Was als globale Verkehrswende bezeichnet wird, beruht auf einer selten erwähnten Widersprüchlichkeit: Das geräuschlose, emissionsfreie Elektroauto existiert durch Lieferketten, deren ökologische und soziale Kosten in ökonomische „Randgebiete“ der Erde verlagert werden. Der Run auf Lithium, den kein Land verlieren will, veranschaulicht diese paradoxe Situation sehr gut.
Die Förderung des Autobatterie-Rohstoffs im Salar de Atacama, einer Salzwüste im Norden von Chile, leert jahrtausendealte Grundwasserleiter und bedroht die indigenen Likanantay-Gemeinden. Gleichzeitig konzentrieren sich technologische und ökonomische Vorteile in Industriezentren wie der Tesla-Gigafabrik in Grünheide bei Berlin, wo lokale Proteste übergangen und in der öffentlichen Debatte teilweise als illegale Subversion eingestuft werden. 72 Prozent des von Deutschland importierten Lithiums stammen aus genau dieser Lagerstätte: Zwei Enden desselben Produktionsprozesses, getrennt durch einen Ozean und durch ein Machtgefälle, das die grüne Rhetorik nicht sichtbar machen möchte.
Wer entscheidet, muss nicht zahlen
Dieses Ungleichgewicht ist kein Fehler im System – sie ist eine Funktionsbedingung. Ökonomisch hat es eine erkennbare Form: „Moral Hazard“, moralische Risiken. Mit anderen Worten: Wer darüber entscheidet, wo und wie ein Rohstoff gefördert wird, muss nicht annähernd die vollen ökologischen und sozialen Kosten tragen, denn diese werden auf lokale Gemeinden, Ökosysteme oder ganze Regionen und Länder abgewälzt, ohne angemessene Mitsprache. Konsumentenstaaten wie Deutschland können gerade deshalb strenge Umweltstandards aufrechterhalten, weil sie die Schäden externalisieren, also nach außerhalb ihrer Landesgrenzen verlagern.
Wäre der tatsächliche ökologische Preis des Lithiums im Produktpreis enthalten und würden entsprechende Kompensationsmechanismen greifen, dann würde die Bevölkerung von Berlin oder München die Wasserverknappung im Salar de Atacama ebenfalls spüren – und der politische Druck, die Regeln fairer zu gestalten, wäre viel größer. Doch die große geografische und rechtliche Distanz ermöglicht den „Hazard“: Wer entscheidet, zahlt nicht – und wer zahlt, entscheidet nicht. Die spürbaren Auswirkungen treffen diejenigen, die sich kaum verteidigen können: Gewässer, Böden, Wälder, die Lokalbevölkerung.
Gesetze mit eingebauter Nichteinhaltung
Der „Moral Hazard“ wirkt dabei in Schichten. Der bestehende regulatorische Rahmen – wie das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtgesetz, die EU-Richtlinie zur unternehmerischen Nachhaltigkeit oder die chilenische Nationale Lithiumstrategie – beruht weitgehend auf Selbstüberwachung: Die Gesetze verlangen von den Unternehmen, ihr eigenes Verhalten in einem Setting zu überwachen, bei dem das Aufdecken von Problemen ihnen selbst zusätzliche Kosten verursacht. Die absurde Logik, nicht danach zu suchen, was man nicht finden will, funktioniert so perfekt. Es handelt sich nicht primär um Korruption, sondern um eine Anreizstruktur.
Die Folgen sind vorhersehbar: In Chile klagen indigene Gemeinschaften immer wieder über ihren Ausschluss aus Konsultationsprozessen. In Grünheide lehnte ein kommunales Referendum die Erweiterung der Tesla-Fabrik ab, doch die politischen Spielregeln erklärten dies für nicht bindend. An beiden Enden der Kette sind Partizipation und Mitsprache formal vorgesehen, in der Praxis jedoch bricht dieses Versprechen regelmäßig zusammen.
Vorrang für kritische Mineralien
Die aktuelle geopolitische Lage festigt diese Strukturen noch. In der neuen nationalen Sicherheitsstrategie der US-Regierung ist nun ausdrücklich festgehalten, was bisher im Stillen praktiziert wurde: Der Zugang zu kritischen Mineralien wie Lithium wird zur Sicherheitspriorität, und multilaterale Vereinbarungen zum Klimaschutz werden offen als Ideologien dargestellt, die den USA schaden und Gegnern Vorteile verschaffen. In diesem Schema werden Staaten, die ihre Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards lockern, um Investitionen anzuziehen, geopolitisch belohnt: mit bevorzugtem Marktzugang, technologischer und diplomatischer Kooperation. Der „Hazard“ verwandelt sich von einem Marktfehler in staatliche Politik: Wer ökologische und andere externe Kosten nicht bezahlt, wird systematisch belohnt.
So entsteht eine kollektive Handlungsfalle ohne einseitige Ausstiegsmöglichkeit: Verschärft ein Rohstoff-Förderstaat seine Standards, verlagern sich Kapital und Nachfrage ins nächste Land, das dies nicht tut. Es besteht kein individueller Anreiz, Kosten zu tragen, wenn dies den Ausschluss aus der Wertschöpfungskette bedeutet. Nur ein weltweit verbindlicher Rahmen könnte die Staaten aus dieser Falle befreien – genau jene multilaterale Architektur, die die neue US-Sicherheitsstrategie untergraben will.
Das Gleiche in Grün
Fallstudien zeigen zweierlei. Erstens: Der Übergang zur Elektromobilität ist nicht unbedingt ein Bruch mit den alten, fossilen Abhängigkeiten. Vielmehr verlängert und erneuert er vielfach die Raubbau-Logik unter grünem Deckmantel, verschiebt ökologische Lasten, statt sie zu verringern, und vertieft die regulatorischen Ungleichgewichte entlang der globalen Lieferketten. Chile und Deutschland weisen trotz unterschiedlicher institutioneller Rahmenbedingungen ähnliche Mängel bei der öffentlichen Beteiligung in Umweltfragen auf, so dass Unternehmensinteressen für geringe Rechenschaftspflichten im Rohstoffsektor und in der Industrie sorgen können.
Zweitens: Diese Entwicklungen deuten auf die Entstehung eines neuen, nicht nachhaltigen Regimes des „grünen Extraktivismus“ hin, das Ungleichheiten eher neu definiert als beseitigt – und damit die generationenübergreifenden Ungerechtigkeiten der fossilen Ära fortschreibt oder sogar vergrößert.
Mit oder ohne internationale Normen?
Daraus ergibt sich die zentrale Frage: Können sich internationale Normen zu wirklich verbindlichen Rahmenwerken weiterentwickeln – mit echter Zustimmung der Betroffenen, multilateraler Steuerung und gerechter Kostenverteilung –, bevor die geopolitische Konkurrenz Interessen verfestigt, die zu mächtig sind, um sie zu hinterfragen? Lässt sich eine aus den Fugen geratene Geopolitik überhaupt noch mit internationalen Normen eindämmen? Kern dieser Frage ist, ob eine perverse Anreizstruktur korrigiert werden kann, wenn gerade diejenigen, die sie korrigieren könnten, am meisten von ihr profitieren.
Falls die Antwort nein lautet, wird das Rennen um kritische Mineralien nicht zu einer gerechten Energie- und Verkehrswende führen. Dann wird im Wesentlichen das alte Modell fortgeschrieben, nur mit besseren Batterien – auf Kosten einer unkalkulierbaren Umweltzerstörung und immer mehr Wasserraub.
Jorge Rowlands ist Anthropologe und promovierter Geograf an der Hochschule EHESS in Paris. Pablo Policzer ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Calgary. Ingo Gentes studierte Politik- und Sozialwissenschaften an der FU Berlin und ist freier Lehrbeauftragter.
