Ich treffe Asmelash im „Bejte Ethiopia“ in Schöneberg. Bejte ist äthiopisch und heißt Haus.

Es ist halb sechs, als wir gemeinsam ankommen. Es ist noch leer. Wir haben Glück, denke ich, während mein Blick durch das wunderschöne Restaurant streift und ich nach einem passenden Tisch für uns suche. Neben der Theke ist ein farbenfroh geschmückter Schrein aufgebaut, daran anschließend öffnet sich ein zweiter Raum. Die Wände sind mit kleinen handbemalten Kacheln gefliest. An den Wänden hängen afrikanische Gemälde, und es gibt einige große und kleinere Regale mit diversen handgearbeiteten Skulpturen. Die farbenfrohe Komplexität wirkt einladend und familiär.

„Haben Sie gebucht?“ Eine freundliche Stimme holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Es ist Rahel Tekle, Chef und Bedienung im „Bejte“. Wir verneinen. Es ist leider alles reserviert, sagt er. Damit hatten wir am frühen Donnerstagabend nicht gerechnet. Asmelash und Rahel wechseln einige Sätze auf Äthiopisch, dann führt uns Rahel zu einem Tisch in der Mitte des Raums, den wir bis 19 Uhr haben können – ich atme auf.

Händewaschen

Der Tee, den wir bestellen, heißt wie das Restaurant: Bejte. Es ist ein würziger Schwarztee mit Zimt. Der Koch kommt an unseren Tisch, Asmelash diskutiert lebhaft mit ihm über die Speisekarte. Der Koch empfiehlt uns zwei gemischte Teller: Qelqel und Ye'tsom Beyayentu. Asmelash erklärt mir: „Alle Gerichte werden mit Injera serviert, das ist äthiopisches Fladenbrot, das aus Teff gemacht wird, einer Hirseart. Es schmeckt leicht säuerlich, enthält viel Eisen und ist das Hauptnahrungsmittel in Äthiopien. Wot ist eine traditionelle äthiopische Gemüse- oder Fleischsauce, sie wird mit dem Injera aufgetunkt.“

Asmelash schickt mich ins Bad zum Händewaschen. Natürlich – hier wird mit den Fingern gegessen. Auf dem Weg komme ich an weiteren Regalen mit handgearbeiteten Skulpturen und feinen Keramiken vorbei. Was für ein Fest!

Elisabeth

Kennengelernt habe ich Asmelash 2019 über die viel zu früh verstorbene Urban-Gardening-Expertin Elisabeth Meyer-Renschhausen. Asmelash und Elisabeth verband eine tiefe Freundschaft und die Begeisterung für ökologische Themen, nachhaltiges Ressourcenmanagement und urbane Gärten. Während wir auf unser Essen warten, erzählt Asmelash: Sie haben sich 2014 auf dem Slow-Food-Kongress im norditalienischen Turin kennengelernt, Asmelash hielt dort einen Vortrag über nachhaltiges Ressourcenmanagement, erneuerbare Energien, Wasser und Nahrungsmittelsouveränität in Äthiopien. Elisabeth war begeistert und sprach ihn an. 2018 machte er in Cottbus seinen Master in „Environmental Resource Management“ mit Schwerpunkt auf erneuerbaren Technologien. Elisabeth schrieb damals einen Artikel in der Tageszeitung Taz über seine Arbeit.

Mein Dinnerdate-Gastgeber

Asmelash Dagne ist ein äthiopischer Umweltschützer, Ernährungsaktivist und Spezialist für nachhaltige Landwirtschaft, der für seine Arbeit zur Förderung von Agrarökologie, Permakultur, Management natürlicher Ressourcen und gemeinschaftlich genutzten Lebensmittelsystemen in Äthiopien wie auch international bekannt ist.

Nach dem Studium zog er zurück zu seiner Familie nach Äthiopien, um in seiner Heimat weiterhin Kleinbauern und -bäuerinnen „das umweltbewusste Gärtnern ohne Gift und Geld beizubringen“. Asmelash berät Kleinbauern in Äthiopien zu nachhaltiger Landwirtschaft und ökologischer Landnutzung, realisiert Permakultur-Projekte in wasserarmen Regionen und integriert Solarlösungen und erneuerbare Energien in ländliche Entwicklungsprojekte. 2025 hat er ein Permakultur-Ausbildungszentrum in Äthiopien eröffnet.

Injera und Wot

Unser Essen kommt: Zwei große Platten mit Injera, darauf sind etwa handtellergroße Kleckse in unterschiedlichen Farbvarianten verteilt. Sieht insgesamt ziemlich abstrakt aus, finde ich. Wir reißen das Brot in Streifen und nehmen mit drei Fingern Soße auf. Ich koste mich durch alle Varianten und versuche zu erraten, was ich jeweils gerade esse. Ich erkenne: gekochte Linsen in mittelscharfer Soße, Tomatensalat, gekochtes Hühnerfleisch in milder Currysoße, Spinat und Grünkohl mit Soße.

Genüsslich lutsche ich meine Finger ab, dabei entgeht mir Asmelashs Blick nicht, der für einen Moment ungewohnt streng ist. Er erklärt mir die Fingertechnik beim Essen: Das Brot wird zum Mund geführt, der Mund berührt die Finger dabei nicht. Logisch, denke ich. Wir hatten zwei Platten bestellt, aber wir essen sie nach äthiopischer Art gemeinsam. Nachdem ich weniger Hand im Mund habe, schmeckt mir das Essen noch besser, und das gemeinsame Rumwischen auf dem geteilten Teller macht einfach sehr gute Laune.

Inzwischen ist das Restaurant gut gefüllt, um uns herum beugen sich die Gäste über ihre dampfenden Platten und tunken Injera in ihr Wot. Asmelash erzählt, dass bei ihm zu Hause das Injera dreimal am Tag gegessen und auch selbst zubereitet wird. In der Familie isst man nicht nur vom gemeinsamen Teller, man füttert seine Liebsten auch gerne. Zu Silvester ist es ein richtiger Brauch, sich gegenseitig Essen in den Mund zu stecken.

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Asmelash kommt regelmäßig nach Deutschland, dieses Mal war er auf der „Off-Grid“, einer Messe für dezentrale erneuerbare Energiesysteme in Augsburg. In Berlin hat er unter anderem drei ganztägige Permakultur-Workshops auf Spendenbasis im Nachbarschafts- und Inklusionsgarten am Moritzplatz gegeben.

Im Schrein neben dem Tresen werden jetzt grüne äthiopische Kaffeebohnen geröstet, eine Frau geht um die Tische und lässt jeden Gast das würzige Aroma genießen. Danach zerreibt sie die Bohnen, erhitzt Wasser in einer bauchigen Kanne und gibt den Kaffee hinein. Die Gäste genießen ihn in kleinen Tässchen und knabbern dazu Popcorn oder Brot. Für uns wird es Zeit zu gehen.