Als ich Ende August durch Berlin-Moabit spazierte, flatterten über mich hinweg ein paar Rauchschwalben. Eine große Freude erfasste mich, diesen schon selten gewordenen Flugkünstlern im Spätsommer zu begegnen, denn die noch gewandteren Mauersegler waren als erste der Sommervögel am 1. August in den Süden davongeflogen. Doch die Freude hielt nur kurz an, denn schnell wurde mir bewusst, dass ich in Pankow, meinem Heimatkiez, in diesem Jahr so gut wie keinen Schwalben begegnet bin.

Mancher wird mir widersprechen und auf die Schwärme der Mauersegler verweisen. Sie gehören aber einer ganz anderen Vogelfamilie an, ehemals Felsenbrüter und nicht Nester bauend. Die Schwalben dagegen waren über Jahrhunderte fast zu Haustieren geworden und brüteten in Ställen, Balkonen, Vorräumen und unter Brücken. Sie flogen damals bei uns ein und aus und meine Oma achtete immer darauf, dass ein Fenster, eine Tür oder die Klappe an der Schuppentür für sie offen blieb. Besonders traurig macht mich, dass ich in meinem Naturschutzgebiet „Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ“ fast keine dieser eleganten Vögel in diesem Jahr beobachten konnte. 

Sauberkeit statt Artenvielfalt

Als ich 1992 mit einem Kollegen dienstlich im Auftrag des Pankower Naturschutzamtes einen Bauern in Lübars besuchte, erlebte ich ein fröhliches Schwalbengewimmel auf seinem Pferdehof. Zufällig war ich im vergangenen Juli wieder nach Lübars eingeladen und sah keine, nicht eine einzige Schwalbe über das Dorf fliegen. Was ist in diesen 30 Jahren geschehen? Ich kann es nicht genau erklären, vermute aber, dass wir Menschen einen direkten Einfluss darauf haben. Wahrscheinlich spielt der Klimawandel eine große Rolle, der die Sommer trockener und an Insekten ärmer werden lässt. Die Lehmpfützen und Kleingewässer, für Schwalben zum Nestbau überlebensnotwendig, trocknen aus und selbst Mücken werden weniger.

Doch auch der sehr verbreitete Sauberkeitswahn hat sicher einen Anteil. Selbst Sand- und Schotterwege in Naturschutzgebieten werden asphaltiert, Pfützen abgeleitet und Kompostplätze verschlossen. Die Kotspritzer unter den Nestern sind ein Vorwand, Schwalben zu ungeliebten Tieren zu erklären, statt künstliche Nester mit Kotbrettchen anzubringen. An vielen Orten spannt man Fischernetze vor die Balkons, so auch auf der Insel Hiddensee. Dort sind sie trotzdem noch recht häufig anzutreffen, finden kaum eine feuchte Lehmkuhle und drängen sich nach einem Regen an solch einer Pfütze. Als ich im Sommer einen Häusler in Hiddensee bat, mir zwei Eimer Wasser zu geben, um eine intensiv von Schwalben besuchte Lehmmulde zu bewässern, die nun drohte auszutrocknen, bekam ich eine Abfuhr: „Lassen Sie mich damit in Ruhe.“

Ein Schwalbenturm für Pankow

Auch die Chemisierung in der Landwirtschaft hat einen großen Anteil am Insektensterben und am Verlust der Vögel. Vielleicht können wir trotzdem noch etwas tun, um den Zwitscherkünstlern das Leben etwas leichter zu machen und die letzten Schwalben zu retten. Es gibt im Handel die sehr praktischen Kunstnester mit Kotbrett und es gibt Schwalbentürme. Letztere sehen fast wie Taubenschläge aus und beherbergen unter dem auskragenden Dach Dutzende von Schwalbennestern aus Holzbeton. In der Nähe von Schloss Klink an der Müritz konnte ich beobachten, wie solche Türme eifrig von den Schwalben angenommen wurden, wodurch die Brutversuche an Stuckverzierungen des Schlosses verhindert werden konnten.

Vielleicht könnte sich der Berliner Bezirk Pankow mit solch einem Vorhaben anfreunden. Ich stelle mir den Botanischen Volkspark in Blankenfelde als Standort vor. Voraussetzung wäre, dass der kleine Teich in der Nähe des Zingerteiches etwas aufgewertet würde. Ein Teil des Ufers müsste abgeflacht, dauerhaft feucht und von aller Vegetation freigehalten und abgezäunt werden. Sonst würde er wohl eine willkommene Moddermulde für spielende Kinder werden. Unbedingt ist der Japanische Staudenknöterich einzudämmen, der sich nach dankenswerterweise intensiver Rodung wieder ausbreitet. Ähnlich könnte ich mir das Blankenfelder Stadtgut mit seinen sehr aufgeschlossenen Bewohnern vorstellen, die man ansprechen müsste. Vielleicht könnte eine Kampagne ins Leben gerufen werden, um den Schwalbenturm zu finanzieren und unter fachkundiger Begleitung durch den NABU in die Obhut des Naturschutzamtes zu übergeben.