Die meisten wissen, dass der Bausektor zu den größten CO₂-Emittenten und Abfallproduzenten gehört. Und sie wissen auch, dass dies vor allem mit Materialien wie Stahl und Beton sowie dem Abriss bestehender Gebäude zu tun hat. Trotzdem bleiben Abriss und Neubau im Rahmen der Wachstumslogik die Norm – gerechtfertigt mit „Wohnungsnot“ oder getrieben von Immobilien- und Rentenspekulation. Wir wissen, dass etwas nicht stimmt, aber wir schauen auf dem Weg zur Arbeit hoch und sehen das nächste Betongebäude entstehen.
Während fossile Ingenieur:innen und Geolog:innen das Industriezeitalter mitgeprägt haben, stellt sich heute die Frage, was danach kommt. Für diejenigen, die in diesen Sektoren arbeiten, müssen wir fordern, dass diese Bereiche sich grundlegend transformieren – oder wir sie hinter uns lassen. Für Baufachleute gilt dasselbe: Entweder wir hören auf, Neubauten als Standard zu setzen, oder wir verändern grundlegend, wie sie entstehen.
Es gibt genug gebauten Raum
Wenn heute neue Bauvorhaben unbebaute Flächen beanspruchen, sollte uns das wütend machen. Flächenversiegelung ist einer der zentralen Treiber der Biodiversitätskrise. Sie zerstört Böden, die Wasser regulieren, CO₂ speichern und Hochwasserschutz leisten. Und trotzdem stehen bestehende Gebäude leer, werden untergenutzt oder verfallen im Zuge von Spekulation, während andernorts weiter neu gebaut wird. Berlins Schneller-Bauen-Gesetz oder der Bauturbo der Bundesregierung werden so zu Wachstumsbeschleunigern, die städtische Potenziale vernachlässigen und ökologische Grenzen überschreiten.
Es gibt bereits genug gebauten Raum. Die Aufgabe ist Reparatur, Anpassung und Weiternutzung. Das heißt nicht, dass Neubau nie gerechtfertigt sein kann: Aufstockungen, Nachverdichtung oder gezielte Eingriffe, die städtische Strukturen verbessern, können sinnvoll sein. Aber sie sollten die Ausnahme sein.
Was dabei oft ausgeblendet wird: Standard-Baumaterialien verankern Umwelt- und Gesundheitsbelastungen tief im Baualltag. Viele Produkte sind heute zu Verbundsystemen verarbeitet, die sich am Ende ihrer Lebensdauer nur schwer trennen oder recyceln lassen. Bauschutt wird so zu einem Gemisch aus Kunststoffen, Additiven und behandelten Materialien.
Weichmacher in PVC können das Hormonsystem beeinflussen, Flammschutzmittel stehen im Zusammenhang mit neurobiologischen Effekten und Anreicherung in Organismen. Schwermetalle in Farben, Rohren und Dächern können langfristige Gesundheitsschäden verursachen, Mikroplastik aus Dämmstoffen wie Polystyrol gelangt in Böden und Gewässer und kann dort als Träger für Schadstoffe wirken.
Bauholz ist nur begrenzt verfügbar
Wer das einmal weiß, kann konventionelles Bauen kaum noch als neutral betrachten. Diese Materialsysteme folgen einer Raubbau- und Wegwerf-Logik. Wenn Bauen wirklich über den gesamten Lebenszyklus regenerativ statt zerstörerisch sein soll, muss genau diese Logik verändert werden. Regeneratives Bauen ist eine Materialfrage, und pflanzliche Systeme sind dabei zentral. So wie die industrielle Tierproduktion zunehmend in Frage gestellt wird und erste Verschiebungen hin zu pflanzenbasierter Ernährung sichtbar sind, muss auch die industrielle Baustoffproduktion auf pflanzenbasierte Systeme umgestellt werden.
Holz ist oft die erste Assoziation mit „grünem Bauen“. Wälder stehen aber bereits unter massivem Druck durch Klimastress, Biodiversitätsverlust und konkurrierende Nutzungen. Daher werden andere nachwachsende Rohstoffe entscheidend, wie Stroh, Hanf und sogenannte Paludikulturen – zum Beispiel Schilf aus Feuchtgebieten –, die Kohlenstoff speichern und gleichzeitig nutzbare Biomasse liefern. Diese Systeme brauchen breite politische und gesellschaftliche Unterstützung, einschließlich Förderung, um in größerem Maßstab kostengünstig eingesetzt werden zu können.
Unter diesen Materialien sticht Stroh als besonders ausgereiftes pflanzliches Baumaterial in Europa hervor. Als Architektin sehe ich es als eines der wenigen Materialien, die derzeit ethisch vertretbar sind.
Bauen mit Stroh
Beim Strohbautag 2026 in Verden bei Bremen haben Fachleute die neuesten Entwicklungen vorgestellt. So wurde kürzlich in Schweden ein zwölfgeschossiges Wohngebäude mit Strohdämmung errichtet, eines der höchsten in dieser Bauweise in Europa.
Die Niederlande fördern biobasierte Baustoffe mit 200 Millionen Euro bis 2030, darunter vorgefertigte Bauelemente und Dämmstoffe. Ein prominentes Beispiel ist ein Logistikzentrum in Lelystad, das über 40.000 Quadratmeter Stroh-Elemente enthält und zugleich die Biodiversität erhöhen soll.
In Frankreich gilt seit 2022 die Umweltregulierung RE2020, die für Neubauten eine Lebenszyklus-Bilanz einführt und die sogenannten grauen Emissionen aus Materialien und Bauprozessen schrittweise begrenzt. Auch wenn biobasierte Materialien nicht vorgeschrieben sind, werden sie strukturell begünstigt.
Deutschland scheint hier zurückzubleiben. Zwar haben Organisationen wie der Fachverband Strohballenbau (Fasba) entscheidend zur Entwicklung von Standards und Brandschutzsystemen beigetragen, darunter die Strohbaurichtlinie. Stroh im Holzrahmenbau ist bereits heute in kleineren bis mittelgroßen Gebäuden mit begrenzter Bauhöhe und überschaubarer Komplexität gut einsetzbar. Gleichzeitig wird an weiteren Regelungsgrundlagen gearbeitet, um seinen Einsatz zu erleichtern. Zudem kann Stroh direkt aus der bestehenden Landwirtschaft lokal gewonnen und als Baustoff zertifiziert werden – und am Ende seiner Nutzung wieder in den Stoffkreislauf zurückfinden. Dennoch bleibt die Verbreitung hierzulande begrenzt.
Kultureller Wandel
Stroh ist ein vielseitiger Baustoff. Auch als landwirtschaftliches Nebenprodukt wirkt es – ohne synthetische Zusätze – dämmend und feuchtigkeitsregulierend und kann innen wie außen Putz tragen. Mit einer „Zulassung im Einzelfall“ kann es sogar tragend eingesetzt werden. Ziel aktueller Forschung ist es, ein Regelwerk für den lasttragenden Strohballenbau zu entwickeln und das Verfahren breiter anwendbar zu machen.
Die Fachleute wissen, dass noch deutlich mehr möglich ist. Was fehlt, ist nicht das Wissen oder das Material, sondern politische und institutionelle Schwerpunktsetzung. Für eine regenerative Bauwende braucht es nicht nur technische Lösungen, sondern auch einen kulturellen und politischen Wandel dessen, was als normal, akzeptabel und erstrebenswert im Bauen gilt.
