liga für die Auswahl dieses Schwerpunktthemas! Ich werde auch selbst auf dem Umweltfestival sein und freue mich schon sehr auf die Veranstaltung und den Austausch.