Das Paradies ist ganz nah, nämlich auf dem eigenen Balkon. Jedenfalls, wenn man ihn mit ein paar Handgriffen zu einem schmucken Kreislaufsystem umgestaltet. Wie einfach das ist, zeigt den interessierten Besuchern die gut gelaunte Birgit Schattling in ihrer Balkonschule auf dem Gelände der Atelier Gardens beim Tempelhofer Feld. Fleißige „Change“-Unternehmen wollen hier mit frischen Ideen einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen und haben die ehemaligen Ufa-Studios auf naturnahe Weise umgestaltet. Zwischen den großen, knallbunt gestrichenen Hallen schmückt der Bungalow von Birgit Schattlings Balkonschule das Gelände. Hier kann man lernen, den eigenen Balkon gesund und nachhaltig zu bepflanzen – für das Mini-Paradies. Voll genial.
Kompostwürmer und Balkonkongresse
An einer langen Tafel sitzen wir bei einem Kaffee zusammen und Birgit Schattling erzählt, wie aus diesem Familientisch, den ihre beiden Brüder nach dem Tod der Eltern schon entsorgen wollten, die Balkonschule entstand. Die Eltern waren gärtnerisch tätig und hatten Birgit den grünen Daumen mitgegeben, warum also nicht mit diesen Fähigkeiten andere beglücken? Sie hörte sich nach geeigneten Räumen um und landete schließlich auf dem „Campus of Change“, bei ähnlich Gesinnten. Neben ihren „Online-Bio-Balkon-Kongressen“ mit wechselnden Referenten – der Rabe Ralf berichtete – und Vorträgen bietet sie hier Gruppenkurse für Privatleute und Teams an, in denen sämtliche Anbauverfahren erläutert werden.
Auf der Tafel steht ein merkwürdiges großes Tongefäß vor uns, aus vielen Öffnungen sprießen Pflanzen. Es ist ein modularer Komposter, in dem eine Mischung geeigneter Regenwürmer ungekochte Speiseabfälle, aber auch andere organische Abfälle, faserhaltige Pappe, Eierpackungen, Klopapierrollen und Tageszeitungen zu fruchtbarer Erde zersetzt. Ein äußerst nützliches Modul für die häusliche Kreislaufwirtschaft. Die Expertin favorisiert für die Wurmkompostierung in der Wohnung jedoch eine eigens entwickelte rollbare Holzkiste mit Sitzkissen.
Dschungel im Regal
Auf einer Führung über das Gelände kommen wir zur Klimaterrasse, einer stabilen Holzkonstruktion, umrahmt von einer kleinen Beetanlage. In alle drei Dimensionen hinein wachsen dort normalerweise in der oberen Etage Feuerbohnen, Kiwis, Beeren, Tomaten und Passionsblumen, unten sprießen Erdbeeren, Kräuter und Salate. Jetzt im Winter hingegen leuchtet es schön grün: winterharter Ewiger Kohl, Wilde Rauke und interessante asiatische Salate, von denen viele Sorten bis zu minus 15 Grad aushalten. Auf dem Rundgang kosten wir von Mizuna, Red Giant und Rouge Metis. Wenn ein Garten schon im Winter optisch was hermacht, dann erst recht im Sommer. So kann nachhaltige Kreislaufwirtschaft aussehen, und das auf nur ein paar Quadratmetern.
Birgit Schattling kooperiert mit Firmen, die das nötige Zubehör bereitstellen. Spezielle Vertikalbeete etwa, die wie Regale aussehen und innen von oben bis unten durchlässig sind, damit sich die Wurzeln in einem durchgehenden Erdkörper senkrecht ausbreiten können. Das ermöglicht die Ernte üppiger Gemüsepflanzen das ganze Jahr hindurch, in der Regel drei- bis viermal. Die schmale Variante dieser Vertikalbeete ist auch eine kompakte Lösung für den Balkon. Der Anblick einer solchen Anlage ist faszinierend. Wie in einem kleinen Dschungel sprießen Kraut und Rüben in allerlei farbigen Mustern wild aus den Regalfächern, strecken sich einem förmlich entgegen, um verspeist zu werden.
In der Balkonschule lernt man aber vor allem, in Kübeln oder Töpfen zu gärtnern. So können grundstückslose Stadtbewohner eigenes Gemüse anbauen und ganz nebenbei etwas für die Artenvielfalt tun. Man benötigt Pflanzkübel mit einem im Boden integrierten Wasserreservoir, so dass die Pflanzen nicht mehr täglich gegossen werden müssen.
Projekte-Biotop
Während unseres Rundgangs erfahre ich, dass die großen, modern ausgestatteten Hallen des ehemaligen Filmstudios, in denen zum Teil noch produziert wird, gemietet werden können. Gewiefte Event-Experten verhelfen den Mietern zu aufregenden Veranstaltungen auf dem filmhistorischen Gelände, gespickt mit individuellen Highlights, die im Gedächtnis bleiben. Birgit Schattling sagt, ich soll das ruhig erwähnen. Neben Filmschaffenden haben sich soziale und nachhaltige Unternehmen bei den Atelier Gardens angesiedelt, deren Tätigkeiten sich mitunter ergänzen. So verarbeitet die Firma Dycle Küchenabfälle der Kantine und den Kaffeesatz des Cafés CHNO zu Terra preta, mit welcher der Gemeinschaftsgarten im Soil Social Club gedüngt wird. Manche Unternehmen kommen nur für ein einzelnes Projekt zu den Atelier Gardens, andere bleiben länger. Sie entsiegeln und begrünen, legen Bienenstöcke an oder verwirklichen ein Regenwasserkonzept. Nachhaltig wirkt vor allem die Weiternutzung des vorhandenen Bestandes, sonst wären die alten Studiohallen womöglich abgerissen worden.
Den Blick weiten
Schließlich geht es eine hohe, gelbe Metalltreppe hinauf. Oben stehen wir auf einer Aussichtsplattform und betrachten das Gelände. In einer Ecke befindet sich ein Taubenschlag für Brieftauben. Ich erfahre, wie einst aus Wildtauben Brieftauben gezüchtet wurden und aus diesen später unsere heutigen Stadttauben entstanden. Hinter dem Gelände erstreckt sich bis zum Horizont die prächtige Weite des Tempelhofer Feldes, auf dem die Menschen zahlreichen Freizeitaktivitäten nachgehen. Vor diesem eindrucksvollen Panorama lässt Birgit Schattling gern ihre Kurse bei knusprigem Baguette und Kräutertee entspannt ausklingen.
