Seit 30 Jahren verwandelt sich der Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauer Berg jeden Donnerstag in einen der beliebtesten Bio-Märkte der Stadt. Was 1996 aus der Öko- und Friedensbewegung der späten 1980er Jahre entstand, ist heute ein fester Bestandteil des Kiezes – und feiert 2026 sein Jubiläum.

Ort mit politischer Geschichte

Der Name des Platzes ist Verpflichtung: Käthe Kollwitz war Künstlerin, Antifaschistin, Sozialistin und Kämpferin für Menschenrechte – eine Frau, die ihre Stimme gegen Krieg und Ungerechtigkeit erhob und dafür von den Nationalsozialisten verfolgt wurde. Auch der Ökomarkt selbst entstand aus dem Wunsch nach einem besseren Leben, nach Freiheit, Frieden und gesunder Ernährung für alle.

Zur Eröffnungsfeier des Jubiläumsjahres erinnerte ein Redner an die Aufkleber „Schwerter zu Pflugscharen“ aus seiner Kindheit – und daran, wie wichtig es angesichts heutiger Zeiten sei, Orte wie diesen und ihre Entstehungsgeschichte zu bewahren.

Was Wochenmärkte gesellschaftlich leisten

Ein Wochenmarkt ist nie nur ein Ort des Einkaufens. Er ist einer der letzten öffentlichen Räume, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft, Generationen und Einkommen sich unvermittelt begegnen – ohne Konsumzwang, ohne Kasse am Ausgang, ohne dass ein Konzern die Regeln bestimmt.

Das unschlagbare Ökomarkt-Feeling
Foto: Grüne Liga Berlin

Wer hier einkauft, kennt oft die Hände, die das Gemüse gepflanzt haben. Diese Nähe zwischen Erzeuger:in und Verbraucher:in ist selten geworden – und sie ist politisch: Sie macht Wertschöpfung sichtbar, die im Supermarktregal unsichtbar bleibt.

Kurze Wege, saisonale Ware und der Verzicht auf Verpackung bedeuten weniger Transportemissionen und weniger Lebensmittelverschwendung. Der ökologische Landbau, wie ihn die Händler:innen auf dem Kollwitzplatz betreiben, verzichtet auf synthetische Pestizide und Kunstdünger und schützt damit Böden, Wasser und Artenvielfalt – Grundlagen, auf die auch künftige Generationen angewiesen sind.

Dass diese Zusammenhänge inzwischen auch die große Politik erreichen, zeigt ein Beschluss der Agrarministerkonferenz vom September 2025. Zum Thema „Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten“ betonten die Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern, dass auch Wochenmärkte einen wichtigen Beitrag zur Stabilität von Regionen leisten und gerade kleinen und mittleren Betrieben einen Zugang zur Vermarktung bieten. Eine späte, aber wichtige Anerkennung dessen, was Initiativen wie der Ökomarkt seit drei Jahrzehnten vorleben.

Zugleich zeigt der Ton des Beschlusses – neben „Wertschöpfungsketten“ wird von „Kannibalisierungseffekten“ und notwendigen „wissenschaftlichen Studien“ gesprochen –, wie sehr auch hier in der Logik von Markt und Wachstum gedacht wird. Der Ökomarkt am Kollwitzplatz war nie als Wirtschaftsförderinstrument gedacht, sondern als gelebte ökonomische Alternative.

Wachstum, Profit und ein anderes Maß 

Wir leben in einer Zeit, die Erfolg fast ausschließlich an Wachstumsdaten misst: mehr Umsatz, mehr Effizienz, mehr Skalierung. Diese Logik hat auch die Landwirtschaft geprägt. Sie führte zu Monokulturen und Massentierhaltung in einem globalisierten Handelssystem, in dem Lebensmittel oft weite Wege zurücklegen. Kleine, ökologisch wirtschaftende Betriebe geraten dabei unter Druck, weil sie sich an Preisen messen lassen müssen, die viele Kosten für Klima, Boden und Tierwohl nicht einpreisen.

Ein Stand beim Ökomarkt am Kollwitzplatz.

Ökomarkt-Urgestein: Naturhof Gaßmann aus dem Oderbruch
Foto: Grüne Liga Berlin

Der Ökomarkt setzt dem bewusst ein anderes Maß entgegen. Hier zählt nicht die größtmögliche Marge, sondern Qualität, Fairness und Beständigkeit. Das ist, wenn man so will, das eigentlich Revolutionäre an einem Bio-Wochenmarkt im Jahr 2026 – dass er beharrlich an einer Wirtschaftsweise festhält, die nicht auf grenzenloses Wachstum ausgelegt ist, sondern auf ein gutes Leben innerhalb ökologischer Grenzen.

Morgens geerntet, mittags verkauft

Waren es in den Anfangsjahren vor allem ost- und westdeutsche Aussteiger und Hippies, die hier ihre Stände aufbauten, vereinen sich heute jeden Donnerstag Menschen aus mehr als 15 Nationen auf dem Markt. Rund 40 Händler:innen bieten auf fast 150 Metern Marktstrecke biologisch angebaute und selbst hergestellte Produkte an: frisches Obst und Gemüse aus kontrolliert biologischem Anbau, Brot aus selbst gemahlenem Mehl, Käse, Eier aus Freilandhaltung, Fleisch und Wurst, Bio-Wein, Steinofenpizza, Rohkost, Suppen, Wildkräuter und Wollerzeugnisse – oft nach dem Motto „Morgens geerntet, mittags verkauft“.

Was den Markt über drei Jahrzehnte zusammenhält, ist mehr als der Verkauf guter Produkte. Es ist eine Gemeinschaft von Menschen, die oft belächelt und ausgegrenzt werden – und die trotzdem hart dafür arbeiten, ehrliche Ware auf den Tisch, in den Kleiderschrank oder unter den Weihnachtsbaum zu bringen. Der solidarische Gedanke, der den Markt seit seiner Gründung trägt, zeigt sich in jeder Kaufentscheidung der Besucher:innen – ein leiser, aber beständiger Beweis dafür, dass Menschlichkeit, Naturnähe und Handwerk wichtiger sein können als Rendite und Profit.

Das ganze Jahr 2026 wird gefeiert – mit Kuchenbasar, Live-Musik, Kinderprogramm und Straßentheater. Veranstaltet wird der Ökomarkt von der Grünen Liga Berlin, die auch weiterhin engagierte Unterstützer:innen für den Markt sucht. Der Ökomarkt findet ganzjährig jeden Donnerstag von 12 bis 19 Uhr statt, von Januar bis März nur bis 18 Uhr.

Was wünscht man einem Markt zum 30. Geburtstag? Dass er weiter besteht. Dass er ein Stück widerständig bleibt. Dass Menschen sich hier begegnen, sich unterstützen, sich amüsieren – und dass der rebellische Geist des Ökomarkts weitergetragen wird, mit jeder Entscheidung, mit der Hoffnung auf eine Welt, in der irgendwann alle Menschen frei sein dürfen.