Letzten Sommer wollte Sarah Diehl mit mir in das Ausbildungsrestaurant „Muskat“ auf der Muskauer Straße in Kreuzberg gehen. Wir hatten Pech, das Restaurant war geschlossen: Sommerferien. Damals hatte ich mir vorgenommen, das Muskat später auszuprobieren, also muss jetzt mein Freund herhalten. Jan bekommt eine Solawi-Kiste von einem Kollektiv bei Müncheberg und kocht meist selbst. Perfekt.
Fachkräfte
Das Muskat ist dienstags bis donnerstags zur Mittagszeit geöffnet, Küchenschluss ist um 14 Uhr. Wir sind zu halb eins verabredet, ich bin schon etwas früher da und schaue mich um: Draußen stehen einige Tische, das Restaurant ist hell, die Atmosphäre freundlich-konzentriert. Drei Kellner bewegen sich aufmerksam zwischen den Gästen, neben dem Tresen kann ich bis in die Küche sehen.
Das Muskat ist Teil des Ausbildungswerks Kreuzberg, in dem junge Menschen mit erhöhtem Förderbedarf auch ohne Schulabschluss Praktika machen und einen Beruf erlernen können. Hier lernen sie alles – vom Soßen-Ziehen bis zum Dessert. Neben der Ausbildung zur Fachkraft Küche oder Gastronomie und der Option einer aufbauenden Qualifizierung werden weitere Ausbildungswege angeboten. Es gibt eine Zweiradwerkstatt und eine Tischlerei.
Landauer
Jan kommt wie immer just-in-time, winkt schon von draußen und flüstert mir beim Ausziehen zu: „Das passt ja prima.“ Direkt gegenüber, in Haus Nummer 25, hat Gustav Landauer über den „Freien Arbeitertag“ referiert, der die Verhinderung des Ersten Weltkriegs durch massenhafte Arbeitsniederlegungen vorbereiten sollte. Jan beschäftigt sich schon lange mit Landauer. Wie es dazu kam, will ich wissen.
Eigentlich, erzählt er, wurde er erst 2009 durch einen Vortrag in der anarchistischen „Bibliothek der Freien“ auf Gustav Landauer aufmerksam. Anschließend las er ihn enthusiastisch, beschäftigte sich im Studium mit Landauer und organisierte über zwei Semester ein Projekttutorium an der Humboldt-Universität über ihn. Nach seiner Magisterarbeit – über den französischen Philosophen Jacques Rancière – organisierte er ab Mitte 2014 ein Jahr lang Vorträge für die Bibliothek der Freien, oft ebenfalls über Landauer.
Denkmal
Hier hat Jan auch ein Projekt angestoßen, das noch läuft: die Landauer-Denkmalinitiative. Gustav Landauer hat lange in Berlin gewirkt, unter anderem im Haus gegenüber. Überall im Kiez gibt es Orte, die mit der anarchistischen Geschichte Berlins verbunden sind, sagt Jan.
Letztes Jahr organisierte er eine Kampagne zur Finanzierung des künstlerischen Wettbewerbs für ein Landauer-Denkmal mit, das zwei Ecken weiter am Mariannenplatz entstehen soll. Auch die Landauer-Ausstellung der Initiative wurde wieder gezeigt. Ab dem 18. April wird sie im Anti-Kriegs-Museum in Berlin-Wedding zu sehen sein.
Philosophie
Danach konnte Jan endlich auch seine Dissertation einreichen. Es geht um die Philosophie Gustav Landauers, insbesondere seine Spinoza-Rezeption. Titel: „Praxis der Befreiung“. Baruch Spinoza war ein früh-neuzeitlicher Philosoph aus den Niederlanden. Anschließend hat Jan noch ein Landauer-Buch mitherausgegeben: „Die Abschaffung des Kriegs durch Selbstbestimmung“. Genau darum ging es 1911 auch im Haus gegenüber. Leider haben die Texte wenig an Aktualität verloren, fügt er hinzu.
Das ist ziemlich viel Landauer in letzter Zeit, räumt Jan ein und sieht für einen Moment müde aus. Als die Dissertation abgegeben war, trat er spontan dem Verein um ein Landprojekt in Galicien bei. Da will er bald hin. Doch gerade bereitet er noch einen Vortrag über die Spinoza-Rezeption im Anarchismus vor. In Leipzig findet eine Tagung für anarchistische Studien statt. „Myzelium“ heißt sie, wie das Pilzgeflecht.
Rinderzunge
Im Muskat gibt es heute keine Pilze, aber täglich eine andere Karte mit einem einfachen Menü: Vorspeise, Hauptgang, Dessert, jeweils eine vegetarische Option und eine mit Fisch oder Fleisch. Wir bestellen einmal alles. Jeder Hauptgang kostet um die 10 Euro. Heute gibt es eine Blumenkohlsuppe, Senfeier, Rinderzunge mit Meerrettichsoße. Beide Gerichte werden mit Salzkartoffeln und Endiviensalat mit Apfelsinen serviert. Als Dessert gibt es Tiramisu.
Senfeier lieben wir beide, er weich, ich hart. Bei der Rinderzunge zögern wir kurz. „Ach was“, wische ich meine Bedenken schnell beiseite, „wenn man schon Tiere isst, dann auch komplett.“
Während wir essen, erzählt Jan weiter: Er sitzt viel am Schreibtisch, was Handwerkliches zum Ausgleich würde ihm gefallen, Bücher restaurieren zum Beispiel oder Tischlern. Früher hat er Fahrräder repariert, in einem Second-Hand-Kaufhaus in Amsterdam.
Jan findet eigentlich seinen gesamten Hausrat auf der Straße, und was er nicht braucht, versucht er mir anzudrehen. Wenn er mal wieder etwas repariert oder aus Abfall gebastelt hat, witzeln wir, wie viele Niko-Paech-Punkte er dafür wohl bekäme. Mindestens 100, prahlt er meist.
Perfekt
Das Essen kommt: Die Blumenkohlsuppe ist perfekt. Na klar, mit Muskat. Weiter zum Hauptgang. Ich bekomme die Zunge, in Scheiben geschnitten, sehr zart und mit frisch geraspeltem Meerrettich garniert. Der Salat kriegt 12 von 10 Punkten, das Salatdressing ist maximal gelungen, die filetierten Orangenstücke werden mit frisch gehackter Petersilie und Radieschen serviert.
Auf der Hälfte tauschen wir. Ich will meine Senfeier, also kriegt Jan die Zunge. Es gibt für alles ein erstes Mal. Verkommen lassen kann er sowieso nichts. Die Senfeier machen glücklich, und am Ende sind beide Teller mit dem Thymianbrot blankgeputzt. Wir bestellen je noch eine Tasse Kaffee, die gibt es für 1,20 Euro, mit einem Kännchen aufgeschäumter Milch, und genießen das hausgemachte Tiramisu.
