Müll gehört in Berlin zum Stadtbild. Im vergangenen Jahr gingen berlinweit knapp 200.000 Meldungen über illegale Müllablagerungen ein, also mehr als 500 pro Tag. Bereits 2024 beseitigte die Berliner Stadtreinigung rund 54.000 Kubikmeter illegal abgelagerten Müll, was, wie das öffentliche Unternehmen ausgerechnet hat, „etwa dem Volumen von 70 Einfamilienhäusern entspricht“. Die Kosten beliefen sich auf rund 10 Millionen Euro. 2025 lagen die Ausgaben bei mehr als 13 Millionen.

Es geht längst nicht nur um die achtlos auf die Straße geschnippte Zigarettenkippe oder den im Wald entsorgten Autoreifen. Illegale Müllentsorgung ist heute ein lukratives Geschäftsmodell. Kriminelle Banden dealen jetzt mit Bauschutt und nehmen Aufträge für das Verschwindenlassen von Giftstoffen an. Während die Täter schmutzige Gewinne machen, zahlt die Allgemeinheit für die Beseitigung und die Umwelt trägt die Folgen. Aber wer sind die Täter?

Lukratives Geschäftsmodell 

Umweltkriminalität gehört zu den profitabelsten Geschäftsfeldern der organisierten Kriminalität. Weltweit gilt sie als die viertgrößte kriminelle Einnahmequelle und wächst Schätzungen zufolge jährlich um fünf bis sieben Prozent. Nach Ermittlungen von Europol und der EU werden mit grenzüberschreitender Umweltkriminalität – darunter illegaler Abfallhandel, Holzdiebstahl, Wildtierhandel und Fischereikriminalität – weltweit jährlich bis zu 213 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Den globalen wirtschaftlichen Schaden beziffert die Europäische Kommission auf 80 bis 230 Milliarden Euro pro Jahr.

Im Bereich der illegalen Müllentsorgung entstehen die Gewinne vor allem dadurch, dass Kosten für eine ordnungsgemäße Entsorgung eingespart werden. Hohe Profite ziehen kriminelle Strukturen an wie Müllberge die Fliegen. Geld stinkt bekanntlich nicht.

Camorra und Ecomafia 

Der Begriff „Mafia“ wird meist mit Italien und Organisationen wie der Cosa Nostra, der Camorra oder der ’Ndrangheta verbunden. Weniger bekannt ist, dass im Mittelmeerland auch die sogenannte Ecomafia seit Jahrzehnten als eigenes Ermittlungsfeld der Behörden gilt. Vor allem die Camorra kontrollierte im südwestlichen Kampanien bei Neapel zeitweise weite Teile der illegalen Abfallwirtschaft.

Das Geschäftsmodell ist ebenso simpel wie lukrativ: Unternehmen bezahlen für eine vermeintlich ordnungsgemäße Entsorgung, tatsächlich werden Industrie- und Giftmüll auf Feldern vergraben, in Steinbrüchen verscharrt oder einfach verbrannt. Berüchtigt wurde die „Terra dei Fuochi“ (Land der Feuer) zwischen Neapel und Caserta. Dort ließ die Camorra über Jahrzehnte Industrie- und Sondermüll entsorgen. Um Spuren zu beseitigen, wurden die Müllberge häufig in Brand gesetzt, daher der Name.

Im Unterschied zum „klassischen“ Drogenhandel laufen diese Geschäfte häufig unter dem Deckmantel legaler Unternehmen. Die Täter betreiben Transportunternehmen, Recyclingfirmen oder Bauunternehmen, stellen ordnungsgemäße Rechnungen aus und manipulieren Begleitpapiere. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen legaler Wirtschaftsaktivität und organisierter Kriminalität.

Ein Meilenstein bei der Bekämpfung dieser Strukturen war das italienische Umweltstrafgesetz von 2015, das schwere Umweltdelikte erstmals ausdrücklich ins Strafgesetzbuch aufnahm. Bis Ende 2024 wurden auf dieser Grundlage mehr als 12.500 Personen angezeigt, 556 Festnahmen vorgenommen und Vermögenswerte im Wert von über 1,1 Milliarden Euro beschlagnahmt. Besiegt ist die Ecomafia damit jedoch nicht.

Die italienische Umweltorganisation Legambiente zählt in ihrem aktuellen Ecomafia-Bericht 389 Mafia-Clans, die in Umweltkriminalität verwickelt sind. Im Jahr 2024 registrierten die Behörden 40.590 Umweltstraftaten – ein Anstieg um mehr als 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den Jahresumsatz der Umweltkriminalität in Italien schätzt Legambiente auf über neun Milliarden Euro.

Müllmafia in Berlin?

Obwohl Mafiaorganisationen auch in Deutschland aktiv sind und Berlin zu den Städten gehört, in denen organisierte Kriminalität eine bedeutende Rolle spielt, gibt es bislang keine belastbaren Belege dafür, dass im Bereich der Umweltkriminalität vergleichbare mafiöse Strukturen wie in Italien existieren. Beobachten lassen sich jedoch organisierte Strukturen, bei denen die illegale Entsorgung von Abfällen Teil eines Geschäftsmodells sein kann.

Größere illegale Ablageorte finden sich in Berlin vor allem an Waldrändern, auf Brachen, in Gewerbegebieten und an abgelegenen Straßen, wo Transporter oder Lastwagen unbemerkt heranfahren können. Zu den immer wieder betroffenen Orten zählen auch sensible Naturräume wie das Dohnagestell am Landschaftsschutzgebiet Plötzensee oder der Tegeler Forst.

Asbestplatten und blaue Müllsäcke liegen in der Natur zwischen einem Feld und einem Graben, einige Säcke liegen direkt im Wasser.

Juli 2026: Asbest und anderer illegaler Müll in einem Ablaufgraben der Moorlinse in Berlin-Buch

Foto: Rüdiger Barth

Das Berliner LKA führt Umweltkriminalität trotzdem bislang nicht als zentrales Betätigungsfeld der organisierten Kriminalität (OK). In den aktuellen OK-Lagebildern des Bundeskriminalamtes dominieren die „Klassiker“ Drogenhandel, Eigentumsdelikte, Waffenhandel und Finanzkriminalität.

Als „Müllmafia“ werden hier vielmehr jene unseriösen Entrümpelungsfirmen, Bauunternehmen und Schrotthändler bezeichnet, die Entsorgungskosten sparen, indem sie Abfälle rechtswidrig beseitigen.

Müllparadiese in der Nachbarschaft

Bei unseren Nachbarn sieht die Lage anders aus. In Polen decken Ermittler seit Jahren illegale Deponien mit teils Tausenden Tonnen gefährlicher Industrieabfälle auf. Die polnischen Behörden sprechen inzwischen ganz offen von einer „mafia śmieciowa“ (Müllmafia). Ein bedeutender Teil der Abfälle stammt aus Deutschland, immer wieder auch aus Berlin und Brandenburg.

Der Leipziger Umweltjournalist Michael Billig nennt das Nachbarbundesland sogar „einen Hotspot krimineller Entsorgung“. Auf seiner Website muellrausch.de zählt er über 120 illegale Abfalllager und Deponien im „Müllparadies Brandenburg“.

Dem Raben Ralf sagte Billig: „Ja, es gibt eine organisierte Umweltkriminalität, kriminelle Akteure, die es einzig und allein darauf anlegen, illegal zu entsorgen, etwa in den Wäldern Brandenburgs oder auf brach liegenden Grundstücken. Inwieweit diese Akteure Gruppen der organisierten Kriminalität zuzuordnen sind, kann ich nicht sagen.“

Sein Eindruck sei, dass polizeiliche Ermittlungen im Bereich Umweltkriminalität diese Hintergründe sehr selten ausleuchten. „Im Fall einer Kiesgrube im Landkreis Teltow-Fläming, die als illegale Deponie missbraucht wurde, sind mir Verbindungen zu Leuten aufgefallen, die mit Entsorgung eigentlich nichts zu tun haben. Sie kamen aus der Türsteher-Szene und dem Rotlicht-Milieu.“

Abwehrwaffe Bußgeld

Um die Vermüllung in den Griff zu bekommen, hat das Berliner Abgeordnetenhaus den Senat 2025 aufgefordert, deutlich schärfer gegen illegale Müllentsorgung vorzugehen. Der Senat kam dem nach: Eine achtlos auf die Straße geworfene Zigarettenkippe kann nun ein Bußgeld zwischen 250 und 3.000 Euro nach sich ziehen. Für illegal entsorgten Bauschutt sind Bußgelder von bis zu 100.000 Euro möglich, vor allem wenn größere Mengen oder gewerbliche Ablagerungen vorliegen.

Bemerkenswert ist, dass der Senat ausdrücklich zwischen privaten und gewerblichen Verursachern unterscheidet. In der Vorbemerkung des Bußgeldkatalogs wird klargestellt, dass die Höhe der Bußgelder auch den wirtschaftlichen Vorteil berücksichtigen soll, den Unternehmen durch eingesparte Entsorgungskosten erzielen. Bei größeren Mengen Bauschutt wird davon ausgegangen, dass die Ablagerung aus einer gewerblichen Tätigkeit stammt und der Täter sich dadurch einen finanziellen Vorteil verschaffen wollte. Der Senat macht damit deutlich, dass er illegale Müllentsorgung zunehmend als wirtschaftlich motivierte Umweltkriminalität versteht.

Mehr Infos: 
muellrausch.de

Das Beispiel Italien zeigt jedoch, dass hohe Strafen das Problem nicht lösen. Solange sich mit illegaler Entsorgung Geld verdienen lässt und das Entdeckungsrisiko gering bleibt, wird es Menschen geben, die illegalen Müll als Geschäftsmodell nutzen.

Der wirksamste Weg, Umweltkriminalität und Müllmafia den Boden zu entziehen, wäre wahrscheinlich, Abfälle gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn wie man auch in Italien sagt: Meglio prevenire che curare, vorbeugen ist besser als heilen.