Der „Kolle 37“ hat mittlerweile Generationen geprägt. Wo in den wilden 1990ern Wendekinder ihren Traumhäusern Form gaben, hämmern, sägen und schaufeln sich heute deren Enkel ins Glück.
Hallo Hannes, was ist denn „Kolle 37“?
Hallo Franzi, der Kolle 37 ist ein pädagogisch betreuter, abenteuerlicher Bauspielplatz in der Berliner Kollwitzstraße. In erster Linie ist er ein großer Freiraum für Kinder. Wir versuchen ihnen hier einen Platz zu bieten, an dem sie sich frei entfalten, spielen und die Welt erkunden können.
Also, die Kinder kommen mit ihren Eltern hierher und genießen den schönen Platz? Oder steckt noch eine andere Idee dahinter?
Wir haben die Regel, dass die Eltern draußen bleiben und ihre Kinder hier alleine spielen lassen. Das gehört zum Freiraum. Viele Kinder haben einen sehr durchstrukturierten Alltag. Die Schule hat enorme Anforderungen und es gibt sehr viele AGs – da wollen wir einen Raum bieten, in dem die Kinder das machen können, worauf sie Lust haben. Die Eltern und jüngere Kinder dürfen am Familiensamstag hierherkommen und den Platz nutzen und kennenlernen.
Das klingt nach einer spannenden und auch gewachsenen Idee. Kannst du etwas zur Geschichte des Kolle 37 sagen?
Es gibt ihn schon sehr lange, er war der erste abenteuerliche Bauspielplatz in der DDR. Der Gründer und Träger Netzwerk Spiel/Kultur bietet schon seit den siebziger Jahren in Berlin-Prenzlauer Berg und anderen Städten alternative Spielprojekte an. 1990 wurde dann dieses Gelände von der Stadt gepachtet und mit den Kindern aus der Umgebung aufgebaut und gestaltet.
Machen wir doch einen Platzspaziergang, laufen einfach mal rüber. Ich sehe verschiedene Bereiche, kannst du die erläutern?
Sehr gerne. Wir haben hier im Eingangsbereich eine Skaterbahn, die vor fünf Jahren gebaut wurde. Daneben ist eine Bühne, die sogar einen Backstage-Bereich hat. Die Kinder spielen hier Theater und proben, außerdem nutzen wir die Bühne für die Fête de la Musique.
Weiter geht’s durch dieses Tor. Hier ist eine Feuerstelle, die Kinder können Holz hacken und Feuer machen. Gerade im Winter ist es schön, am Feuer zu sitzen und ein Stockbrot oder Popcorn zu machen. Wir haben auch eine Schmiede, sind gerade dabei, die fit zu kriegen und ein Schmiedeangebot zu machen.
Hier ist unsere Lehmhütte. Dort wird es bald ein Angebot geben, das die Steinzeit für Kinder erfahrbar macht. Weiter hinten ist der Hüttenbaubereich. Man sieht, es sind schöne Hütten gebaut worden von Kindern. Dreistöckig, vierstöckig – hier haben wir sogar ein neunstöckiges Gebäude. Die Kinder haben sehr viel Spaß, mit den geliehenen Hämmern und Nägeln zu bauen. Es gibt genug Material, das sie verbauen können. Hier ist auch noch ein kleiner Garten, wo Kinder etwas anpflanzen können und eine hübsche Ecke zum Ausruhen haben.
Das ist ja eine ganze Menge. Aber was hat es mit diesem wunderschönen Haus auf sich?
Das Spielhaus – es wurde Anfang der Neunziger gebaut, finanziert aus Spenden und Stiftungsgeldern. Es ist voller Kreativräume und Werkstätten, die wir mit Kindern nutzen können: eine sehr schön ausgestattete Holzwerkstatt, dazu Fahrradwerkstatt, Töpferei und Nähstube. Im Keller ist jetzt ein Proberaum für junge Bands. Alles in unserer Zielgruppe von sechs bis 16. Wir haben also auch bei schlechtem Wetter sehr viele Angebote für Kinder.
Das klingt total vielseitig und kostet sicher auch sehr viel Geld. Müssen die Kinder für die Angebote bezahlen?
Unsere Angebote sind hier komplett kostenlos. Wir sind natürlich wie alle anderen offenen Einrichtungen von den Kürzungen betroffen. Und die Personalsituation ist so, dass wir manchmal nicht alle Angebote für die Kinder zur Verfügung stellen können.
Man kann den Platz und das Haus mieten, das ist das einzige, was etwas kostet. Man kann einen Kindergeburtstag veranstalten am Sonntag oder man kann auch seinen Erwachsenengeburtstag oder ein Jubiläum in den Abendstunden feiern.
Das mit den Vermietungen ist ja wirklich grandios. Gibt es sonst noch Veranstaltungen?
Ja, wir veranstalten hier schöne Feste. Letztes Jahr war unsere Halloween-Party der Knaller. Wir machen auch einen Wintermarkt, zwei Tage mit Musik und Ständen. Die Kinder können auf einem Basar die Sachen, die sie übers Jahr gebastelt haben, verkaufen. Es gibt Zuckerwatte, Bratwurst und andere Attraktionen. Am 9. Mai wird unser Platzgeburtstag gefeiert, und zur Fête de la Musique am 21. Juni fungieren wir als offizielle Bühne.
Ist hier alles barrierefrei?
Es ist unser ganz großes Augenmerk, dass wir ein inklusiver Platz sind, der für alle Kinder zugänglich ist. Wir sind größtenteils barrierefrei. Natürlich gibt es Stellen im Baubereich, die nicht ohne weiteres zu erreichen sind. Aber wir versuchen immer alles möglich zu machen.
Wir sehen uns dabei auch als Begegnungsstätte. Der Anteil der Kinder mit Beeinträchtigungen ist hoch, wir haben viel Spaß miteinander und fühlen uns unabhängig von Leistung.
Sind die Kinder auch an der Platzgestaltung beteiligt?
Partizipation ist uns sehr wichtig. Wir haben immer dienstags unseren „Kolle-Rat“, bei dem die Kinder ganz aktiv an allen Entscheidungen beteiligt werden. Was den Bau der Klettergerüste betrifft, oder wo wie wann was stattfindet, da sind die Kinder immer sehr gefragt und können sich einbringen.
Letzte Frage: Wie stellt ihr euch als Team die Zukunft des Kolle 37 vor? Wo soll die Reise hingehen?
Für uns ist ganz wichtig, dass der Platz erhalten bleibt. Wir sind hier auf einem Filetgrundstück im Prenzlauer Berg, einem der am stärksten gentrifizierten Stadtteile in Berlin. Viel mehr Freiraum gibt es also nicht. Was wir haben, ist das, was wir zur Verfügung stellen können. Unsere Vision ist, dass wir den Platz in Gänze ausnutzen und alle Möglichkeiten herausholen können. Diesen Freiraum für die Kinder bereitzustellen, genau darum geht es.
Vielen Dank!
