Kaputte Dinge gehören zum Alltag. Reparieren leider nicht. Wenn der Toaster streikt, die Nähmaschine klemmt oder die Nachttischlampe flackert, landen viele Gegenstände früher im Müll, als nötig wäre. Nicht, weil Menschen das wollen – sondern weil Reparieren oft zu teuer, zu kompliziert oder schlicht unpraktisch ist. Genau hier setzt der Kreisler an: als nachbarschaftlicher Ort, an dem Reparieren wieder einfacher wird.
Der Kreisler im „Wutzky“ in der Neuköllner Gropiusstadt ist Reparatur- und Leihladen, Treffpunkt und Nachbarschaftsort zugleich. Hier können Menschen ihre kaputten Dinge gemeinsam mit Leuten, die sich auskennen, reparieren. Wer sein Gerät lieber abgeben möchte, kann das ebenfalls tun und wird benachrichtigt, sobald es repariert ist. Reparieren soll hier keine Hürde sein, sondern eine alltagstaugliche Möglichkeit.
Lokale Kreisläufe
Der Name Kreisler ist inspiriert vom österreichischen Greißler – einem kleinen Nachbarschaftsladen, der früher in fast jedem Dorf existierte und alltägliche Güter sowie soziale Nähe bot, heute jedoch weitgehend verschwunden ist. Zugleich verweist der Name auf „Kreis“ und steht damit für die Kreislaufwirtschaft sowie die Idee, Ressourcen, Fähigkeiten und Wertschöpfung in lokalen Kreisläufen zu halten. Und Kreisler klingt so selbstverständlich und handwerksbezogen wie Bäcker, Schuster, Schneider.
Im Kreisler werden vor allem Elektronik, kleine Haushaltsgeräte, Textilien und kleine Möbel repariert. Außerdem können viele Dinge ausgeliehen werden – von Werkzeugen über Haushaltsgeräte bis hin zu Outdoor-Ausrüstung. Das Prinzip dahinter ist einfach: Nicht alles muss neu gekauft werden, und nicht alles muss jeder Haushalt selbst besitzen. Vieles lässt sich reparieren, teilen oder ausleihen. Das spart Geld, reduziert Müll und schont Ressourcen.
Doch der Kreisler ist mehr als nur ein Ort für kaputte Toaster. Er ist auch ein Treffpunkt für die Nachbarschaft: ein Raum, in dem Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen und gemeinsame Anliegen verfolgen. Neben Reparaturangeboten gibt es Veranstaltungen, Workshops und offene Treffen.
Gegenseitige Unterstützung
Dazu gehört auch eine Workshopreihe zur nachbarschaftlichen Katastrophenvorsorge. Hier geht es um praktische Fragen: Wie können wir uns als Nachbarschaft auf Krisensituationen vorbereiten? Was tun bei Stromausfall oder anderen Notlagen? In Zusammenarbeit mit Organisationen aus der Krisenhilfe wie Cadus werden medizinische und soziale Erste-Hilfe-Kenntnisse vermittelt – immer mit dem Blick auf gegenseitige Unterstützung im Kiez.
Ein anderes Format sind offene Versammlungen der Nachbarschaft. Hier geht es darum, gemeinsam über Bedürfnisse, Ideen und Herausforderungen im Viertel zu sprechen – und erste Schritte zu verabreden, um Dinge gemeinsam zu verändern. Der Kreisler versteht sich damit bewusst als Ort, an dem Nachbarschaft nicht nur stattfindet, sondern gestaltet wird.
Damit dieser Ort für möglichst viele Menschen zugänglich bleibt, arbeitet der Kreisler mit einem solidarischen, einkommensabhängigen Mitgliedschaftsmodell. Der monatliche Beitrag liegt zwischen 2 und 20 Euro. Mit diesen Beiträgen werden zum Beispiel Betriebskosten des Ortes finanziert oder Ehrenamtspauschalen für Menschen ermöglicht, die regelmäßig reparieren oder den Laden offen halten und dafür eine kleine Unterstützung brauchen, um ihr Engagement dauerhaft leisten zu können.
Ein Kreisler in jedem Kiez
Der Erfolg des ersten Standorts zeigt, wie groß der Bedarf an solchen Orten ist. Viele Besucher:innen sagen: So einen Kreisler bräuchten wir auch in unserem Kiez. Daraus ist die Kampagne „Ein Kreisler in jedem Kiez“ entstanden.
Die Forderungen der Kampagne sind einfach: Berlin braucht mehr zugängliche Räume für Reparaturorte, öffentliche Anschubfinanzierung für solche Initiativen, bessere Unterstützung für Reparatur-Communitys – und mehr Möglichkeiten, Reparaturwissen weiterzugeben und aufzubauen. Die Idee dahinter: Reparieren soll so selbstverständlich werden wie der Gang zum Supermarkt oder zum Späti – eine zirkuläre Grundversorgung für die Stadt.
Damit das gelingt, braucht es Unterstützung. Mit einer Fördermitgliedschaft hilft man, den bestehenden Kreisler zu sichern und neue Standorte möglich zu machen. Und wer sich vorstellen kann, selbst einen Kreisler im eigenen Kiez aufzubauen, ist ebenfalls eingeladen. Denn eine Stadt, in der Reparieren leicht möglich ist, ist nicht nur nachhaltiger. Sie ist auch ein Stück solidarischer.
